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15.07.2019

17:12

Harald Wilhelm

Für den Daimler-CFO ist die Rolle des Aufräumers nicht neu

Von: Franz Hubik, Robert Landgraf

Kaum im Amt muss der neue Daimler-Finanzchef zwei Gewinnwarnungen erläutern. Schon in seinem vorherigen Job bei Airbus bereinigte er Altlasten.

Der neue CFO will die Bilanz von Daimler bereinigen. Daimler AG

Harald Wilhelm

Der neue CFO will die Bilanz von Daimler bereinigen.

München, Frankfurt Um zu verstehen, wie der Koloss tickt, benötigen selbst die gewieftesten Finanzexperten Monate. Das Konglomerat Daimler erwirtschaftet 167 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, stellt in mehr als 60 Produktions- und Montagewerken weltweit Edellimousinen, schwere Trucks, Transporter und Busse für den Stadtverkehr sowie eine Vielzahl an Aggregaten her, unterhält umfangreiche Händlernetze, betreibt eine große Bank zur Absatzfinanzierung. „Zumindest ein Jahr braucht es schon, bis man die Details des Konzerns begriffen hat“, sagt ein Automanager, der es wissen muss.

So viel Zeit hat Harald Wilhelm allerdings nicht, um sich einzuarbeiten. Der neue Finanzchef von Daimler ist als Krisenmanager sofort gefordert. Kaum acht Wochen im Amt, muss der 53-Jährige den Börsianern bereits erklären, wieso er innerhalb eines Monats gleich zwei Mal die Ergebnisprognose für das laufende Jahr kassierte.

Im zweiten Quartal schreibt der Mercedes-Hersteller wegen dreier Sondereffekte sogar einen Milliardenverlust. So legte Wilhelm in den vergangenen Wochen geschätzte 2,6 Milliarden Euro beiseite, weil den Schwaben im Dieselskandal neue Rückrufbescheide, Bußgelder und teure Vergleiche drohen.

Wegen fehlerhafter Airbags des Zulieferers Takata könnten Servicemaßnahmen nötig sein. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro. Und für Portfoliobereinigungen – das Pick-up Modell X-Klasse steht vor dem Aus – werden 500 Millionen Euro fällig.

All das sind Altlasten aus der 13 Jahre währenden Ära von Ex-Konzernchef Dieter Zetsche. Sein Nachfolger Ola Källenius und Finanzchef Wilhelm müssen nun die „Trümmer der Vorgänger aufräumen“, konstatiert Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Der Start der beiden Manager sei dadurch „unglücklich“ verlaufen.

Daimler hat erheblichen Nachholbedarf bei Effizienz, operativer Exzellenz und strategischer Ausrichtung. Michael Muders (Union Investment)

LBBW-Analyst Frank Biller sieht in den zwei Gewinnwarnungen in so kurzer Abfolge eine „Zäsur“; der neue Vorstand habe sich aber „in diesen volatilen Zeiten unseres Erachtens bewusst dafür entschieden, eine konservative Einschätzung der Risiken vorzunehmen“. Wilhelm will die Bilanz von Daimler bereinigen. „Das ist ein ehernes Gesetz, das in den meisten Fällen beim Start eines neuen Managements zu beobachten ist“, heißt es in Finanzkreisen.

Die Rolle des Aufräumers kennt der neue Daimler-CFO nur zu gut aus seinem bisherigen Berufsleben. Bevor Wilhelm zum obersten Hüter des Mercedes-Zahlenwerks ernannt wurde, war er Finanzvorstand beim Flugzeugbauer Airbus und inszenierte sich dort als Manager, der dubiose Zahlungen stoppte.

In der Affäre um den Einsatz von Mittelsmännern beim Verkauf von Airbus-Jets erstattete Wilhelm einst Selbstanzeige beim britischen Serious Fraud Office (SFO). Bei Daimler muss er sich nun mit den finanziellen Folgen des Dieselskandals herumschlagen.

Der Vater einer Tochter gilt als Familienmensch, der am Wochenende den Ausgleich in seiner Münchner Heimat sucht. Regelmäßig zieht es ihn dabei in die Natur. Wilhelm kurvt gerne mit dem Fahrrad oder Motorrad durch die Alpen. Das Verhältnis zu Daimler-Chef Källenius gilt als gut. Die Manager würden geschäftlich die gleiche Sprache sprechen: „Beide sind von ihrem Wesen her Kaufleute“, heißt es in Konzernkreisen.

Wilhelm gilt als moderner CFO, der schnell agiert, ganzheitlich denkt und technikaffin ist. Sein Fokus liege auf Marge und Cashflow – zwei Kennzahlen, bei denen Daimler meist schwächelt. Ein Dilemma, das die Aktie in Mitleidenschaft zieht. „Daimler hat erheblichen Nachholbedarf bei Effizienz, operativer Exzellenz und der strategischen Ausrichtung“, kritisiert Michael Muders von Union Investment.

Die Erwartungshaltung an der Börse ist klar: „Die Gewinnwarnungen müssen aufhören“, sagt ein Investor: „Vielleicht sollte Daimler dafür einfach gar keine detaillierte Prognose mehr abgeben.“

Solch schnippische Bemerkungen zeigen, wie viel Glaubwürdigkeit Daimler in den vergangenen Monaten eingebüßt hat. Wilhelm soll dieses Vertrauen nun zurückgewinnen.

Mehr: Wichtige Investoren geben Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche die Schuld für neue Verluste. Seine Rückkehr als Oberkontrolleur wird damit immer unwahrscheinlicher.

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