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29.10.2019

18:04

Künstliche Intelligenz

Bosch baut neuen KI-Campus

Von: Martin-W. Buchenau

Dem Cyber-Valley in Tübingen gelingt mit der Ansiedlung ein bemerkenswerter Erfolg. Selbst das Fraunhofer-Institut ist interessiert.

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Künstliche Intelligenz – wie gefährlich ist sie wirklich?

Handelsblatt Live: Künstliche Intelligenz – wie gefährlich ist sie wirklich?

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Renningen Am Eingang des Forschungszentrums von Bosch in Renningen fahren zwei Modellautos immer im gleichen Abstand. Wenn das vordere Fahrzeug lenkt, bremst und hält, antizipiert das zweite nicht nur jede Bewegung, sondern lernt das Fahrverhalten gleich mit.

Das ist nur Spielerei im Vergleich zum Platooning von 40 Tonnen schweren Lastern. Aber die Bosch-Techniker wollen zeigen, dass mit dem Bastelcomputer Raspberry Pie für 35 Euro intelligente, selbstlernende Systeme möglich sind.

Aicon ist die zweite Konferenz des schwäbischen Stiftungskonzerns zum Thema Künstliche Intelligenz (KI), zu der am Dienstag rund 300 Experten kamen. An den anderen Demonstrationsständen wurde es schon ernster mit Themen wie dem digital dosierten Einsatz von Pflanzenschutz in der Landwirtschaft oder der Erkennung von Ersatzteilen bei Maschineninstandsetzung.

Beim Forschungsprojekt Amira lernt ein Roboterarm mit Feingefühl, wie er ein Bauteil findet, indem ein Techniker den Arm zu dem Bauteil führt. „Wir müssen das nur wenige Male wiederholen, dann findet der Roboter das Teil dank der programmierten Algorithmen von alleine“, sagt Markus Spies. Der 35-jährige hat in Robotik promoviert und sich für Bosch entschieden, „weil ich hier mein Wissen praktisch anwende.“

Bosch-Chef Volkmar Denner freut sich über die vielen Projekte. Aber der Konzernchef steht unter Druck. „I need the big impact projects“, sagt Denner auf der komplett in englischer Sprache stattfindenden Konferenz. Gemeint sind Anwendungen mit breiter Wirkung auf das Konzerngeschäft. Die fehlen trotz vieler guter Ansätze noch.

Denner weiß, dass er bei seiner Wette auf die Zukunft einen langen Atem braucht. Und das wird bei abflauender Konjunktur im Kerngeschäft immer schwieriger. Vor zehn Jahren begann Denner, KI für seinen Konzern zu entdecken. Sein Forschungschef Michael Bolle hat ein eigenes Zentrum für Künstliche Intelligenz aufgebaut.

1000 KI-ler hat der Konzern an sieben Standorten, immer nahe der besten Universitäten wie Stanford, schon an Bord – 250 davon in Renningen. 3000 weitere Experten sollen hinzukommen. Die Ziele sind ehrgeizig: Bis nächstes Jahr sollen alle Bosch-Produkte vernetzt sein, bis 2025 auch Künstliche Intelligenz enthalten. 300 Millionen Euro hat Bosch in KI investiert.

Wichtig ist für die Schwaben dabei vor allem der Nachschub an klugen Köpfen. Bosch gründete unter anderem mit der Landesregierung und den Unis Tübingen und Stuttgart sowie dem Max Planck-Institut die Initiative Cyber-Valley. Jetzt gab der Konzernchef weitere 100 Millionen Euro frei für den Bau eines neuen KI-Campus in Tübingen.

Der erste Bauabschnitt soll nächstes Jahr begonnen werden. Mit dabei ist ein Boarding House mit 40 Wohnungen für Bosch-Mitarbeiter, Wissenschaftler und Studenten. Zwei Jahre später sollen auf dem Campus rund 700 KI-Experten arbeiten. Am Rande des Kongresses war zu hören, dass auch das Fraunhofer-Institut kurz davor steht, beim Cyber-Valley einzusteigen.

Auf die drei Stärken besinnen

Aber reicht das, um mit den Internet-Giganten in den USA und China mitzuhalten? Acht Milliarden Dollar haben Finanzinvestoren in den USA in Künstliche Intelligenz investiert. China investiert allein in der Hafenstadt Tianjin 16 Milliarden Dollar in Entwicklung und Erprobung von KI-Technologien.

Und in Deutschland wird von Beteiligungsunternehmen gerade mal eine halbe Milliarde Euro in KI investiert. Auch Denner ist das zu wenig. Aber er sieht Deutschland keinesfalls abgehängt. „Vor allem in der Verbindung von Internet der Dinge und industriellen Prozessen mit Einsatz Künstlicher Intelligenz hat Europa Stärken, die andere nicht haben“, sagt Denner. Die Drei-Milliarden-Förderung der KI durch den Bund bedeutet international nur Mittelfeld.

Denner fordert eine differenziertere Betrachtung: Die großen IT-Unternehmen aus den USA verdienten ihr Geld mit datenbasierten Services. „Die deutsche Wirtschaft muss sich auf ihre drei Stärken besinnen“, fordert Denner.

Damit meint der Bosch-Chef die Herstellung komplexer physischer Produkte, die Kombination von Maschinen und Produktdaten sowie die Etablierung sogenannter Eco-Systeme von Wissenschaft, Start-ups und Unternehmen aller Größenordnungen. Denner nennt das industrielle KI und will sich damit von den IT-Giganten abgrenzen. „Bosch geht es bei Künstlicher Intelligenz nicht darum, den Menschen zu optimieren, sondern darum, Technik zu optimieren.“

Bis zum Jahresende will Denner einen Ethik-Kodex für KI vorstellen. Wer bei Aicon zuhörte, konnte schon heraushören, in welche Richtung es geht. Die Systeme müssten robust, sicher und erklärbar seien, betonte Denner, und den Menschen dienen.

Kritik kam von dem niederländischen KI-Forscher und Professor in Amsterdam für maschinelles Lernen, Max Welling: „In Deutschland werden zu sehr die Risiken in den Vordergrund gestellt.“ Die deutschen Bedenken sind allerdings nicht ganz unbegründet.

Wenn beispielsweise nicht ausgereifte Systeme etwa beim automatisierten Fahren eingesetzt werden und es deshalb zu schweren Unfällen kommt, kann eine ganze Technologie die Akzeptanz beim Kunden verlieren und um Jahre zurückgeworfen werden. Bosch zeigte die intelligentesten Kameras der Welt, die von der Seite kommende Fahrradfahrer besser als das menschliche Auge erkennen und die Bremsung einleiten.

Ein Forscherteam von Max Planck in Tübingen warnte am Dienstag, dass optische Flussalgorithmen in solchen Kameras durch Farbmuster irritiert werden können. Die Bosch-Kamera verfügt allerdings über weitere Technologien. Aber das Beispiel zeigt, wie ernst Sicherheitsthemen zu nehmen sind.

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