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28.03.2019

09:15

Glyphosat-Prozess

Was das Monsanto-Urteil für Bayer bedeutet

Von: Bert Fröndhoff, Katharina Kort

Bayer akzeptiert das Urteil nicht und geht in Revision. Die Klägeranwälte drängen dagegen auf einen Vergleich. Das könnte den Konzern Milliarden kosten.

Bereits in der vergangenen Woche hatte die Jury geurteilt, dass das glyphosathaltige Produkt Roundup für die Krebserkrankung des Klägers verantwortlich ist. AP

Roundup

Bereits in der vergangenen Woche hatte die Jury geurteilt, dass das glyphosathaltige Produkt Roundup für die Krebserkrankung des Klägers verantwortlich ist.

Düsseldorf, New York80 Millionen Dollar Schadensersatz soll Bayer an einen krebskranken Amerikaner zahlen, der über viele Jahre hinweg den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup eingesetzt hat. Dieses Urteil traf am Mittwoch die Jury im zweiten Prozess gegen den von Bayer übernommenen Monsanto-Konzern, der Roundup herstellt und vertreibt.

Dass Bayer den Prozess verliert, hatte sich bereits in der vergangenen Woche angedeutet. Dennoch dürfte das Urteil an diesem Donnerstag wieder die Öffentlichkeit und den Aktienkurs von Bayer bewegen. Der Börsenwert des Konzerns ist in den vergangenen Tagen bereits massiv eingebrochen.

Die Aktie verlor am Donnerstag zur Handelseröffnung in Frankfurt aber lediglich 1,4 Prozent – ein Hinweis darauf, dass die Folgen nun im Kurs eingepreist sind. Mit einem Kurs unter 56 Euro kostet sie so wenig wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Wie überraschend ist das nun konkrete Urteil in dem Prozess?
Kaum jemand hat damit gerechnet, dass Bayer in der zweiten Phase des Prozesses noch ungeschoren davonkommen wird. Die Jury hatte vorige Woche bereits geurteilt, dass Glyphosat aus ihrer Sicht ein erheblicher Grund für die Erkrankung des Klägers an Lymphdrüsenkrebs ist. Nun hat sie in der zweiten Phase entschieden, dass Monsanto dafür haftbar gemacht werden kann, und sprach dem Kläger Edwin Hardeman Schadensersatz in Höhe von 80 Millionen Dollar zu.

Wie setzt sich diese Summe zusammen?
Der eigentliche Schadensersatz für den Kläger beträgt fünf Millionen Dollar. Dazu kommen 75 Millionen Dollar an sogenannten Punitive Damages. Diese Strafzahlungen werden von US-Gerichten verhängt, wenn sie Unternehmen vorsätzliches oder bösartiges Verhalten vorwerfen. Die Jury folgte der Beweisführung der Klägeranwälte, nach der Monsanto die mögliche Krebsgefahr durch Roundup bewusst verschwiegen habe.

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Muss Bayer die Summe nun zahlen?
Nein. Es handelt sich um ein Urteil in erster Instanz, das nun zunächst durch den Richter überprüft wird. Es ist kaum zu erwarten, dass er die Entscheidung der Jury komplett aufheben wird. Oft wird in dieser Phase aber die Strafschadenzahlung gesenkt. Bayer wird auch in diesem Prozess in Revision gehen – in der Erwartung, dass dort von professionellen Richtern ein anderes Urteil gefällt wird.

Was bedeutet das Urteil für die gesamten Glyphosat-Klagen?
Es hat keinerlei bindende Wirkung für andere Verfahren. Jeder Fall ist wegen der individuellen Erkrankungshistorie eines Klägers einzeln zu betrachten. Allerdings sollte der nun abgeschlossene Fall nach dem Willen des Richters in San Francisco eine gewisse Strahlkraft haben – zumindest für die dort anhängenden 600 Klagen: Anhand des Urteils sollen Bayer und die Kläger ihre Rechtsposition und ihr weiteres Vorgehen besser bewerten können. Allerdings gibt es noch zwei weitere solcher Muster- oder Testfälle, die erst im Mai starten.

Hat Bayer denn überhaupt noch Chancen, weitere Prozesse zu gewinnen?
Ja, denn jeder Fall wird einzeln verhandelt. An der Börse ist derzeit aber der Worst Case im Aktienkurs von Bayer eingepreist. Der würde bedeuten, dass der Konzern sämtliche Prozesse verliert und auf eine riesige Schadensersatzzahlung zusteuert. Von manchen Analysten werden Summen zwischen 15 und 30 Milliarden Dollar genannt, schließlich sind mehr als 11.000 Klagen anhängig. So etwas ist aber derzeit überhaupt nicht absehbar. Erst wenn fünf oder sechs Verfahren bis in höhere Instanzen durchprozessiert sind, zeigt sich, in welche Richtung der gesamte Rechtskomplex geht: Dann wird erkennbar, ob sich Bayer in keiner Instanz mit seiner fakten- und wissenschaftsbasierten Argumentation durchsetzen kann.

Was machen nun die Klägeranwälte?
Die Klägeranwälte haben nach den ersten beiden gewonnenen Prozessen Oberwasser und werden dies auszunutzen versuchen. Es ist absehbar, dass sie möglichst viele weitere Klagen gegen Monsanto einsammeln. Das erhöht das Drohpotenzial gegenüber Bayer. Die Klägeranwälte haben kein Interesse daran, jeden einzelnen Prozess durchzufechten, sondern arbeiten auf einen Vergleich mit Bayer hin. Je mehr Prozesse sie gewinnen, desto wahrscheinlicher wird ein Vergleich.

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Lässt sich Bayer darauf ein?
Rational würde man denken, dass Bayer nach den ersten Niederlagen seine Strategie ändert, meint Steven Tapia, Juraprofessor an der Universität Seattle und ehemaliger Unternehmensanwalt. „Aber die Stellungnahmen nach dem Urteil lassen stark darauf schließen, dass Bayer immer noch davon überzeugt ist, dass es kosteneffizienter ist, jede Klage einzeln durchzuprozessieren, als sich mit allen zu einigen“, beobachtet er. Tatsächlich weist Bayer einen möglichen Vergleich noch weit von sich. Es ist aber realistisch, dass die Causa Glyphosat genau darauf zusteuert. Pharmaverfahren in den USA enden sehr oft mit Vergleichen ohne Schuldanerkenntnis.

Was bringt das?
Das Vorgehen folgt einer einfachen Rechnung: Ist der Vergleich billiger als die absehbaren weiteren Verfahrenskosten, so lohnt er sich. Erst am Montag hat Bayer so einen Vergleich abgeschlossen: 388 Millionen Euro zahlt der Konzern an 25.000 Kläger, die das Bayer-Medikament Xarelto mit schweren Gesundheitsschäden in Verbindung bringen. Der Konzern erkennt keine Schuld an und hat auch alle sechs Xarelto-Verfahren bisher gewonnen. Dennoch ist der Vergleich ökonomisch sinnvoll.

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Wie geht es in den Glyphosat-Fällen weiter?
Schon an diesem Donnerstag startet voraussichtlich der nächste Prozess in der kalifornischen Stadt Oakland. Dort macht ein Ehepaar die Verwendung des glyphosathaltigen Roundup für seine Krebserkrankung verantwortlich. Hier wird es keine Teilung in zwei Verfahrensphasen geben. Ein Urteil ist erst im Mai zu erwarten. Später im Jahr starten zwei weitere Prozesse in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Dazu kommt das Revisionsverfahren im ersten Prozess, das im April startet und locker bis in den Herbst oder sogar bis ins kommende Jahr gehen könnte. Die Glyphosat-Rechtsfälle werden also noch lange auf Bayer lasten – mit derzeit ungewissem Ausgang.

Hat Bayer schon Rückstellungen gebildet?
Der Konzern hat im Jahr 2018 Rückstellungen für die erwarteten Verteidigungskosten in den nächsten drei Jahren gebildet – so lange dürften die Glyphosat-Prozesse mindestens dauern. Die genaue Höhe ist unklar. Im vierten Quartal verbuchte Bayer für Rechtsfälle in der betroffenen Division „Crop Science“ rund 250 Millionen Euro. Rückstellungen für Schadensersatz- oder Vergleichszahlungen kann und darf der Konzern erst vornehmen, wenn sich konkrete Belastungen abzeichnen.

Kommentare (3)

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Herr Hans-Hermann Clever

28.03.2019, 10:26 Uhr

Der Vorstand von BAYER ist an Naivität kaum noch zu übertreffen. Die Justiz in den USA tickt eben anders als in Europa. Man kann dort wissenschaftlich absolut ungbegründete Urteile erreichen, auch wenn 1 Mio. Gutachten das widerlegen sollten. Zumal es sich hier um eine deutsche Firma handelt. Die Kosten gehen ja nicht mehr zu Lasten der ehemals amerikanischen Firma Monsanto, sondern zu Lasten der Aktionäre von BAYER. Die sollen erst mal die Scherben wegkehren, wenn sie dazu überhaupt noch in der Lage sind (10000 Klagen a 60 Mio Euro macht nach Adam Riese 600 Milliarden Euro). Danach werden sie dannn aufgekauft und in Stücke zerschlagen. Der Vorstand bekommt von mir KEINE Entlastung!

Herr J.-Fr. Pella

28.03.2019, 13:41 Uhr

ist der Herr Baumann noch i m m e r Vorstandsvorsitzender???

Der Aufsichtsrat besteht offensichtlich auch aus überwiegenden Schlafmützen.

Solange die Einkommen fließen, kann man r u h i g schlafen.

Es ist schlimm!!!

Herr Andre Peter

28.03.2019, 14:16 Uhr

"Was das Monsanto-Urteil für Bayer bedeutet" - KLAR: Die Entlassung Baumanns!!!!

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