MenüZurück
Wird geladen.

11.02.2019

09:41

Für seinen Plan, die Geschäfte in Indien deutlich auszubauen, könnte die Stimmung kaum hinderlicher sein. Mathias Peer   / HB

Covestro-Chef Markus Steilemann in Mumbai

Für seinen Plan, die Geschäfte in Indien deutlich auszubauen, könnte die Stimmung kaum hinderlicher sein.

Kampf gegen Plastikmüll

Der Covestro-Chef will in Indien Plastik verkaufen – und stößt auf Skepsis

Von: Mathias Peer

Markus Steilemann präsentiert beim Ortsbesuch seine Produkte als Beitrag zum Umweltschutz. Doch die Stimmung hat sich gegen die Plastikindustrie gedreht.

MumbaiWie umstritten seine Branche im müllgeplagten Indien mittlerweile ist, bekommt Markus Steilemann, Chef des Kunststoffherstellers Covestro, schon bei der Begrüßung zu spüren: „Ihre Visitenkarte ist ja aus Plastik“, sagt einer seiner Geschäftspartner in der Industriestadt Pune. „High-Tech-Material“, erwidert Steilemann. Der Kunde witzelt: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mit Blick auf den Umweltschutz annehmen kann.“

Drei Tage verbringt Steilemann in Indien. Es ist sein erster Besuch auf dem Subkontinent, seit er 2015 in den Vorstand des Leverkusener Konzerns einzog. Die Mission ist heikel: Steilemann bewirbt die Vorzüge seiner Kunststoffe in einem Land, das im Plastikmüll untergeht. Er präsentiert seine Produkte als Beitrag zum Umweltschutz. Doch Aktivisten fürchten, dass mehr Plastik auch mehr Probleme macht.

Wie groß Indiens Plastikmüllkrise ist, sieht die Covestro-Delegation schon beim Blick aus dem Busfenster. Der Highway 160, der von der Megacity Mumbai zur Millionenmetropole Nashik führt, wird auf beiden Seiten flankiert von Müllbergen aus Einkaufstüten, Folien, Styroporverpackungen und PET-Flaschen. Hin und wieder sind Kühe zu sehen, die im Abfall nach Essensresten suchen.

Die Abfallberge werden immer größer: Die indische Regierung schätzt, dass das Land täglich rund 26.000 Tonnen Plastikmüll verursacht. 40 Prozent davon werden nicht wieder eingesammelt. Statt das Plastik zu recyceln, weht es über Felder, treibt in Flüssen oder sammelt sich neben Autobahnen.

Viele Inder wollen das nicht mehr hinnehmen. Aktivisten brachten die Politik zum Handeln: Im Bundesstaat Maharashtra, in dem Indiens größte Stadt Mumbai liegt, ist seit vergangenem Jahr Einwegplastik verboten. Premier Narendra Modi kündigte an, das Verbot 2022 auf das ganze Land auszuweiten: „Lasst uns alle gemeinsam die Plastikverschmutzung besiegen!“, forderte er.

Renewlogy: Wie eine junge Amerikanerin den Ganges vom Müll befreien will

Renewlogy

Wie eine junge Amerikanerin den Ganges vom Müll befreien will

Der heilige Fluss der Hindus wird zum Schauplatz einer Aufräumaktion. Das US-Unternehmen Renewlogy will den Plastikmüll auffangen und recyceln.

Für Steilemanns Plan, die Geschäfte in Indien deutlich auszubauen, könnte die Stimmung kaum hinderlicher sein. Gemessen am Umsatz ist Indien der fünftwichtigste Markt in der Covestro-Welt. In diesem Jahr könnte sich das Land einen Platz nach oben arbeiten und Mexiko aus den Top vier verdrängen.

Die Wachstumsraten lagen in den zuletzt im zweistelligen Bereich. Und Steilemann gibt sich optimistisch, dass es trotz der Anti-Plastik-Initiativen so weitergeht: „Wir beabsichtigen, das fortzusetzen“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Covestro stellt nicht die billigen Plastiktüten her, die durch Indiens Straßen fliegen. Das Unternehmen sieht sich als Hersteller hochwertiger Werkstoffe: Polycarbonate für den Automobilbau und LED-Leuchten zum Beispiel oder Polyurethan, das etwa als Dämmstoff in Gebäuden eingesetzt wird. Die Anwendungen würden helfen, den rasant steigenden Energiehunger Indiens zu bremsen und so die Umwelt entlasten, argumentiert Steilemann.

Bauern sollen mehr Geld verdienen

Doch bei dem Versuch, die Inder von den Vorzügen zu überzeugen, schlägt ihm Skepsis entgegen. „Ich habe auf einer Konferenz hier gesagt, dass Plastik das Material des 21. Jahrhunderts ist“, sagt Steinemann. „Die Menschen haben darauf so reagiert, als wäre ich auf dem falschen Planeten.“

Um die Vorteile seines Plastiks vorzuführen, laden Steilemanns Mitarbeiter in ein Dorf im Norden von Mumbai. Die Bauern bauen Granatäpfel und Gemüse an. Auf einer staubigen Fläche wartet A. P. Prabhakar vor einem Kuppelhaus aus transparentem Kunststoff. Prabhakar ist Chef des Start-ups Vivunes und er will dafür sorgen, dass Indiens Bauern mehr Geld verdienen – und weniger Nahrungsmittel verrotten.

Die Plastikkuppel aus Polycarbonaten von Covestro isoliert und filtert UV-Licht heraus. Trockenes Obst und Gemüse behalten ihre natürliche Farbe. Mathias Peer  / HB

Solartrocknerprojekt des Unternehmers A. P. Prabhakar

Die Plastikkuppel aus Polycarbonaten von Covestro isoliert und filtert UV-Licht heraus. Trockenes Obst und Gemüse behalten ihre natürliche Farbe.

Das Plastikhäuschen soll ihm dabei helfen: In ihm befindet sich eine solarbetriebene Trocknungsanlage für Obst und Gemüse. Auf den Regalen in dem 60 Quadratmeter großen Raum liegen Chilis, Karottenscheiben, Zwiebelringe und Brokkoliröschen. Die Temperatur beträgt 45 Grad. Es riecht ein wenig nach Gemüsebrühe.

Das Trocknen der Ernte verhindere, dass Bauern ihre Produkte zum erstbesten Preis verkaufen, erklärt Parbhakar. Außerdem könnten sie das Obst und Gemüse so für den Export präparieren. Die Plastikkuppel aus Polycarbonaten von Covestro sei elementar. Das Material isoliert und filtert UV-Licht heraus. Trockenes Obst und Gemüse behalten ihre natürliche Farbe.

Bei indischen Aktivisten stoßen aber auch High-Tech-Kunststoffe auf Ablehnung: „Meiner Ansicht nach ist jede Art von Plastik schlecht für die Umwelt“, sagt Nidhi Sharma, Projektkoordinatorin bei der Umweltschutzorganisation Green Yatra. Die Polycarbonatplatten des Solartrockners sind laut Parbhakar zehn bis 15 Jahre lang einsetzbar.

Doch was geschieht danach? Umweltschützer warnen: Wenn Polycarbonate-Abfälle auf Deponien landen, droht der gesundheitsgefährdende Schadstoff Bisphenol A freigesetzt zu werden. Auf die Frage, wie er die unsachgemäße Entsorgung der Kunststoffe verhindern könne, antwortet Steilemann, er könne sich nur im Verbund mit den Herstellern der Endprodukte dafür einsetzen, dass sich die Industrie in Indien zu einer Kreislaufwirtschaft bewege.

Er führe dazu Gespräche mit Industriekollegen. „Wir versuchen nicht, das Thema kleinzureden, sondern sind dafür, dass es aktiv aufgegriffen wird“, sagt er.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×