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30.11.2022

13:13

Konjunktur

Tesla-Fabriken, Windradtürme, Magnetschwebebahn: So behauptet sich Max Bögl in der Baukrise

Von: Axel Höpner

PremiumDer große deutsche Baukonzern Max Bögl hat seine Umsätze in den vergangenen beiden Jahren deutlich gesteigert. Nur ein Zukunftsprojekt wartet noch auf den Durchbruch.

Stefan (links) und Johann Bögl hoffen, die Magnetschwebebahn noch zu einem Geschäft machen zu können.

Bau für die Zukunft

Stefan (links) und Johann Bögl hoffen, die Magnetschwebebahn noch zu einem Geschäft machen zu können.

Sengenthal Als Elon Musk die Bauunternehmer Johann und Stefan Bögl traf, wollte er vor allem eines wissen: Ob der Bau der neuen Fabrik in Brandenburg nicht noch schneller gehen könne und ob denn schon an sieben Tagen in der Woche und 24 Stunden pro Tag gearbeitet würde, fragte der Tesla-Chef die Brüder.

Am Ende wurde das neue Werk mithilfe von vorgefertigten Betonteilen und modularer Bauweise in Rekordzeit errichtet, und Musk war zumindest so zufrieden, dass er die Firma Max Bögl – einen der drei größten privaten Baukonzerne in Deutschland – auch für die geplante Erweiterung engagierte.

Tesla ist nicht der einzige Großkunde des Bauunternehmens: Für die neue VW-Batteriefabrik in Salzgitter gab es zudem einen 250-Millionen-Euro-Auftrag, auch für Amazon baut die Firmengruppe Max Bögl fast alle Logistikzentren Deutschlands.

Die Bauindustrie insgesamt steuert derzeit auf eine schwere Branchenkrise zu. Wegen der stark steigenden Material- und Energiepreise stornieren viele Bauherren ihre Projekte. Im September war jedes sechste Unternehmen in der Baubranche davon betroffen. Die vom Ifo-Institut ermittelten Geschäftserwartungen erreichten den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung 1991. Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) warnte zuletzt sogar vor einem „vollständigen Erliegen“ des Wohnungsneubaus.

Doch Stefan Bögl, Vorstandschef des Baukonzerns aus der Oberpfalz, sagt: „Die aktuellen Krisen wie der Ukrainekrieg und die gestörten Lieferketten belasten auch unser Tagesgeschäft, aber dennoch sind wir gut aufgestellt und wollen weiterwachsen.“ Der Auftragsbestand sei auf Rekordniveau. Der Umsatz legte in den vergangenen beiden Jahren um 45 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro zu, in diesem Jahr sollen es 2,5 Milliarden Euro werden.

Zwar spüre man beim Ergebnis die gestiegenen Materialkosten, sagt Bögl. Doch schreibe das Unternehmen solide schwarze Zahlen.

Erneuerbare Energien als gigantisches Konjunkturprogramm

Einer der Gründe: Max Bögl hat einen eigenen Etat für Forschung und Entwicklung – in der Baubranche eher eine Seltenheit. Der Konzern habe damit Wachstumstrends früh erkannt und sich darauf ausgerichtet, verrät Aufsichtsratschef Johann Bögl. „Der Turm von mehr als jedem zweiten Windrad, das in Deutschland aufgestellt wird, stammt von uns.“ Die Produktionskapazität will das Bauunternehmen von 400 auf 600 Türme pro Jahr erweitern.

Die Energiewende in Deutschland sei für die Baubranche ein gigantisches Konjunkturprogramm, sagt Johann Bögl. Viele produzierende Firmen hätten inzwischen auch erkannt, dass zur Wettbewerbsfähigkeit eine eigene Energieproduktion gehört. Die Bögls haben bei ihrem Stammwerk in Sengenthal Windräder aufgestellt, auf einem See schwimmt eine Photovoltaikanlage.

Max Bögl verdient gut mit dem Ausbau der Windkraft in Deutschland.

Bau von Windkrafträdern

Max Bögl verdient gut mit dem Ausbau der Windkraft in Deutschland.

Der 1929 gegründete Max-Bögl-Konzern profitiert im aktuellen Umfeld auch davon, dass er vergleichsweise gering im klassischen Wohnungsbau engagiert ist. Der Bauindustrieverband rechnet für die Branche insgesamt wegen der gestiegenen Zinsen und Preise bereits für dieses Jahr mit realen Umsatzrückgängen, die Perspektiven für das kommende sind bislang nicht besser.

In den letzten zehn Jahren befanden sich die Wohnungsmärkte in einem Daueraufschwung und der Wohnungsbau sorgte für Schub in der Binnennachfrage“, sagte Immobilienökonom Tobias Just von der Universität Regensburg. Beide Effekte seien erst einmal vorbei.

Die enorme Kostensteigerung führt auch laut dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) dazu, dass viele Häuslebauer Abstand von geplanten Bauvorhaben nehmen. „Entweder die Projekte rechnen sich nicht mehr oder die gestiegenen Baupreise und Zinsen sprengen das Haushaltsbudget, das ohnehin schon durch die explodierenden Energiekosten enorm belastet ist“, sagte HDB-Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller.

Kaum Digitalisierung am Bau

Durch effizienteren Bau könnten die Kostensteigerungen zumindest teilweise aufgefangen werden. So nutzt Bögl den „digitalen Zwilling“. Der Bau wird also komplett am Rechner geplant, und dann werden die Baufortschritte dokumentiert – so weiß die Firma stets, wo sich welches modulare Bauteil befindet und welche Abschnitte fertiggestellt sind.

Die Branche hat bei solchen Themen nach Einschätzung von Experten großes Nachholpotenzial. Die produzierende Industrie hat ihre Fertigung schon deutlich stärker automatisiert und digitalisiert. Die Baubranche, die derzeit weltweit elf Billionen Dollar Wertschöpfung generiert, könnte laut einer McKinsey-Studie die jährlichen Gewinne mithilfe der Digitalisierung innerhalb von 15 Jahren um bis zu 265 Milliarden Dollar im Jahr steigern.

Dank der stärkeren Nutzung der digitalen Möglichkeiten und der Fokussierung auf Zukunftstrends kommt der Max-Bögl-Konzern so bislang gut durch die Krise. Doch nicht jede Innovation rechnet sich sofort – auch nicht bei Max Bögl. Eine Magnetschwebebahn, die das Bauunternehmen für den Nahverkehr entwickelt hat, wartet bislang noch auf den Durchbruch. Auf dem Firmengelände absolviert die Bahn zuverlässig ihre Testfahrten, neuerdings gibt es auch eine Variante für den Transport von Gütercontainern.

Das riesige Werk für Elektroautos bei Berlin wurde von Max Bögl mitgebaut.

Tesla-Gigafactory

Das riesige Werk für Elektroautos bei Berlin wurde von Max Bögl mitgebaut.

Bögl war einst als Lieferant und Lizenzgeber für den Fahrweg bei der Transrapidstrecke im Emsland und bei der bislang einzigen kommerziellen Strecke in Shanghai dabei. Als das Thema Transrapid in Deutschland erledigt war, machte der Konzern ab 2008 allein weiter.

Mit dem Transrapid hat das Transportsystem Bögl (TSB) heute nur noch wenig zu tun. Denn statt auf Hochgeschwindigkeit und lange Strecken setzt der Konzern auf den Nahverkehr mit Distanzen von etwa fünf bis 30 Kilometern.

Dadurch sind die Ausgaben für die Strecken viel niedriger und die Technologie ist nach Einschätzung Bögls konkurrenzfähig mit anderen Verkehrsmitteln in diesem Segment. Die tonnenschweren, zwölf Meter langen Fahrwegsegmente aus Betonfertigteilen sollen in einer Art Baukastenprinzip industriell in Sengenthal in der Oberpfalz gefertigt werden.

Als Markt kommt insbesondere China infrage, doch würde eine Pilotstrecke in Deutschland bei der Vermarktung helfen. Ex-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer gab vor zweieinhalb Jahren eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, um unter anderem eine mögliche Strecke am Münchener Flughafen zu prüfen. Die Ergebnisse sind den Bögls zufolge positiv, doch noch ist nichts entschieden.

Vielleicht sei es gerade nicht die Zeit für mutige Entscheidungen, sagt Johann Bögl. Doch als Familienunternehmen habe man den langen Atem abzuwarten, bis die Zeit des TSB komme.

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