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11.11.2022

04:00

Green Innovation Week

VW, BMW und Mercedes tüfteln am Traum vom recyclebaren Öko-Auto

Von: Franz Hubik, Roman Tyborski

Löchrige Gussteile und Kaktus statt Leder: Immer mehr Fahrzeughersteller setzen auf nachhaltige Werkstoffe. Bei der jüngeren Kundschaft könnte sich das bald auch lohnen.

Der EQXX soll besonders leicht werden – denn er enthält löchrige Gussteile. Mercedes

Mercedes Vision EQXX

Der EQXX soll besonders leicht werden – denn er enthält löchrige Gussteile.

Düsseldorf, München Um Autos zu bauen, werden Tiere getötet, Wälder abgeholzt und Meere verschmutzt. In den Innenräumen der Fahrzeuge dominieren Leder, Holz und diverse Kunststoffe. Karosserie und tragende Komponenten bestehen überwiegend aus Stahl, Eisen und Aluminium, deren Herstellung energie- und wasserintensiv ist.

Mit dem Schwenk hin zu Elektroantrieben wird die Industrie zwar deutlich ökologischer, weil Stromer aus weniger Einzelteilen bestehen und im Betrieb keine Treibhausgase ausstoßen. Das macht den Autobau aber noch lange nicht umweltfreundlich. Das muss die Branche schon aus regulatorischen Gründen ändern. Zudem pochen Investoren auf eine nachhaltige Ausrichtung nach ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance).

Die Hersteller reagieren mit großen Ankündigungen: BMW will das „grünste“ Elektroauto bauen, Mercedes das effizienteste und Volkswagen verspricht, auch allen künftigen Generationen noch Mobilität zu ermöglichen. Dabei gelobt die Industrie verstärkt auf Materialien zu setzen, die sich recyceln lassen. Zudem experimentieren die Autobauer mit gänzlich neuen Stoffen und senken ihren Ressourceneinsatz.

Autositze aus Kaktus und Banane statt aus Leder

Die ersten sichtbaren Veränderungen werden Autofahrer im Interieur erleben. Oberflächen aus Leder könnten künftig stattdessen aus Olivenblättern, Kakteen oder einer Mischung aus Bananen- und Kokosfasern bestehen. Plastik aus Ozeanen, Kaffeesatz, Weizenstroh oder Reishülsen taugt als Alternative für erdölbasierte Kunststoffe und Verbundmaterialien.

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts beschäftigen sich in einer aktuellen Untersuchung mit den verbauten Fahrzeug-Innenraummaterialien. Die Forscher schreiben: „Die Gestaltung des Fahrzeuginnenraums bietet großes Potenzial für nachhaltige Entwicklungen.“

Der Wagen ist extrem leicht. Mercedes

Innenraum des Mercedes Vision EQXX

Der Wagen ist extrem leicht.

Durch Elektromobilität und Digitalisierung verschieben sich die Prioritäten der Autokäufer. Weitgehend standardisierte Elektroantriebe lassen das Interesse an individuellen Motoreigenschaften langfristig sinken. Automatisierte Fahrfunktionen wiederum geben den Fahrern mehr Zeit, sich mit den Innenraumfunktionen eines Fahrzeugs auseinanderzusetzen. Dadurch übernimmt auch die Innenraumgestaltung eine immer größere Rolle bei der Kaufentscheidung.

Junge Kunden zahlen mehr für nachhaltige Autos

Vor allem jüngere Käufer wollen immer öfter wissen, woher die genutzten Materialien kommen und wie sie verarbeitet wurden, heißt es in der Studie des Fraunhofer-Instituts. Mitautorin Franziska Braun sieht im Gespräch mit dem Handelsblatt auch eine höhere Zahlungsbereitschaft: „Es gibt bestimmte Kunden, vor allem jüngere, die für nachhaltige Produkte bereit sind, einen Aufpreis zu zahlen.“

Andere Kunden dagegen nähmen recyceltes Material als Qualitätsverlust wahr. „Für die Autobauer ist es daher schwierig, die richtige Entscheidung bei der Wahl alternativer Materialien im Innenraum zu treffen“, sagt Braun.

Diese schwierigen Entscheidungen müssen die Autobauer künftig sehr ernst nehmen. Denn ihr wirtschaftlicher Erfolg wird verstärkt davon abhängen, wie ernst sie das Thema Nachhaltigkeit nehmen.

Der vegane BMW kommt 2023

BMW will ab 2023 die ersten Fahrzeuge mit vollständig veganen Oberflächen anbieten. Laut einer Auflistung der Tierrechtsorganisation Peta bieten viele Marken wie Opel, Ford, Toyota oder Dacia in ihren Fahrzeugen bereits standardmäßig Oberflächen, Sitze, Lenkräder und Schaltknäufe ohne tierische Elemente an.

Dadurch müssen zur Produktion keine Tiere mehr sterben – und die CO2-Emissionen sinken deutlich, bei veganen BMW-Lenkrädern beispielsweise um stolze 85 Prozent. Volvo will auch wegen der besseren Klimabilanz ab 2030 nur noch Fahrzeuge mit Werkstoffen wie „Nordico“ anbieten, die aus recycelten PET-Flaschen, Weinkorken und organischen Materialien aus den Wäldern Skandinaviens bestehen.

Zudem eignet sich das Öko-Engagement auch für eine gute PR. Fraunhofer-Forscherin Braun berichtet: „Wir beobachten derzeit, dass immer mehr Autohersteller versuchen, über Werbung ein nachhaltiges Markenimage zu kommunizieren.“

Mercedes EQS besteht nur zu 3,3 Prozent aus nachhaltigen Rohstoffen

Allerdings gehen PR und Realität mitunter weit auseinander. So sucht man beim Volkswagen-Konzern vollständig vegane Ausstattungsvarianten weiter vergeblich. Lediglich nachhaltige Materialien, die in den Sitzstoff eingewebt werden oder nachhaltige Kunststoffe gibt es.

Selbst der Mercedes EQS, eines der effizientesten Elektroautos aus Deutschland, besteht nur zu 3,3 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen und recyceltem Material.

Grafik

Gemessen am Gesamtgewicht von 2,4 Tonnen besteht die Limousine zu mehr als zwei Dritteln aus Stahl und Eisen sowie Leicht-, Bunt- und Sondermetallen. Die 287 Bauteile aus ressourcenschonenden Materialien kommen zusammen lediglich auf 82,3 Kilogramm.

Noch sind die Kosten hoch, die Nachfrage ist gering

Ein Problem bei der Umstellung sind die höheren Kosten. „Aktuell müssen die Autohersteller höhere Produktionskosten in Kauf nehmen, wenn sie nachhaltige Materialien verwenden, da die Nachfrage noch gering ist“, sagt Braun. Erst wenn die Nachfrage steige, würden sich Skaleneffekte einstellen, die dafür sorgten, dass sich nachhaltige Materialien im Preis herkömmlichen Materialien annäherten.

Bei Mercedes lautet daher ein erklärtes Entwicklungsziel, bei Strukturteilen aus Metall alles wegzulassen, was nicht aus Sicherheitsgründen erforderlich ist. Die gesamten tragenden Elemente der Heckpartie könnten in künftigen Modellen löchrig sein. Das spart Material, Gewicht und Geld.

Mercedes will mit bionischen Strukturteilen von der Natur lernen

Mercedes spricht angelehnt an die Natur von bionischen Strukturen, wie bei einer Bienenwabe. Auch andere Hersteller lassen sich von der Natur inspirieren und loten derweil aus, inwieweit sich eher untypische Werkstoffe für den Automobilbau eignen. Motorhaube, Dach und Ladefläche des Citroën „Oli“ bestehen beispielsweise aus Wellpappe und Glasfaserplatten. Die gemeinsam mit BASF entwickelte Wabenstruktur des Konzeptfahrzeugs soll so steif und tragfähig sein, dass ein Erwachsener darauf stehen kann.

Der Vorteil: Mit 1000 Kilogramm ist der „Oli“ ein absolutes Leichtgewicht. Um 400 Kilometer elektrische Reichweite zu erzielen, benötigt das Gefährt nur eine verhältnismäßig kleine Batterie mit einer Kapazität von 40 Kilowattstunden. Für die Manager von Citroën ist es eine Fehlentwicklung, dass ein typisches Familienauto heute im Schnitt etwa eine halbe Tonne mehr wiegt als in den 70er-Jahren.

Citroën-Chef Vincent Cobée sagt: „Wir müssen die Trends umkehren, indem wir die Fahrzeuge leichter und preiswerter machen und erfinderische Wege finden, um die Nutzung zu maximieren.“

Die Autos der Zukunft brauchen geschlossene Wertstoffkreisläufe

Sind Autos aus Wellpappe also die Zukunft? „Ich halte das eher für einen PR-Gag“, konstatiert Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR). Bionische Strukturteile und geschlossene Werkstoffkreisläufe würden dagegen einen „großen Einfluss“ auf die Branche haben. Schon heute lässt etwa Audi die Windschutzscheiben für den Q4 e-tron aus gesprungenem Autoglas wiederherstellen.

Gerade bei der Batterie, dem Herzstück eines jeden Elektroautos, ist ein möglichst umfassendes Recycling künftig unabdingbar, um Kosten und Ökobilanz zu schonen. Im Idealfall werden für den Bau von Stromern langfristig gar keine neuen Rohstoffe mehr abgebaut, weil ausrangierte Fahrzeuge als Mine der Zukunft genutzt werden können.

Doch noch sind die Rückgewinnungsquoten bei Lithium, Nickel oder Kobalt gering. Im Schnitt werden Neuwagen aktuell lediglich zu 30 Prozent aus wiederverwendeten Werkstoffen hergestellt. Die Branche steht erst am Anfang, wenn es darum geht, eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren.

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