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05.09.2019

17:46

Interview mit Henrik Ehrnrooth

Kone will Thyssens Aufzugsparte: „Elevator passt perfekt zu uns“

Von: Kevin Knitterscheidt, Martin Murphy

Der Chef des Kone-Konzerns will die Aufzugsparte von Thyssen-Krupp kaufen. Im Interview erklärt Ehrnrooth, warum er eine Fusion für die beste Lösung hält.

Der Kone-Chef ist zuversichtlich, sich mit Thyssen-Krupp zu einigen. dpa

Henrik Ehrnrooth

Der Kone-Chef ist zuversichtlich, sich mit Thyssen-Krupp zu einigen.

Düsseldorf Thyssen-Krupp prüft für die profitable Aufzugsparte nun auch einen Komplettverkauf – und hat potenzielle Käufer angeschrieben. Der finnische Konzern Kone hat als erstes Unternehmen offiziell sein Interesse angekündigt. „Beide Firmen sind sehr komplementär aufgestellt“, sagte Kone-Vorstandschef Henrik Ehrnrooth dem Handelsblatt. Die Kombination beider Unternehmen ergebe industriell am meisten Sinn. „Ich denke, dass das am langen Ende den Ausschlag geben wird.“

Thyssen-Krupp will sich mit der Fokussierung auf das Stahlgeschäft von seiner Sparte Elevator lösen. Da der geplante Börsengang im aktuellen Umfeld schwer realisierbar ist, hat die Konzernführung mögliche Interessenten per Brief zur Abgabe eines Angebots aufgefordert.

Neben einem Teilverkauf ist nach Handelsblatt-Informationen auch eine Komplettübernahme möglich, wobei Letztere wahrscheinlich ist. Neben Kone sind eine Reihe von Finanzinvestoren an der Sparte interessiert, sie halten sich aber bedeckt. Der Kone-Chef hielt sich zu Details eines möglichen Angebots zurück. „Ich denke nicht, dass Geld ein Hindernis sein würde“, betonte Ehrnrooth aber. Nach Angaben aus Finanzkreisen könnten die Offerten bei über 15 Milliarden Euro liegen.

Kone gehört neben Thyssen-Krupp Elevator, dem Schweizer Unternehmen Schindler sowie dem US-Konzern Otis zu den vier Unternehmen, die die Branche global anführen. Sorge über ein Veto der EU-Kommission hat Kone-Manager Ehrnrooth deshalb nicht: „Wir haben verschiedene Szenarien bewertet und sind der Meinung, dass eine Fusion aus kartellrechtlicher Sicht möglich ist“, sagte er. „Der Markt ist sehr fragmentiert, der Wettbewerb würde aus unserer Sicht nicht eingeschränkt.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview

Herr Ehrnrooth, trotz schwacher Konjunktur und Rezessionsängsten zeigen die Prognosen von Kone steil nach oben. Woher rührt dieser Optimismus?
Die Welt ist heute von vielen Unsicherheiten geprägt. Unser Geschäft ist aber vor allem von der Baukonjunktur abhängig – und die läuft trotz aller Widrigkeiten in den meisten Ländern gut. Zudem sind wir wegen der starken Bedeutung unseres Servicegeschäfts ohnehin weniger konjunkturanfällig. Das läuft auch in schwierigen Zeiten stabil.

Sie sind in mehr als 60 Ländern aktiv, also global unterwegs. Die Handelskonflikte im Dreieck USA, China und Europa müssen doch einen Einfluss auf Ihr Geschäft haben?
Wir sind weniger von Handelskonflikten betroffen als andere Industrien. Unser Geschäft ist sehr lokal, in den jeweiligen Märkten verfügen wir über eine starke Präsenz. Unser gesamtes Servicegeschäft …

… also die Wartung von Aufzügen …
… wird auf lokaler Ebene von unseren lokalen Mitarbeitern für unsere lokalen Kunden durchgeführt. Auch die Installation von Aufzügen und Rolltreppen erfolgt meist lokal. Kone ist also sehr dezentral aufgestellt. Diese Handelskonflikte treffen uns eher indirekt durch eine allgemeine Eintrübung des Wirtschafts- und Investitionsklimas. Das spüren wir in vielen Staaten, auch wenn wir hier ein differenziertes Bild sehen. Die skandinavischen Länder und Großbritannien zeigen Schwächen, während der deutsche Markt kontinuierlich weiterwächst. Generell lässt das Tempo aber nach.

Einen Teil Ihres Wachstums in Europa und Nordamerika haben Sie durch kleinere Zukäufe erreicht. Ist der Markt da nicht langsam leer gefegt?
Den Großteil unseres Wachstums haben wir in den vergangenen Jahren organisch geschafft. Aber natürlich gehören Akquisitionen dazu – vor allem wenn ein Unternehmen wie wir schneller als die Wettbewerber wachsen will. In jüngster Zeit haben wir einige kleinere Zukäufe getätigt.

Die Chance gibt es immer wieder, da der Markt sehr fragmentiert ist: In Europa wird die Hälfte der Aufzüge und Rolltreppen von kleinen und mittelständischen Unternehmen bedient, die andere Hälfte von den vier großen Anbietern. Die Zahl interessanter Übernahmeziele war allerdings nicht gerade hoch.

Das hat sich mit der strategischen Neuausrichtung von Thyssen-Krupp geändert. Der Industriekonzern hat gerade Interessenten zu Angeboten für seine Aufzugssparte aufgefordert. Welchen Einfluss wird das auf die Markstruktur haben?
Strukturelle Veränderungen können einen Einfluss auf das Geschäft haben. Viele unserer Wettbewerber, wie auch Otis, sind heute zu der Erkenntnis gelangt, dass eine fokussierte Strategie der richtige Weg ist. Thyssen-Krupp hat einen Börsengang angekündigt, genauso wie die Prüfung anderer Optionen. Das eröffnet uns eine interessante und attraktive Möglichkeit: Wir sind schon lange der festen Überzeugung, Kone und Thyssen-Krupp Elevator passen perfekt zusammen.

Warum?
Beide Firmen sind zunächst einmal sehr komplementär aufgestellt. Thyssen-Krupp ist stark in Südamerika und Südkorea, in diesen Märkten sind wir bisher nicht vertreten. Wir sind die Nummer vier in den USA – hier ist Thyssen-Krupp stärker als wir. Dafür sind wir in Asien sehr eindeutig stärker. Die Komplementarität dieser beiden Unternehmen ist in unserer Branche beispiellos. Es ist eine ideale Verbindung. Zudem teilen beide Unternehmen die gleichen Werte, wir haben einen starken Ingenieurshintergrund und legen beide unseren Fokus auf Sicherheit, auf unsere Kunden und Mitarbeiter.

Vita

Der Manager

Henrik Ehrnrooth führt Kone seit 2014 als CEO. Zuvor arbeitete er unter anderem bei verschiedenen Banken, darunter Goldman Sachs sowie UBS.

Das Unternehmen

Kone wurde 1910 gegründet und befindet sich mehrheitlich im Besitz der finnischen Industriellenfamilie Herlin. Der Aufzugshersteller gehört zu den vier Unternehmen, die die Branche global dominieren.

Dafür sind beide Unternehmen stark in Europa vertreten. Haben Sie keine Sorge, die EU-Kommission könnte eine Fusion etwas weniger euphorisch betrachten? Im Fall von Thyssen-Krupp und Tata sowie von Siemens und Alstom hatte Brüssel spürbare Einschnitte gefordert und die Fusionen damit letztlich verhindert.
Wie die Europäische Kommission einen solchen Fall bewerten würde, können wir natürlich nicht vorhersagen. Wie wir jedoch bereits gesagt haben, glauben wir, dass es in der Branche noch Konsolidierungsbedarf gibt – und das ist für uns interessant. Wir haben verschiedene Szenarien bewertet und sind der Meinung, dass eine Fusion aus kartellrechtlicher Sicht möglich ist. Wie gesagt: Der Markt ist sehr fragmentiert, der Wettbewerb würde aus unserer Sicht nicht eingeschränkt.

Haben Sie schon mit dem Vorstand von Thyssen-Krupp über Ihre Pläne gesprochen?
Seit über 25 Jahren wurde immer wieder über eine solche Verbindung diskutiert. Schon bevor ich vor zehn Jahren zu Kone gekommen bin. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Logik einer solchen Kombination ist bestechend. Bisher war keiner von beiden bereit, sein Geschäft zu verkaufen. Doch nun will sich Thyssen-Krupp vom Aufzugsgeschäft trennen. Das ändert die Situation.

Der Konzern bereitet aber einen Börsengang vor, voraussichtlich schon für den kommenden Frühling. Auch einige Finanzinvestoren sind interessiert. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Die Kombination von Kone und Thyssen-Krupp Elevator ist diejenige, die industriell am meisten Sinn ergibt. Ich denke, dass das am langen Ende den Ausschlag geben wird. Sicher gäbe es auf beiden Seiten Herausforderungen, die zu bewältigen sind. In meiner Karriere habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich mit einer bestechenden industriellen Logik eine Win-win-Situation für alle Beteiligten schaffen lässt. Ich glaube fest daran – denn eine solche Gelegenheit ergibt sich nur selten.

Welche Herausforderungen sehen Sie?
Zu Details möchte ich mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern.

Über die regionale Aufstellung haben Sie gesprochen. Welche Vorteile könnte eine Fusion denn noch bringen?
Die Welt verändert sich, und zwar gewaltig. Zu den größten Herausforderungen gehört die Digitalisierung. In einem größeren Verbund lassen sich die dafür nötigen Investitionen, beispielsweise in Systeme zur vorausschauenden Wartung, viel leichter finanzieren. Insgesamt wäre ein fusionierter Konzern viel besser in der Lage, den Herausforderungen der Digitalisierung in den kommenden Jahren entgegenzuwirken. 

Wären Sie in der Lage, so eine Fusion zu stemmen?
Auch wenn wir in der jüngeren Vergangenheit eher kleinere Zukäufe getätigt haben, gab es in der Geschichte von Kone durchaus vergleichbare Übernahmen – angefangen im Jahr 1968 mit der Übernahme von Asea aus Schweden. 1974 hat Kone das Europageschäft von Westinghouse übernommen, in den 1990ern dann Montgomery aus den USA und Orenstein & Koppel aus Deutschland. All diese Zukäufe haben uns auf eine neue Ebene gehoben und es uns so ermöglicht, in den jeweiligen Märkten organisch weiterzuwachsen.

Grafik

Haben Sie die Unterstützung der Eigentümerfamilie für eine Fusion mit Thyssen-Krupp Elevator?
Ja. Kone ist seit 95 Jahren weitgehend im Familienbesitz – da denkt man heute schon an die nächsten 95 Jahre. Gerade auch aus dieser Perspektive ist die Fusionslogik bestechend. Solche Dinge brauchen eben auch Zeit.

Und Geld.
Ich denke nicht, dass Geld ein Hindernis sein würde.

Ist jetzt ein guter Moment für so ein Vorhaben? Immerhin stehen die Zeichen wirtschaftlich gerade auf Sturm.
Das ist wie beim Kinderkriegen: Es gibt nie einen besseren Zeitpunkt als jetzt. Je früher wir zu einer gemeinsamen Lösung kommen würden, desto früher könnten wir die Vorteile an unsere Kunden, Mitarbeiter und Investoren weitergeben. Dass es diese Überlegungen seit vielen Jahren gibt, zeigt unsere Geduld und unsere langfristige Orientierung bei diesem Thema.

Für die Mitarbeiter bedeutet eine Fusion aber doch eher der Verlust von Arbeitsplätzen – warum sollten sie und die Gewerkschaft IG Metall eine Übernahme begrüßen?
Wir arbeiten traditionell sehr eng mit den Gewerkschaften zusammen, auch in Deutschland. Wir verstehen die deutsche Mitbestimmung. Die Mitarbeiter sind doch unser wichtigstes Gut. Nur wenn die motiviert sind, können sie sich für die Kunden voll reinhängen. Im Moment haben wir in unserer Branche eher das Problem, dass es an kompetenten Mitarbeitern fehlt. Und es ist doch auch klar, dass eine unternehmerische Kombination, die industriell Sinn macht, auch für die bestehenden Mitarbeiter Vorteile bietet. So viele Überschneidungen haben wir ja gerade nicht. 

Was würde aus der Zentrale von Thyssen-Krupp Elevator in Essen?
Es ist zu früh, um darüber zu spekulieren. 

Bei einer Übernahme würde Kone zum Weltmarktführer werden. Ist Größe wichtig für Ihr Geschäft?
Wir verfolgen keine Strategie, die allein Größe zum Ziel hat. Wir wollen der Herausforderer unserer Wettbewerber sein. Aber manche Herausforderungen lassen sich in einem größeren Maßstab einfacher angehen – zum Beispiel die Digitalisierung. Je mehr Daten man hat, desto besser lassen sich darauf aufbauend digitale Dienste entwickeln. Aber wir sind nicht auf eine mögliche Fusion angewiesen, um weiterhin erfolgreich zu sein.

Wo sehen Sie Optionen abseits von Zukäufen?
Sehen Sie, jedes Jahr ziehen 70 Millionen Menschen weltweit in Großstädte. Und was macht man, wenn der Raum dort immer knapper wird? Man baut in die Höhe. Das passiert im Mittleren Osten, in Afrika, in Asien, auch in Europa und Nordamerika. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter, leben immer häufiger in zentral gelegenen Apartments. Diese Trends werden anhalten. Das gefällt uns natürlich.

Herr Ehrnrooth, vielen Dank für das Interview.

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Kommentare (1)

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Herr Werner Mocke

05.09.2019, 19:15 Uhr

Besser als China, noch besser wäre es wenn Deutsche Unternehmer den Mut hätten die Firma wachsen lassen
zum Wohle Deutscher Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Schon wieder ein Aderlass von Deutschem Know How wenn Kone zugreift. Aber die Boni der Thyssen Chefs beim Verkauf sprudeln.

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