Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

30.10.2019

15:14

Flugzeugbauer

Bei Airbus ist neue Vorsicht geboten

Von: Jens Koenen

Die guten Zahlen werden von der Zurückhaltung des neuen Konzernchefs Guillaume Faury überschattet. Der will erst einmal die Fertigung sichern.

Konzernchef Faury will eine zuverlässige und für die Airlines planbare Auslieferung erreichen. Reuters

Airbus A400M

Konzernchef Faury will eine zuverlässige und für die Airlines planbare Auslieferung erreichen.

Frankfurt Es dauerte etwas, bis die Investoren realisiert hatten, was Guillaume Faury, seit rund sechs Monaten der Chef des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus, da gerade mit dem Konzern anstellt. Trotz eines deutlich gestiegenen Umsatzes und Ergebnisses konnte sich die Airbus-Aktie am Mittwoch-Vormittag zunächst nicht dem allgemeinen negativen Börsentrend entziehen. Erst gegen Mittag dreht das Papier mit fast zwei Prozent ins Plus.

Dabei war das, was Faury und sein Finanzchef Dominik Asam am frühen Morgen präsentiert hatten, eigentlich schon auf den ersten Blick überzeugend. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg in den ersten neun Monaten um 51 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um 14 Prozent auf 46,2 Milliarden Euro zu. Auch im Rüstungsgeschäft läuft es wieder deutlich besser gut. Der Umsatz wuchs um neun Prozent auf 7,7 Milliarden Euro.

Doch die Investoren schauten wohl vor allem auf eine andere, zunächst irritierende Botschaft des neuen Airbus-Chefs. Faury bremst die Fertigung des Unternehmens ab. Er rückt die Stabilisierung der Produktionsabläufe in den Vordergrund. „Wir konzentrieren uns auf den Ramp-Up des A320neo“, so Faury.
Andere Ziele werden zurückgestellt. Etwa die Zahl der Jets, die in diesem Jahr wahrscheinlich ausgeliefert werden. Faury nennt 860 Flugzeuge als neue Vorgabe.

Bisher lag die bei 880 bis 890 Jets. „Unser angepasster Ausblick reflektiert die Aktivitäten, um einen effizienteren Auslieferungs-Strom in den kommenden Jahren zu sichern“, sagte Faury. Branchenexperten begrüßen den Strategieschwenk.

In der Vergangenheit hatten Airbus und Boeing stets mit aller Macht versucht, im vierten Quartal die eigenen Vorgaben etwa bei den Auslieferungen noch zu erreichen, auch wenn das die Kosten trieb. Für Bjorn Fehrm vom Informationsdienst Leeham News funktioniert das aber nicht auf Dauer: „Airbus kann nicht länger eine Drei-Quartale-Firma sein.“

Zu viel vorgenommen

Tatsächlich ist die Kehrtwende zwingend. Bei der Fertigung des beliebten Kurz- und Mittelstrecken-Flugzeugs A320 neo klemmt es mächtig. Kurz nach dem Anlaufen der Fertigung gab es Probleme mit den Motoren. Sie mussten häufig getauscht werden, der Nachschub stockte. Deshalb musste Airbus zwischenzeitlich zahlreiche unfertige Jets etwa auf dem Parkplatz am Standort Hamburg zwischenlagern.

Gleichzeitig musste die Produktionsrate sukzessive hochgefahren werden, um das gewaltige Orderbuch abarbeiten zu können. Ende September hatte der Konzern Bestellungen über 5768 Flugzeuge der A320-Familie in den Büchern. 60 Stück baut Airbus aktuell pro Monat. Eigentlich sollten daraus 75 Stück werden. Doch nun soll die Fertigung langsamer wachsen – auf zunächst 63 Maschinen.

Grafik

Faury will vor allem eines erreichen: eine zuverlässige und nicht zuletzt für die Airlines planbare Auslieferung. Dahinter dürfte die Erkenntnis stecken, dass man sich bisher schlicht zu viel vorgenommen hatte. Zum einen sei es sehr schwierig, den Lieferstau der Vergangenheit abzuarbeiten und gleichzeitig die Fertigungsrate zu erhöhen, argumentiert Faury. Zudem ist die Modellpalette der A320neo-Familie breiter geworden.

Airbus bietet nun auch eine für Langstrecken „gepimpte“ Version der A321neo an. Dazu hat man ein neues flexibles Kabinenkonzept entwickelt, die sogenannte Airbus Cabin Flex-Version (ACF). „Das bedeutet eine höhere Komplexität, die zu managen eine Herausforderung ist“, räumte der Airbus-Chef ein.

Um die Fertigung zukunftsfest und verlässlicher zu machen, hat sich Faury zudem eine Modernisierung der Produktion vorgenommen. Dabei geht es um Einsatz neuer digitaler Technologien und die Automatisierung in den Fertigungshallen. Beim neuen Langstreckenjet A350 nutzt Airbus bereits stark die 3D-Technologie. Die recht reibungslose Einführung des Jets in den Markt wird bei Airbus unter anderem mit dem Einsatz neuer Methoden erklärt.

Die sollen nun überall angewendet werden. Während im Werk Hamburg die Automatisierung mit der neuen Fertigungslinie bereits eingeleitet wurde, gibt es im Stammwerk in Toulouse noch Nachholbedarf. All das kostet Zeit und Geld. Das zeigt sich vor allem am freien Mittelzufluss (free Cashflow). Er ist in den ersten neun Monaten mit minus 5,1 Milliarden Euro deutlich negativer als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum (3,9 Milliarden Euro).

Für das Gesamtjahr – das in der Regel von Buchungseffekten im starken letzten Quartal geprägt ist – reduzierte Faury die Prognose für den free Cashflow von bisher vier auf drei Milliarden Euro. Angesichts dessen überrascht, dass es Airbus dennoch gelungen ist, das Betriebsergebnis (Ebit) in den ersten neun Monaten deutlich zu steigern.

„Wir haben gute Fortschritte gemacht beim Thema Profitabilität“, erklärte Finanzchef Asam: „Auch haben wir einen besseren Produktmix mit mehr hochwertigeren Jets.“ Zu den von den USA kürzlich verhängten Strafsteuern auf Flugzeuge in Höhe von zehn Prozent äußerte sich Faury zurückhaltend.

Per se müssten solche Abgaben die Airlines bezahlen. „Aber wir sind in Gesprächen mit den Kunden, um eine pragmatische Lösung zu finden.“ Im übrigen hoffe er, dass die EU und die USA den Streik auf dem Verhandlungswege beilegen könnten.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×