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23.06.2022

15:58

Krankenhausmarkt

Leere Betten, leere Kassen: 60 Prozent der Kliniken schreiben rote Zahlen

Von: Maike Telgheder

Immer weniger Menschen lassen sich im Krankenhaus behandeln. Gleichzeitig steigen die Kosten. Ein neuer Report stuft jede fünfte Klinik als insolvenzgefährdet ein.

Weniger Patienten, steigende Kosten: 60 Prozent der Krankenhäuser sollen laut einer Marktstudie in diesem Jahr Verlust schreiben. dpa

Krankenpfleger mit Bett

Weniger Patienten, steigende Kosten: 60 Prozent der Krankenhäuser sollen laut einer Marktstudie in diesem Jahr Verlust schreiben.

Frankfurt Die Krankenhäuser schlagen Alarm: Nach zwei Jahren Coronapandemie schreiben 60 Prozent der 1900 deutschen Kliniken in diesem Jahr wohl rote Zahlen, 20 Prozent sind insolvenzgefährdet. Das rechnet der neue „Krankenhaus Rating Report“ (KRR) des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung und des Institute for Healthcare Business vor. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat die Bundesregierung bereits um Soforthilfe gebeten.

Der Grund für die Misere: Immer weniger Patienten lassen sich im Krankenhaus behandeln, weswegen die Einnahmen sinken. Gleichzeitig steigen die Kosten stark an – für Energie, Medizinprodukte, Medikamente, IT-Produkte und Dienstleistungen sowie Lebensmittel und Personal.

„Unsere derzeitige Kostensteigerung in Summe liegt mit einer Quote von 13 Prozent deutlich über der allgemeinen Inflationsrate“, sagt Sana-Kliniken-Chef Thomas Lemke. „Diese Entwicklung müssen wir als Krankenhausbetreiber komplett auffangen.“

Während andere Branchen Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben können, arbeiten Kliniken in einem gedeckelten Erlössystem mit festgelegten Budgets und einer Preissteigerungsrate, die in diesem Jahr auf 2,32 Prozent festgelegt wurde. „Damit sind wir von der tatsächlichen Kostenentwicklung weit entfernt“, so Lemke. Auch andere Anbieter berichten von Kostensteigerungen um mehr als zehn Prozent.

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    Der neue Kostendruck folgt auf zwei Jahre Coronapandemie, in denen zahlreiche Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitäten gearbeitet haben. Wirtschaftlich betrachtet aber stand die Branche wegen der staatlichen Coronahilfen vergleichsweise gut da.

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    Etwa 21,6 Milliarden Euro Ausgleichzahlungen haben die Krankenhäuser in Deutschland seit 2020 erhalten: Damit konnten sie die höheren Kosten für Schutzmaßnahmen, die die Pandemie mit sich brachte, bezahlen und Einnahmeausfälle für frei gehaltene Betten kompensieren.

    Diese Coronahilfen sind im April dieses Jahres ausgelaufen. Damit kein Krankenhaus im größeren Maße durch die staatlichen Hilfen subventioniert wird, wurde folgende Regel festgelegt: Die Kliniken erhalten von den gesetzlichen Krankenkassen in diesem Jahr Vergütungen für maximal 98 Prozent des Leistungsniveaus von 2019. Krankenhäuser, die über dieses Budget hinausgehend staatliche Hilfen erhalten haben, müssen diese zurückzahlen. Für die nun deutlich gestiegenen Kosten der Kliniken ist bisher kein zusätzlicher Ausgleich vorgesehen.

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    Unabhängig von den akuten Finanznöten hatte sich die Lage der deutschen Krankenhäuser schon in den Jahren vor der Coronakrise verschlechtert. Das liegt an strukturellen Problemen: Seit Jahren gilt der Markt mit zuletzt rund 1900 Krankenhäusern und einem Umsatz von mehr als 114 Milliarden Euro in vielen Regionen als überbesetzt. Ein hoher bürokratischer Aufwand und eine schleppend vorangehende Digitalisierung beeinträchtigen die Effizienz der Versorgung.

    Zudem fehlt das Geld für notwenige Investitionen. Die Bundesländer, die eigentlich die Investitionen der Kliniken in Gebäude und große Medizintechnik finanzieren müssten, kommen dieser Verpflichtung seit Langem nicht ausreichend nach. 2020 zahlten sie laut KRR rund 3,3 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wäre eigentlich nötig gewesen, wie die Autoren vorrechnen.

    Diese Investitionslücke können die Krankenhäuser aus den Einnahmen, die sie von den Krankenkassen für die Patientenversorgung erhalten, nicht schließen. Insbesondere nicht, weil die Zahl der stationären Patienten, die für das Gros der Einnahmen sorgen, seit 2017 sinkt.

    Patientenzahlen sanken in der Pandemie zweistellig

    2020 brachen die stationären Fallzahlen pandemiebedingt sogar um 13,5 Prozent ein und verharrten nach Einschätzung der Studienautoren auch 2021 auf diesem Niveau. Geht es so weiter, werden laut Report im nächsten Jahr bereits 80 Prozent der Kliniken rote Zahlen schreiben.

    Strukturelle Reformen werden gefordert: „Das deutsche Gesundheitswesen kann und muss deutlich effizienter werden, beispielsweise durch sektorenübergreifende Versorgung“, sagt Studienautor Boris Augurzky, Gesundheitsexperte beim RWI. Damit würde die Trennung der stationären und der ambulanten Versorgung aufgebrochen werden.

    Bisher haben Fallpauschalen, die sogenannten DRG (Diagnostic Related Groups), den Anreiz gesetzt, möglichst viele Patienten stationär zu behandeln. Eine Brücke zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor könnten hybride Fallpauschalen schlagen, sogenannte Hybrid-DRG. Damit würden Leistungen bezahlt, die aus Vergütungsgründen bislang stationär erbracht wurden, die aber ambulant hätten durchgeführt werden können, so die Studienautoren.

    „Krankenhäuser sind an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr erreichbar. Sie haben höhere Kosten als eine Facharztpraxis, die an Werktagen bis nachmittags geöffnet hat.“ Christian Höftberger, Vorstandsvorsitzender der Rhön Klinikum AG

    „Die gezielte Ambulantisierung ist sowohl für Patienten als auch für die Krankenhäuser ein guter Reformansatz“, meint Sana-Kliniken-Chef Lemke. Bestimmte Behandlungen könnten in hybriden Strukturen oder ambulant erfolgen. Für einfache Eingriffe oder auch diagnostische Abklärungen müsste der Patient nicht mehr für ein paar Tage ins Krankenhaus. „Diese Entwicklung dann über Hybrid-DRG zu finanzieren, ist folglich nur konsequent“, so Lemke.

    Erwartet wird, dass die Krankenhäuser nach einer Umstellungsphase ihre Strukturen entsprechend ausrichten. Gerade in Ballungszentren würden sich die stationären Überkapazitäten verringern. Und auf dem Lande könnten Kliniken stärker die Rolle der Erstversorger übernehmen, was auch angesichts des Arztmangels in ländlichen Regionen eine gute Entwicklung wäre, so Lemke.

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    Aber ambulante Fallpauschalen müssten auch die unterschiedlichen Strukturen im Gesundheitswesen ausreichend einbeziehen. Etwa die Konkurrenzsituation von Krankenhäusern zu niedergelassenen Fachärzten, meint Christian Höftberger, Vorstandsvorsitzender der Rhön Klinikum AG. „Krankenhäuser sind an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr erreichbar. Sie haben höhere Kosten, um diese Leistung vorzuhalten, als eine Facharztpraxis, die an Werktagen bis nachmittags geöffnet hat.“

    Weiter Rückstand bei der Digitalisierung

    Es gibt reichlich Diskussionsbedarf, wie eine Reform für die Krankenhausbranche aussehen müsste. Auch das Thema Digitalisierung ist mit dem noch unter Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verabschiedeten Krankenhauszukunftsgesetz und einer Finanzspritze von 4,3 Milliarden Euro für entsprechende Investitionen noch längst nicht abgeschlossen.

    „Leider hat das Krankenhauszukunftsgesetz die beantragten Investitionen nicht an eine patientenorientierte und nachhaltige Optimierung der Krankenhausstruktur geknüpft. Stattdessen wird versucht, unser international unterdurchschnittliches Niveau gleichmäßig etwas anzuheben“, kritisiert KRR-Studienautor Sebastian Krolop.

    Themen, mit denen sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und die von ihm einberufene Regierungskommission beschäftigen müssen. Die Krankenhausreform ist nach eigenem Bekunden für Lauterbach das Schwerpunktthema der kommenden Jahre.

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