Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

04.09.2019

17:21

Industriekonzern

Thyssen-Krupp will Aufzugsparte verkaufen

Von: Martin Murphy, Kevin Knitterscheidt

Eigentlich sollte das profitabelste Geschäft des Ruhrkonzerns im kommenden Jahr an die Börse. Doch nun rückt der Vorstand von diesem Plan ab.

Elevator: Thyssen-Krupp will Aufzugssparte verkaufen ThyssenKrupp

Thyssen-Krupp

Der Konzern will die Aufzugsparte veräußern.

Frankfurt, Düsseldorf Wenn die Deutsche Börse in wenigen Tagen ihren wichtigsten Aktienindex neu zusammensetzt, wird das für Thyssen-Krupp ein betrüblicher Termin. Nach mehr als 30 Jahren wird das Unternehmen wegen der zuletzt stark gesunkenen Bewertung seine Mitgliedschaft im Dax verlieren. Rund 50 Prozent hatte der Essener Industriekonzern seit der vergangenen Dax-Neuordnung an Wert verloren. Zeitweise war die Thyssen-Krupp-Aktie so günstig zu haben wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Doch schon bald könnte sich das Blatt für den Ruhrkonzern wieder wenden. Denn wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr, erwägt Vorstandschef Guido Kerkhoff, das Aufzugsgeschäft komplett zu verkaufen. Das Management habe in den vergangenen Tagen Briefe an potenzielle Interessenten versendet, in denen diese zur Abgabe eines Angebots aufgefordert werden, hieß es.

Ursprünglich wollte Kerkhoff das profitabelste Geschäft im Frühjahr an die Börse bringen. Dieser Plan wird zwar weiterverfolgt. Doch mit der parallelen Suche nach einem Käufer wird der Börsengang zunehmend unwahrscheinlich.

Auf Anfrage bestätigte ein Konzernsprecher, dass derzeit Interessenbekundungen potenzieller Käufer geprüft würden. „Wir haben einen strukturierten Prozess für die Bewertung von Angeboten von strategischen Investoren und Finanzinvestoren eingeleitet, mit dem wir sicherstellen, dass unsere Entscheidung für Thyssen-Krupp und seine Stakeholder nachhaltig und die beste ist“, so der Sprecher.

Schon länger gelten sowohl der finnische Rivale Kone als auch Finanzinvestoren wie CVC und KKR als Interessenten. Mit dem Schritt will sich Kerkhoff nun einen Überblick über den Bieterkreis verschaffen und eine realistische Einschätzung über den Wert des Aufzugsgeschäfts einholen. Analystenschätzungen zufolge könnte die Sparte bis zu 17 Milliarden Euro erlösen – Geld, das Kerkhoff für die geplante Neuausrichtung des Industriekonglomerats dringend brauchen wird.

Großumbau in Essen

Denn nachdem die über Jahre vorbereitete Fusion des Stahlgeschäfts mit dem Konkurrenten Tata Steel Europe vor einigen Monaten am Veto der EU-Kommission gescheitert ist, will der Vorstand aus Thyssen-Krupp nun wieder einen reinen Werkstoffkonzern formen.

Ein Kernstück der Neuausrichtung sollte dabei der Börsengang der Aufzugssparte werden, um mit dem Erlös das neue Kerngeschäft zu stärken. Kerkhoff hatte dabei zunächst einen Verkauf von Minderheitsanteilen favorisiert, um einerseits die Kapitalbasis des verbleibenden Konzerns zu stärken. Andererseits sollte Thyssen-Krupp so weiterhin von Dividendenzahlungen der Tochter profitieren, um zu erwartende Verluste in anderen Bereichen ausgleichen zu können.

Doch in den vergangenen Monaten hat sich das Wirtschaftsklima und damit auch das Umfeld für Börsengänge dramatisch verschlechtert. Schon bei Vorlage der Quartalszahlen Anfang August hatte Kerkhoff daher die Tür für andere Angebote geöffnet. „Das offenkundig große Interesse von Wettbewerbern und Finanzinvestoren zeigt uns, wie attraktiv das Aufzugsgeschäft ist“, so der Manager.

Die Sparte ist die Ertragsperle des Konzerns: Mit einem Betriebsgewinn von 590 Millionen Euro verdiente der Geschäftsbereich Elevator Technology in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2018/19, das bis zum September läuft, bislang ein Vielfaches aller anderen Bereiche zusammen.

Ein Standbein fällt weg

In konjunkturell schwierigen Zeiten hatten die stabilen Gewinne aus dem Aufzugsgeschäft dem Unternehmen daher immer dabei geholfen, Schwächen in den übrigen Sparten zu kompensieren. Neben den Aufzügen, der Stahlproduktion und dem Werkstoffhandel gehören dazu auch die Komponentenfertigung sowie der Anlagenbau.

Auch von den beiden letzteren Sparten will sich Thyssen-Krupp langfristig trennen. Kommt es wie geplant, wäre der Konzern damit in einigen Jahren allein vom zyklusanfälligen Werkstoffgeschäft abhängig.

Grafik

Zuletzt liefen hier allerdings vor allem Verluste auf. So stand etwa die Stahlsparte zwischen Oktober und Juni mit einem operativen Verlust von 75 Millionen Euro in den roten Zahlen. Etwas besser lief es beim Werkstoffhandel, der im gleichen Zeitraum operativ rund 100 Millionen Euro erlöste.

In beiden Bereichen stehen Zukäufe an: So führt der Vorstand derzeit etwa Gespräche mit dem Duisburger Stahlhändler Klöckner über eine Übernahme, um das zukünftige Kerngeschäft zu stärken. Auch ein Zusammenschluss mit dem niedersächsischen Stahlproduzenten Salzgitter wäre möglich.

Dass Kerkhoff nach Jahren der Krise nun erstmals überhaupt wieder über größere Akquisitionen nachdenken kann, ist der strategischen Wende geschuldet, die der Manager nach der geplatzten Stahlfusion mit Tata vollziehen musste. Denn eigentlich ist der Konzern wegen seiner schwachen Kapitalbasis auf stabile Erträge angewiesen, wie sie das Werkstoffgeschäft wegen seiner besonderen Lage eigentlich nicht liefern kann.

Mit Netto-Finanzschulden von rund 5,1 Milliarden Euro stand Thyssen-Krupp zuletzt Ende Juni in der Kreide. Jedes Jahr gibt der Konzern zudem rund eine halbe Milliarde Euro für Pensionszahlungen aus, die vor allem im Stahlbereich anfallen. Die müssen freilich auch in schlechten Zeiten gezahlt werden, weshalb es dem Unternehmen in der Vergangenheit nie gelang, ein nennenswertes Eigenkapital aufzubauen. Das Gearing, also das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital, stieg so im vergangenen Quartal auf bedrohliche 204 Prozent.

Unter den Investoren und auch im Aufsichtsrat gibt es daher seit Längerem die Forderung, sich vom Aufzugsgeschäft zu trennen. Vor allem der schwedische Investmentfonds Cevian, der rund 18 Prozent der Anteile hält, sprach sich über seinen Gründer Lars Förberg mehrfach für eine solche Lösung aus. Nach langem Drängen hatte Kerkhoff im Frühjahr nachgegeben und den Börsengang von Elevator auf den Weg gebracht.

Intern hält sich der Vorstandschef diese Option zwar weiterhin offen. Insider berichten allerdings, es sei sehr viel wahrscheinlicher, dass die Sparte am Ende zumindest anteilig verkauft wird: „Thyssen-Krupp muss schnell Geld in die Kasse bekommen, auch um handlungsfähig zu bleiben.“
Noch liegt dem Vernehmen nach kein konkretes Angebot auf dem Tisch des Vorstands. In seinem Brief habe Thyssen-Krupp die potenziellen Bieter jedoch aufgefordert, ihre Gebote möglichst zeitnah abzugeben. Angesichts der Breite an übernahmewilligen Gesellschaften – neben Kone dürften auch die Konkurrenten Otis und Hitachi dazugehören – dürfte es zu einem Bieterwettstreit kommen, heißt es in Finanzkreisen.

Ein Insider sagte, Offerten für eine Komplettübernahme dürften die Grenze von 15 Milliarden Euro durchbrechen.

Weitere Optionen offen

Doch ob sich der Ruhrkonzern tatsächlich vollständig von seinem profitabelsten Geschäft trennen wird, ist noch offen. Denkbar ist auch, dass Thyssen-Krupp zunächst an der Mehrheit an Elevator festhält und nur einen Teil an einen Finanzinvestor abgibt. Die Chance auf einen späteren Börsengang in einem besseren wirtschaftlichen Umfeld bliebe damit gewahrt, hieß es in Kreisen des Konzerns.

Ein potenzieller Finanzinvestor könnte dann in zwei bis drei Jahren seinen Anteil mit Gewinn verkaufen – während Thyssen-Krupp weiter von den Erträgen des Geschäfts profitieren könnte.

Sollte Thyssen-Krupp trotz des großen Interesses an einer Komplettübernahme einen Mehrheitsanteil an Elevator behalten, dürfte sich das dennoch positiv auf das Eigenkapital auswirken. Denn bislang steht die Sparte mit einem Wert von rund 1,5 Milliarden Euro in den Büchern. Bei einem Teilverkauf, bei dem der Unternehmensteil einer Neubewertung unterzogen würde, würde der Vorstand stille Reserven heben, die den hohen Verschuldungsgrad des Ruhrkonzerns lindern würden.

An der Börse wurde die Nachricht eines wahrscheinlicher werdenden Verkaufs der Aufzugssparte euphorisch begrüßt. Zeitweise notierte die Aktie des Ruhrkonzerns fast fünf Prozent im Plus, nachdem sie zuletzt auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren gefallen war.

Derzeit kommt das Unternehmen auf eine Marktkapitalisierung von knapp sieben Milliarden Euro. Damit ist die Aufzugssparte allein mehr als doppelt so viel wert wie der Konzern insgesamt.

Für die nächste Neusortierung des Dax steht der Konzern damit wieder in den Startlöchern für einen Aufstieg – zumindest theoretisch. Denn neben dem Gesamtwert der frei handelbaren Aktien spielt dabei auch das gesamte Handelsvolumen des jeweiligen Wertpapiers eine Rolle. Gut möglich, dass sich der ein oder andere Aktionär von seinen Anteilen nun erst einmal nicht trennen will.

Mehr: Nachdem sich der Aktienkurs innerhalb eines Jahres halbiert hat, läuft die Zeit des Ruhrkonzerns im Dax ab. Doch ein Abstieg in den MDax kann heilsam sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×