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31.01.2018

10:49 Uhr

Großbritannien

Brexit-Folgen auf der Insel – Autoverkäufe brechen ein

VonKerstin Leitel

Die Autoindustrie gehört in Großbritannien zu den wichtigsten Arbeitgebern. Doch sie wurde vom Brexit-Votum kalt erwischt, Produktion und Verkäufe sinken. Das könnte am Ende auch die deutschen Hersteller treffen.

Brexit schadet Großbritanniens Autoindustrie dpa

Produktionshalle von Vauxhall in London

Der britische Autoverband sieht dem Brexit sehr skeptisch entgegen.

LondonMan kennt es: Die Briten sind höflich zurückhaltend im Gespräch und äußern höchst ungern offene Kritik. Der britische Automobilherstellerverband SMMT macht da keine Ausnahme. Dabei, das gibt Verbandschef Mike Hawes vor Journalisten zu, wird seine Branche wohl zu den größten Verlierern eines Austritts von Großbritannien aus der Europäischen Union (EU) gehören.

Aktuelle Zahlen der Branche verdeutlichen, dass die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schwindet: Nur noch 1,1 Milliarden Pfund hat die Autobranche im vergangenen Jahr in Großbritannien investiert, 2016 waren es noch 1,66 Milliarden. Auch die Autokäufer haben sich stärker als noch vor ein paar Monaten erwartet zurückgehalten. Auf dem Inlandsmarkt verbuchten die Hersteller ein Minus von fast zehn Prozent. Insgesamt wurden 2017 auf der Insel mit 1,67 Millionen Autos drei Prozent weniger Fahrzeuge produziert als ein Jahr zuvor.

Die Branche zählt zu den wichtigsten Industriezweigen Großbritanniens. Fast 78 Milliarden Pfund (89 Milliarden Euro) Umsatz machen die Unternehmen pro Jahr und sind Arbeitgeber für rund 814.000 Menschen. Jährlich werden Produkte im Wert von 40 Milliarden Pfund exportiert, das entspricht 13 Prozent der gesamten Ausfuhren Großbritanniens. Acht von zehn Autos, die auf der Insel hergestellt werden, gehen über die Grenze an neue Besitzer im Ausland – die meisten an Käufer in der EU. Kein Wunder also, dass man in der Branche den Brexit mit Sorge verfolgt.

Die beliebtesten Automarken der Briten

Platz 10

Kia - Die Koreaner haben auf der Insel im Jahr 2017 rund 93.200 Autos verkauft. Ein Plus von 4,3 Prozent.
Quelle: SMMT

Platz 9

Hyundai - Auch die Schwestermarke erreicht mit 93.400 verkauften Autos ein Absatzplus von 1,1 Prozent.

Platz 8

Toyota - In einem schwierigen Markt konnten die Japaner ihre Verkäufe um 5,4 Prozent auf rund 102.000 Fahrzeuge steigern.

Platz 7

Nissan - Auf der Insel sind die Japaner traditionell stark. Mit 151.100 Autos gehören sie zu den größten Marken, auch wenn die Verkäufe 2017 um 0,9 Prozent gesunken sind.

Platz 6

Audi - Die Briten lieben deutsche Premiumautos. Auch wenn Audi mit 175.000 verkauften Fahrzeugen rund 1,3 Prozent weniger absetzen konnte als im Vorjahr.

Platz 5

BMW - Auch die Münchener müssen Absatzeinbußen von 4,1 Prozent hinnehmen. Doch 175.100 verkaufte Fahrzeuge sind immer noch eine ordentliche Bilanz.

Platz 4

Mercedes - Mit einem deutlichen Absatzplus von 6,56 Prozent erobern die Schwaben auch auf der Insel die Premiumkrone. 181.000 Fahrzeuge reichen dafür.

Platz 3

Vauxhall - Die Opel-Schwester hat ein katastrophales Jahr hinter sich. Keine Automarke hat auf der Insel so viele Kunden verloren. Die Verkäufe brachen um 22,2 Prozent auf 195.100 Fahrzeuge ein.

Platz 2

Volkswagen - Damit zieht die Kernmarke von VW an der Opel-Schwester vorbei. Die Verkäufe legen sogar um 0,69 Prozent auf 208.500 Fahrzeuge zu.

Platz 1

Ford - Auf der Insel sind die Amerikaner schon seit Jahren Marktführer. Doch der Vorsprung schrumpft. Die Verkäufe sanken um 9,71 Prozent auf 287.400 Fahrzeuge.

Schließlich vertritt die Londoner Regierung bislang die Meinung, dass Großbritannien nach dem Brexit und der danach wohl folgenden Übergangsfrist – die noch nicht vereinbart ist – nicht mehr Teil des europäischen Binnenmarktes und der Zollunion sein wird. Sie will ein möglichst weitgehendes Freihandelsabkommen aushandeln und wirbt darüber hinaus für die Chancen, die sich durch den Abschied aus der EU im Rest der Welt eröffnen werden: „Global Britain“, lautet das Motto des britischen Handelsministers Liam Fox. Schon in einer Übergangsphase will man mit Ländern außerhalb Europas Handelsabkommen besprechen.

Autoverbandschef Hawes ist aber offensichtlich skeptisch, was die Aussichten von „Global Britain“ angeht. „Europa ist nach wie vor unser wichtigster Markt“, warnt er. Jede Veränderung in den aktuellen Vereinbarungen „hätte das Potenzial“, die Branche zu treffen. Und das nicht nur wegen der Käufer in der EU: Schließlich, so rechnet der Autoexperte vor, würden nicht nur rund 54 Prozent der britischen Autoexporte in die EU gehen (die meisten davon übrigens nach Deutschland), sondern zehn Prozent der Produktion werde in Ländern verkauft, mit denen die EU ein Freihandelsabkommen geschlossen habe. Bevor diese ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien unterzeichnen, würden sie wohl abwarten, wie die künftige Beziehung zwischen Großbritannien und der EU aussehe, meint er.

Sollte kein Handelsabkommen mit der EU geschlossen werden, treten nach dem Abschied aus der EU wohl die Zölle und Tarife der Welthandelsorganisation WTO in Kraft. Auf die Hersteller kämen nach Hochrechnungen des SMMT allein dadurch Mehrkosten von 4,5 Milliarden Pfund zu, also umgerechnet rund 1500 Pfund pro Fahrzeug. Und das wäre wohl noch nicht das Ende – schließlich würden wohl auch neue Vorschriften und Auflagen Kosten verursachen. Zunächst fordert der SMMT daher eine Übergangsphase, in der die Unternehmen ohne Einschränkungen weiter ihre Geschäfte machen können.

Natürlich trifft der Brexit nicht nur britische Autohersteller. So wurde etwa jedes dritte Auto, das 2017 auf der Insel neu zugelassen wurde, in Deutschland hergestellt. Experten hatten bereits gewarnt, dass auch in der deutschen Branche tausende Arbeitsplätze in Gefahr seien.

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„Das zeigt, wie wichtig ein reibungsloser Handel mit unserem wichtigsten Markt ist“, sagt nun Hawes, zumal auch unzählige Bauteile über die Grenzen gehen, bis sie unter der Motorhaube verschwinden. Aber, so verbreitet Hawes dann doch Zuversicht, die britische Regierung sei sich „voll und ganz“ der Bedeutung der Automobilbranche bewusst. „Wir bleiben ein attraktiver Standort – sowohl für die Produktion als auch für den Verkauf von Autos“.

Hawes setzt seine Hoffnungen in Innovationen wie Elektro- und Hybridfahrzeuge. Bei letzteren sei Großbritannien zum größten Markt aufgestiegen, verkündet er. Die Wahrscheinlichkeit, dass man auf britischen Straßen einem silbernen, acht Jahre alten Kleinwagen begegnet, ist aber um ein vielfaches größer – denn diese sind nach Angaben des SMMT noch immer am häufigsten unterwegs.

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