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29.11.2022

17:56

„Global Dream“

Warum Disney ein unfertiges Kreuzfahrtschiff aus Deutschland kauft

Von: Michael Scheppe

Der Unterhaltungsriese übernimmt die „Global Dream“ der insolventen MV-Werften zum Schnäppchenpreis. Disney investiert damit in einen wachsenden Markt und hat einen Kundenkreis besonders im Fokus.

Das Kreuzfahrtschiff Global Dream in der Werft dpa

„Global Dream“ der MV-Werften geht an Disney

Disney besäße mit der „Global Dream“ zusammen sechs Kreuzfahrtschiffe, aber in der Branche ist der Konzern damit noch ein kleiner Anbieter.

Düsseldorf Der US-Unterhaltungsriese Walt Disney kauft ein noch nicht fertig gebautes Schiff aus Deutschland. Die hauseigene Konzernrederei Disney Cruise Lines will das Schiff, das in den pleitegegangen MV-Werften in Wismar liegt, von Experten der Meyer Werft fertigbauen lassen. Das teilte der US-Konzern in der Nacht zu Donnerstag in einem Blogeintrag mit.

Das zu 75 Prozent fertiggestellte Schiff war vom früheren MV-Eigentümer, dem chinesischen Kreuzfahrtkonzern Genting Honkong, für den asiatischen Markt bestimmt gewesen. Auf der „Global Dream“ sollten ursprünglich rund 9500 Menschen Platz finden, sie wäre damit das nach Passagierzahl weltgrößte Schiff gewesen. In der Pandemie gingen jedoch zunächst die MV-Werften und später auch der Mutterkonzern insolvent.

Der Konzern betreibt nicht nur Freizeitparks und ist etwa mit seiner Plattform Disney+ im Streamingmarkt aktiv. Der Unterhaltsriese besitzt bereits fünf Kreuzfahrtschiffe, die „Global Dream“ wäre das sechste. 2025 soll der Umbau fertig sein. Disney will das Schiff umbenennen und außerhalb des amerikanischen Kontinents stationieren, kündigte das Unternehmen an.

In der Kreuzfahrtbranche ist Disney ein kleiner Anbieter. Marktführer Carnival, zu dem die Schiffe von Costa oder Aida gehören, zählte zu Jahresbeginn 95 Schiffe. Die Royal-Caribbean-Gruppe mit ihren Marken Tui oder Hapag-Lloyd Cruises kommt auf 60 Schiffe.

Disney will sich von der Konkurrenz mit einem Fokus auf Familien abheben. Viele Kreuzfahrten beginnen in Florida, führen durch die Karibik und legen an der konzerneigenen Insel Castaway Cay an. Auf den Schiffen spielen Disney-Charaktere wie Micky Maus eine wichtige Rolle, zudem werden die hauseigenen Filme und Serien gezeigt.

Disney ist seit 1998 im Kreuzfahrtgeschäft

Der Konzern ist 1998 in das Kreuzfahrtgeschäft eingestiegen. Geschäftszahlen nennt der Konzern dafür nicht. Das Resort- und Urlaubssegment von Disney, zu dem auch Schiffe und Hotels gehören, steht für acht Prozent der gesamten Umsätze. Die Sparte gehörte in den vergangenen Quartalen zu den am schnellsten wachsenden Bereichen.

„Disney ist sehr erfolgreich darin, seine Geschäfte profitabel von Themenparks in die Bewirtschaftung der umliegenden Restaurants und Hotels zu erweitern“, sagt Francois Godard, Analyst beim Beratungshaus Enders Analysis, dem Handelsblatt. Derselbe Grundgedanke gelte für die Schiffe, auch hier seien Familien in Kontakt mit dem gesamten Disney-Universum.

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„Das Schöne an dem Geschäftsmodell ist, dass es eine Hebelwirkung auch außerhalb des Video- und Themenparkgeschäfts hat“, sagt Godard. Disney sei mit diesem Vorgehen weiter als die Konkurrenz.

Der Streamingexperte Bernd Riefler versteht die Kreuzfahrtstrategie von Disney als eine Ergänzung des Kerngeschäfts. „Disney diversifiziert so seine Einnahmequellen und kann Kundengruppen anders ansprechen, die dann auch für weitere Angebote des Konzerns begeistert werden können“, sagt der Gründer des Münchener Analysehauses Veed Analytics.

„Global Dream“: Vom Casino zum Familienschiff

Disney investiert in einen wachsenden Markt. Schon Ende September habe die Nachfrage das Vorkrisenniveau wieder übertroffen, teilte der internationale Kreuzfahrtverband CLIA mit. Wegen der Restriktionen der Pandemie waren die Gästezahlen zwischen 2019 und 2020 weltweit um 81 Prozent eingebrochen.

Die „Global Dream“ war eigentlich als schwimmendes Casino geplant. Disney lässt das 342 Meter lange und 46 Meter breite Schiff zu einem Familiendampfer umbauen. Es soll dann 6300 Passagieren und 2300 Crew-Mitgliedern auf 20 Decks Platz bieten.

Zu Kaufpreis und der Höhe der Umbaukosten äußert sich Disney nicht konkret. Die Summe dürfte aber deutlich unter dem geschätzten Wert des Schiffs von 1,3 bis 1,6 Milliarden Euro liegen, lässt der Blogeintrag vermuten. Disney habe angesichts der Insolvenz der Werft einen „guten Deal“ von den Gläubigern bekommen. Selbst mit den Kosten des Umbaus sei es ein „schneller und bezahlbarer Weg“, die Flotte zu erweitern, schrieb Disney. Recherchen der Redaktionen von Stern und Capital scheinen das nun zu bestätigen: demnach liegt der Preis bei lediglich 40 Millionen Euro.

„Global Dream“-Verkauf an Disney: Große Bedeutung für den Schiffbau-Standort Mecklenburg-Vorpommern

Der Verkauf des Kreuzfahrtriesen hat für den Schiffbau-Standort Mecklenburg-Vorpommern eine große Bedeutung. Nach der Insolvenz der MV-Werften-Gruppe im Januar befinden sich 900 ehemalige Beschäftigte weiter in einer Transfergesellschaft. Diese wurde zuletzt bis Ende November verlängert.

Nun bietet sich für sie mit dem geplanten Fertigbau durch die Papenburger Meyer-Werft am Standort Wismar eine mittelfristige Perspektive. „Ein drohender Rückbau wäre für die Werft und die Branche keine gute Option gewesen“, sagte CLIA-Deutschlandchef Helge Grammerstorf. Mit der neuen Lösung würde „vielen Werftmitarbeitern ein weiteres Stück Zukunft gesichert“.

Die Meyer-Werft ist mit Disney bereits gut im Geschäft. Die Papenburger haben schon drei Schiffe für das Unternehmen aus Florida gebaut, zwei weitere seien laut Disney in Planung.

Disney hatte seine Anleger jüngst mit seinen Quartalszahlen enttäuscht. Gerade die Investitionskosten für den Aufbau des Streaminggeschäfts schlugen negativ zu Buche. Der Nettogewinn stieg nur um ein Prozent auf 162 Millionen Dollar. Zudem wurde zuletzt bekannt, dass Disney einen Einstellungsstopp plant. Auch sollen Mitarbeiter entlassen werden, der Umfang ist noch nicht bekannt.

Erstpublikation: 17.11.22, 13:23 Uhr.

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