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17.11.2022

15:18

Industriekonzern

Thyssen-Krupp-Chefin Martina Merz: „Wir können Restrukturierungsphase hinter uns lassen“

Von: Kevin Knitterscheidt

Der Ruhrkonzern zeigt sich in der Krise bilanziell widerstandsfähig und traut sich erstmals seit vier Jahren wieder eine Dividende zu. Doch die Aussichten sind düster.

Die Vorstandschefin von Thyssen-Krupp sieht deutliche Fortschritte bei der Sanierung. Reuters

Martina Merz

Die Vorstandschefin von Thyssen-Krupp sieht deutliche Fortschritte bei der Sanierung.

Düsseldorf Trotz großer wirtschaftlicher Unsicherheiten kann der leidgeplagte Industriekonzern Thyssen-Krupp sein Jahresergebnis deutlich steigern. Wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte, legte das Ergebnis vor Steuern und Zinsen in dem im September abgelaufenen Geschäftsjahr von 451 Millionen Euro auf 1,8 Milliarden Euro zu. Beim Jahresüberschuss schrieb der Konzern mit 1,2 Milliarden Euro schwarze Zahlen, nach einem leichten Verlust im Vorjahr.

Erstmals seit vier Jahren will Thyssen-Krupp daher wieder eine Dividende ausschütten, und zwar 0,15 Euro. „Wir haben Widerstandskraft und Substanz aufgebaut und sind in den Geschäften heute besser in der Lage, angemessen und zielsicher auf Krisen zu reagieren“, sagte Vorstandschefin Martina Merz. „Insgesamt können wir festhalten, dass wir bei den Performance-Themen die notwendige Restrukturierungsphase so langsam hinter uns lassen und uns auf fokussierte und normale Produktivitätssteigerungen konzentrieren können.“

Dabei profitierte der Ruhrkonzern vor allem von den im vergangenen Jahr deutlich gestiegenen Stahlpreisen, die die Marge sowohl in der Stahlsparte als auch im Werkstoffhandel deutlich verbessert haben. So zog etwa der bereinigte Gewinn vor Steuern und Zinsen in der Stahlsparte von 116 Millionen Euro im Vorjahr auf 1,2 Milliarden Euro an.

Die Stahlsparte trägt den mit Abstand größten Teil zum Gewinn bei. Reuters

Stahlwerk von Thyssen-Krupp in Duisburg

Die Stahlsparte trägt den mit Abstand größten Teil zum Gewinn bei.

Die Sparte steuerte damit den mit Abstand größten Teil zum Gewinn bei. Ursprünglich wollte Thyssen-Krupp das Geschäft verselbstständigen und aus dem Verbund herauslösen. Wegen der wirtschaftlichen Unsicherheiten infolge des Ukrainekriegs hatte der Vorstand das Vorhaben jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Gleiche gilt für den geplanten Börsengang der Wasserstoff-Tochter Nucera, der einen dreistelligen Millionenbetrag in die Kasse spülen soll.

„Wir werden die Portfoliothemen weiter mit vollem Einsatz vorantreiben“, versprach Merz bei der Bilanzpressekonferenz. Jetzt sei jedoch nicht die richtige Zeit für die Umsetzung von Transaktionen. Der Markt für Übernahmen und Zukäufe liege wegen der großen wirtschaftlichen Unsicherheit darnieder, so die Thyssen-Krupp-Chefin. „Wir bereiten uns bestmöglich vor, halten das Pulver aber trocken.“

Cashflow von Thyssen-Krupp ist deutlich negativ

Ähnlich positiv wie beim Stahl entwickelten sich die Erlöse im Werkstoffhandel, die von 587 Millionen Euro auf 837 Millionen Euro zulegten – während der Gewinn im Geschäft mit Industriekomponenten und Autoteilen zwar ebenfalls positiv, aber wegen höherer Materialpreise spürbar rückläufig war.

Auch wenn die Zahlen und die Aussicht auf eine Dividende die Aktionäre grundsätzlich zufrieden stimmen dürften, bleiben die Herausforderung bei der Sanierung groß. Denn trotz der hohen Gewinne verbrannte der Konzern im abgelaufenen Geschäftsjahr immer noch sehr viel Geld. So lag der freie Kapitalfluss vor Zu- und Verkäufen von Unternehmensteilen bei minus 476 Millionen Euro, nach minus 1,3 Milliarden Euro im Vorjahr.

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Wegen des Verkaufs mehrerer Töchter konnte Thyssen-Krupp seine Netto-Finanzposition dennoch von 3,6 auf 3,7 Milliarden Euro leicht verbessern. Die Dividende wird damit gewissermaßen aus den Verkaufserlösen finanziert eine Entscheidung, die der größten Aktionärin, der Krupp-Stiftung mit rund 21 Prozent der Anteile, entgegenkommen dürfte. Die gemeinnützige Organisation finanziert sich ausschließlich aus den Dividenden von Thyssen-Krupp.

Nach mehreren Nullrunden in den vergangenen Jahren gilt die Kassenlage als angespannt. Entsprechend positiv bewertete die Stiftung die geplante Dividende. „Das abgeschlossene Geschäftsjahr zeigt, dass Thyssen-Krupp die beschlossene Strategie konsequent und zielgerichtet verfolgt“, heißt es in einer Mitteilung. „Das Unternehmen hat das Potenzial, wieder nachhaltig wettbewerbs- und damit langfristig dividendenfähig zu werden.“

Verluste in der Sparte Multi Tracks sinken

Dass der Vorstand um Merz beim Konzernumbau grundsätzlich vorankommt, zeigt auch das Ergebnis der Sparte Multi Tracks. Darin sind mehrere Geschäfte gebündelt, von denen sich das Unternehmen ganz oder teilweise trennen will. Dazu zählen etwa der Chemie- und Zementanlagenbau, aber auch die Wasserstoff-Tochter Nucera.

Auf bereinigter Basis sank der Verlust in diesen Geschäften insgesamt von 298 Millionen Euro im Vorjahr auf 54 Millionen. Auch die Kosten der Konzernzentrale nahmen von 194 Millionen Euro auf 154 Millionen ab.

Für das kommende Geschäftsjahr rechnet Thyssen-Krupp sowohl mit einem ausgeglichenen Cashflow als auch mit einem ausgeglichenen Jahresendergebnis. Finanzchef Klaus Keysberg wies in der Mitteilung auf weiterhin bestehende Unsicherheiten hin. „Es kann noch niemand sagen, wie groß die Herausforderungen werden oder wie lange sie anhalten werden“, so der Manager.

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Aktuell leidet Thyssen-Krupp einerseits unter hohen Energiepreisen, andererseits auch unter einer drohenden Rezession, die viele Kundensegmente des Unternehmens empfindlich treffen könnte. So lassen etwa die Stahlpreise bereits nach, auch die Nachfrage aus der Autoindustrie ist verhalten.

Der Konzern bereite sich auf das schwierigste Szenario vor, so Finanzchef Keysberg. „Dazu gehört auch eine restriktive und schrittweise Freigabe von Investitionen – je nachdem, wie die gesamtwirtschaftliche Lage verläuft und welche Fortschritte die Geschäfte bei der Ergebnissicherung und dem Net Working Capital Management machen.“

Die Thyssen-Krupp-Aktie lag am Donnerstagnachmittag in einem schwachen Gesamtmarkt rund 2,5 Prozent im Minus.

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