Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

12.04.2022

04:16

Grünes Bauen

Was Deutschland beim Einsatz von Recyclingbeton von der Schweiz lernen kann

Von: Jakob Blume

Bei der Wiederverwertung von Bauschutt ist die Schweiz in Europa führend. Nun arbeiten Firmen daran, Treibhausgase beim Mischen von Recyclingbeton zu speichern.

Das Bauvorhaben in Zug ist das bislang größte Projekt, bei dem CO2-angereicherter Beton zum Einsatz kommt. Das Start-Up Neustark hat das Verfahren mit entwickelt.

Neustark

Das Bauvorhaben in Zug ist das bislang größte Projekt, bei dem CO2-angereicherter Beton zum Einsatz kommt. Das Start-Up Neustark hat das Verfahren mit entwickelt.

Zürich Beton gehört in Zug zum Stadtbild. Rund um den Bahnhof des Schweizer Ortes reiht sich ein Bürokomplex an den nächsten, zahlreicher sind nur die Briefkästen der Firmen, die sich in den Betonbauten eingemietet haben. Der Küchengerätehersteller V-Zug plant in dem Ort jedoch mehr als einen Zweckbau: Die neue Montagehalle des Unternehmens ist europaweit das größte Gebäude, das ausschließlich aus Recycling-Beton entsteht.

Das Material liefert der Schweizer Baustoffriese Holcim: Der Konzern arbeitet mit dem Start-up Neustark zusammen, das einen Prozess entwickelt hat, um bei der Herstellung von Recyclingbeton CO2 zu binden. Die Bauweise soll 71 Tonnen CO2 einsparen, so viel wie ein kleiner Tannenwald im Jahr absorbiert.

Dass das bislang größte Bauwerk aus Recyclingbeton in der Schweiz entsteht, ist kein Zufall: Das Land ist seinen europäischen Nachbarn Jahre voraus, wenn es um die Nutzung wiederverwerteter Baustoffe geht. So heißt es in einer Studie der RWTH Aachen: „Die Schweiz wird in Fachkreisen als führendes Beispiel für den umfassenden Einsatz von Recycling-Beton im Hochbau angeführt.“ Magali Anderson, Vorständin und Nachhaltigkeitschefin beim Zementriesen Holcim, bestätigt: „Wir recyceln Bauschutt direkt zu neuem Baumaterial. Aber das tun wir bisher nur in der Schweiz.“

Der Zement des Unternehmens mit einem besonders hohen Anteil an Recycling-Material wird seit rund drei Jahren ausschließlich in der Schweiz verkauft. „In anderen Ländern dürfen wir ihn aus regulatorischen und baurechtlichen Gründen bisher nicht verkaufen“, sagt Holcim-Managerin Anderson.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zement ist der wichtigste Bestandteil von Beton, hat aber eine hohe CO2-Bilanz, was am Klinker liegt: Der Grundstoff sorgt dafür, dass Zement bei der Zugabe von Wasser aushärtet. Klinker wird hauptsächlich aus Kalkstein hergestellt besteht oft aus Kalkstein, der bei mit einer Temperatur von über 1400 Grad gebrannt wird.

    Der beste Weg, Treibhausgase bei der Zementherstellung zu vermeiden, ist der Ersatz von Klinker durch andere Materialien wie Bauschutt oder Abfälle anderer Industrien. Schon heute sei es technisch möglich, den Klinkerfaktor weiter deutlich zu reduzieren. Aber die Baunormen ließen das nicht immer zu und würden nur sehr langsam angepasst, sagt Anderson.

    Hoffen auf CO2-Speicherung

    Große Hoffnungen ruhen in der Branche auch auf der Möglichkeit, CO2 bei der Aufbereitung von Betonschutt zu speichern. Der Schweizer Bauchemiekonzern Sika hat dafür im vergangenen Oktober eine erste Pilotanlage in industriellem Maßstab in Betrieb genommen. Sika-Manager Carsten Rieger erklärt: „Das ermöglicht uns, eine vollständige Kreislaufwirtschaft beim Beton zu erreichen.“

    Der Beton aus abgebrochenen Häusern wird zunächst zerkleinert, Zuschlagsstoffe wie Sand und Steine werden herausgefiltert. Diese können ohne Qualitätseinbußen wieder für die Mischung von neuem Beton verwendet werden, so Rieger.

    Übrig bleibt Zementstein, der in der Anlage weiter aufgebrochen und mit CO2 versetzt wird. Bei diesem Prozess wird das Treibhausgas im Gestein gebunden. „Wir machen uns eine chemische Reaktion zunutze, die auch in der Natur abläuft“, sagt der Sika-Manager. Durch mechanisches Zermahlen des Zementsteins und der Zugabe weiterer Chemikalien werde die Reaktion jedoch beschleunigt.

    Das Endprodukt ist ein Pulver, das ein Teil des Zements bei der Mischung von neuem Beton ersetzen kann. Zehn bis 15 Prozent Zement ließen sich so einsparen, sagt Rieger. 60 Kilogramm CO2 pro Tonne zerkleinertem Beton könnten so gebunden werden. Bis der Prozess mit aufgefangenem und gespeichertem CO2 wirtschaftlich ist, dürfte es noch dauern. Doch ohne solche Initiativen hat es die Baubranche schwer, wie geplant bis 2050 klimaneutral zu werden.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×