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31.10.2022

14:00

Gesundheitskonzern

Fresenius kassiert Gewinnprognose und überprüft sein Portfolio – Aktien steigen

Von: Maike Telgheder

Probleme bei der Dialysetochter FMC in den USA belasten auch den Mutterkonzern. Beide Dax-Unternehmen senken zum zweiten Mal ihre Prognosen.

Probleme der Tochter Fresenius Medical Care in Nordamerika brocken dem Gesundheitskonzern eine Gewinnwarnung ein. Fresenius

Fresenius

Probleme der Tochter Fresenius Medical Care in Nordamerika brocken dem Gesundheitskonzern eine Gewinnwarnung ein.

Frankfurt Mit steigenden Kursen haben die Märkte am Montag auf eine erneute Gewinnwarnung des Gesundheitskonzerns Fresenius und seiner Dialysetochter Fresenius Medical Care reagiert. Die Titel von Fresenius legten um mehr als vier Prozent zu, die Aktien von FMC sogar um mehr als fünf Prozent.

Allerdings haben beide Titel in den vergangenen fünf Jahren fast 70 Prozent ihres Wertes verloren, den größten Teil in den vergangenen zwölf Monaten. Laut Analyst Oliver Metzer von Oddo BHF spiegelt die Reaktion der Anleger wider, dass jetzt alle negativen Informationen in die Aktie eingepreist seien und weitere ungünstige Nachrichten unwahrscheinlich erscheinen.

Am Sonntagabend hatten die Unternehmen ihr Gewinnziel für 2022 zum zweiten Mal in diesem Jahr gesenkt. Personalengpässe und höhere Kosten belasten Fresenius Medical Care in den USA stärker als bisher erwartet. Das wirkt sich auch auf den Mutterkonzern aus, zu dessen Umsatz Fresenius Medical Care knapp die Hälfte beisteuert.

Fresenius wie auch die Dialysetochter werden seit Anfang Oktober von neuen CEOs geführt. Bei Fresenius ist Michael Sen, der bisherige Chef der Medikamentensparte Kabi, zum Vorstandvorsitzenden aufgestiegen. Fresenius Medical Care wird von der langjährigen Philips-Managerin Carla Kriwet geführt.

Beide Führungskräfte bekräftigten ihr Vorhaben, die Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Es sei erforderlich, die operative Geschäftsentwicklung zu verbessern, sagte FMC-Chefin Carla Kriwet: „Wir haben bereits mit der Ausarbeitung eines umfassenden Turnaround-Plans begonnen.“

Auch der Mutterkonzern Fresenius will sich darauf konzentrieren, die Produktivität zu erhöhen. „Wir haben begonnen, alle Geschäftsaktivitäten auf den Prüfstand zu stellen, und schauen uns dabei das gesamte Portfolio an. Der Schwerpunkt liegt auf Rentabilität“, kündigte Firmenchef Sen die Neuausrichtung an.

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In einer Telefonkonferenz mit Analysten betonte Sen, dass der Fokus zunächst auf Maßnahmen gelegt werde, die das Unternehmen selbst in der Hand habe. So würde in allen Bereichen noch intensiver nach Möglichkeiten gesucht, Kosten einzusparen.

Die Rendite auf das eingesetzte Kapital soll zum zentralen Maßstab werden. Dieser werde laut Sen auch in die Vergütung des Managements Eingang finden. Der Manager will aber auch das Portfolio von Fresenius auf den Prüfstand stellen. „Wir schauen uns das Konzernportfolio von allen Seiten an und untersuchen die Möglichkeiten und Herausforderungen in unseren Märkten.“

Analyst Tom Jones begrüßte, dass der Fresenius-CEO bei der Neuausrichtung zügig vorgehen wolle. Gleichwohl seien die Prioritäten noch vage, was angesichts der Kürze der Zeit, die Sen als Chef agiere, verständlich sei.

Analysten von JP Morgen werteten die Aussagen zur Portfolioüberprüfung positiv, weil sie auf einen größeren Spielraum für strategische Veränderungen hindeuten. Investoren hatten mehrfach gefordert, dass sich Fresenius von seiner 32-Prozent-Beteiligung an Fresenius Medical Care trennen solle, um etwa die Komplexität zu reduzieren und mehr finanziellen Spielraum für Wachstum zu bekommen.

Fresenius und FMC litten unter Pandemie

Mit der erneut gesenkten Gewinnprognose haben Fresenius und FMC auf die schlechtere wirtschaftliche Situation wie die steigende Inflation, Personalengpässe und gestörte Lieferketten reagiert. Fresenius Medical Care rechnet nun mit bis zu 25 Prozent weniger Gewinn. Bislang hatte das Unternehmen mit einem Rückgang im hohen Zehner-Prozentbereich gerechnet.

Mutterkonzern Fresenius geht von einem Rückgang des Konzernergebnisses um die zehn Prozent aus, nachdem bisher ein Minus im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich in Aussicht gestellt worden war. Die Gewinnziele sind währungsbereinigt und vor Sondereffekten. Nicht in der Prognose enthalten sind mögliche Gas- oder Stromausfälle in Europa.

Fresenius und FMC haben in den vergangenen beiden Jahren stark unter den Folgen der Coronapandemie gelitten. Überproportional viele Dialysepatienten sind an den Folgen einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus gestorben. Viele Eingriffe und Operationen in den Krankenhäusern wurden verschoben. Hinzu kamen steigende Kosten für Hygienemaßnahmen und pandemiebedingte Personalausfälle.

FMC leidet derzeit besonders unter einem Mangel an Pflegepersonal in seinem mit Abstand größten Markt, den USA. Die Fluktuation ist hoch, viele Fachkräfte haben nach den Belastungen in der Pandemie ihre Arbeitszeiten reduziert oder sind in andere Branche gewechselt.

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Auch FMC-Konkurrent Davita hatte in der vergangenen Woche bereits seine Gewinnprognose für das laufende Jahr reduziert und die schwierige Personalsituation als Grund dafür genannt.

FMC schrumpft organisch

Organisch ist FMC in den USA im dritten Quartal sogar um zwei Prozent geschrumpft. Der Effekt konnte durch Wachstum in den anderen Regionen mehr als aufgefangen werden, sodass das Unternehmen insgesamt aus eigener Kraft um zwei Prozent zulegen konnte.

Hohe Wechselkurseffekte sorgten dafür, dass FMC den Umsatz im dritten Quartal insgesamt um 15 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro steigern konnte. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis schrumpfte um 17 Prozent auf 231 Millionen Euro. Auch hier profitierte das Unternehmen deutlich vom zum US-Dollar schwachen Euro. Währungsbereinigt war der Gewinn um 25 Prozent gesunken.

Die schwachen Zahlen der Dialysetochter bremsten auch Fresenius im dritten Quartal deutlich. Zudem lief das Geschäft bei der Dienstleistungstochter Vamed schlechter. Insgesamt wuchs Fresenius im dritten Quartal um zwölf Prozent auf 10,46 Milliarden Euro Umsatz.

Positive Wechselkurseffekte herausgerechnet betrug der Zuwachs fünf Prozent. Das Konzernergebnis vor Sondereinflüssen sank um 15 Prozent auf 371 Millionen Euro – währungsbereinigt waren es minus 22 Prozent. Die Neuausrichtung von Fresenius werde nicht von heute auf morgen umsetzbar sein, sagte Konzernchef Sen. „Aber wir werden schneller und entschlossener vorgehen als zuvor“, kündigte er an.

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