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07.12.2020

18:58

Industriekonzern

Zölle, Investitionen, Personalsuche: So bereitet sich Bosch auf den Brexit vor

Von: Martin-W. Buchenau

Der Stiftungskonzern will sich flexibel auf drohende Brexit-Folgen einstellen. Bosch erwartet Mehrkosten bei Zöllen in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe.

Der Stiftungskonzern kürzt keine Investitionsprojekte in Großbritannien – rechnet aber mit zusätzlichen Herausforderungen nach einem Brexit. dpa

Bosch-Logo in Stuttgart

Der Stiftungskonzern kürzt keine Investitionsprojekte in Großbritannien – rechnet aber mit zusätzlichen Herausforderungen nach einem Brexit.

Stuttgart Nur wenige deutsche Großkonzerne in der Automobilindustrie dürften mehr Erfahrung in Großbritannien haben als Bosch. Firmengründer Robert Bosch gründete bereits 1898 die erste Niederlassung auf der Insel.

Heute ist Großbritannien mit knapp 3,7 Milliarden Euro Umsatz nach Deutschland der zweitgrößte europäische Markt für die Schwaben. Das Geschäft ging bereits 2019 leicht zurück, die Pandemie dürfte weiteren Druck ausgeübt haben. Zahlen nennt Bosch aber noch nicht. Für die britische Tochter arbeiten in sieben Werken und an insgesamt 40 Standorten mehr als 5000 Beschäftigte.

Unter anderem hat Bosch die Antriebstechnik für das berühmte Riesenrad London Eye und die Tower Bridge geliefert. Bosch fertigt in Großbritannien vorwiegend für den lokalen Markt, wie beispielsweise Thermotechnik am Standort Worcester. Der Standort hat beispielsweise einen wasserstofffähigen Heizkessel entwickelt. Produktion vor Ort ist die Strategie, mit der der Konzern versucht, sich wenigstens teilweise vor Handelshemmnissen zu schützen.

Bosch ist schon so lange auf der Insel, dass man sich auch in alter britischer Diplomatie übt: Offene Drohungen, das Engagement zu drosseln, würden Bosch-Chef Volkmar Denner nie über die Lippen kommen. Schließlich verschwindet der wichtige Markt ja nicht von der Bildfläche. Und UK wird nach dem Brexit nicht das einzige Land auf der Welt sein, bei dem der Weltkonzern mit Zöllen zurechtkommen muss.

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    Ein Brexit ohne Deal ist aber der Ernstfall, auf den sich die Schwaben mit einer internen Taskforce schon seit dem Volksentscheid im Jahr 2016 vorbereiten. Dabei geht es um die möglichen Folgen für Bereiche wie Zölle, Recht, Finanzen und Personal. Um die Wettbewerbsfähigkeit bestmöglich abzusichern, steht Bosch in engem Austausch mit seinen Geschäftspartnern, Kunden und Lieferanten.

    „Wir bereiten uns beispielsweise auf automatisierte Zollabfertigungsverfahren bei einer Wiedereinführung von Zöllen vor“, sagte eine Sprecherin. „Ohne Handelsabkommen schätzen wir allein durch die Wiedereinführung von Zöllen aufseiten Großbritanniens und der EU, auf Basis der WTO-Regeln, die Mehrkosten für Bosch auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag jährlich.“

    Keine Investitionskürzungen geplant

    Das klingt beherrschbar, aber die Schwaben rechnen generell mit sehr spitzem Bleistift, gerade wenn es um Exporte aus Großbritannien in Drittländer geht.

    Investitionen in die Werke hat Bosch nach eigenen Aussagen bislang nicht gekürzt. Allerdings wurde der Plan für den Bau einer neuen Regionalzentrale für Großbritannien direkt neben dem jetzigen Gebäudekomplex vor zwei Jahren auf Eis gelegt. Bosch wollte dafür eigentlich 35 Millionen Pfund investieren. Der Beschluss, nicht zu investieren, bleibt bestehen.

    Weitere Mehraufwände, befürchtet Bosch, könnten durch sogenannte nicht tarifäre Handelshemmnisse hinzukommen, etwa durch unterschiedliche Zulassungsverfahren für Produkte und deren Regulierung. Auch die Besetzung hochqualifizierter Stellen wird schwieriger. Bislang konnte Bosch Mitarbeiter für komplexe technische Bereiche auch aus dem EU-Ausland anwerben. Wenn das nicht mehr möglich ist, wird das zum Problem, nicht nur für Bosch.

    Ungeachtet dessen investiert Bosch dennoch in strategische Zukäufe bei Zukunftstechnologien. Im Januar stockten die Schwaben ihre Beteiligung an dem britischen Brennstoffzellen-Spezialisten Ceres Power für 90 Millionen Euro von 3,9 Prozent auf rund 18 Prozent auf. „Die hocheffiziente Festoxid-Brennstoffzelle (SOFC) ist für Bosch ein wichtiger Beitrag zur Versorgungssicherheit und Flexibilität von Energiesystemen“, kommentierte Bosch-Geschäftsführer Christian Fischer die Aufstockung.

    Ceres Power entwickelt Festoxid-Brennstoffzellen-Stacks für stationäre Anwendungen. Bosch industrialisiert die Fertigung. Die Kleinserie von Systemen wird bereits in Deutschland gefertigt. Ziel ist die Großserienfertigung kleiner dezentraler Kraftwerke in Städten, Fabriken, Rechenzentren und beim Betrieb von Ladesäulen für Elektrofahrzeuge.

    Diese Serienfertigung will der Konzern nun allerdings nicht in Großbritannien ansiedeln, sondern auf dem Kontinent. Vorgesehen sind dafür die Standorte in Bamberg, Wernau und Homburg, die Entwicklung in Stuttgart-Feuerbach und Renningen. Es wirkt wie der Anfang einer stillen Drosselung des Bosch-Engagements auf der Insel.

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