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31.05.2022

13:56

Kunststoffe

Lanxess und Advent kaufen DSM-Sparte für 3,7 Milliarden Euro – Aktie steigt um 13 Prozent

Von: Arno Schütze, Bert Fröndhoff

Für Leichtbau, Stecker oder Batteriegehäuse werden spezielle Kunststoffe benötigt. Lanxess will mit Advent nun die Konsolidierung vorantreiben – mit der Option auf einen baldigen Ausstieg.

Der Weltmarkt für Hochleistungskunststoffe, wie sie bei Elektrofahrzeugen eingesetzt werden, ist noch stark fragmentiert. Bloomberg

Elektroautoproduktion bei VW in Zwickau

Der Weltmarkt für Hochleistungskunststoffe, wie sie bei Elektrofahrzeugen eingesetzt werden, ist noch stark fragmentiert.

Frankfurt, Düsseldorf Der Kölner Spezialchemiekonzern Lanxess und der Finanzinvestor Advent übernehmen das Kunststoffgeschäft des niederländischen Wettbewerbers DSM. Der Kaufpreis liegt bei 3,7 Milliarden Euro, wie die Unternehmen am Dienstag mitteilten.

In das neue, 6,2 Milliarden Euro schwere Gemeinschaftsunternehmen bringt Lanxess seine Geschäftseinheit High Performance Materials (HPM) ein. Es kommt auf einen gemeinsamen Umsatz von rund drei Milliarden Euro und ein Betriebsergebnis von rund 530 Millionen Euro.

Lanxess hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, das HPM-Geschäft in eine eigenständige Firma auszulagern. Es wird nun in dem Joint Venture aufgehen, in dem Advent die unternehmerische Führerschaft und 60 Prozent der Anteile übernimmt. Das neue Unternehmen soll einen Kern für weitere Übernahmen auf dem Markt bilden. So hat der US-Chemieriese Dupont sein Spezialkunststoffgeschäft zum Verkauf gestellt, was Finanzkreisen zufolge eine mögliche Ergänzung sein könnte.

Lanxess erhält bis zu 40 Prozent der Anteile, will sich aber perspektivisch aus dem Segment zurückziehen. Für die Einbringung von HPM in das Joint Venture erhält Lanxess von Advent eine erste Zahlung von mindestens 1,1 Milliarden Euro. Damit stemmt der Finanzinvestor finanziell den gesamten Deal, der in etwa zur Hälfte mit Fremdkapital finanziert wird.

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    Den Anteil kann Lanxess frühestens nach drei Jahren verkaufen, zur gleichen Bewertung, die bei mehr als dem Zehnfachen des bereinigten Gewinns (Ebitda) liegt. Das Geschäft wird künftig nicht mehr bei Lanxess vollkonsolidiert, sondern nach der Equity-Methode in den Konzernabschluss einbezogen.

    Lanxess-Aktie steigt stark

    An der Börse sorgte der Vorstoß für große Zustimmung bei den Anlegern. Die Lanxess-Aktie stieg am Dienstagmorgen um 13 Prozent auf 43,70 Euro und lag am Nachmittag noch gut zehn Prozent im Plus.

    Der Grund: Lanxess kündigte an, mit den Einnahmen Schulden zu tilgen und in den kommenden Jahren ein Aktienrückkaufprogramm über 300 Millionen Euro zu starten.

    Grafik

    DSM Engineering Plastics und Lanxess HPM stellen Hochleistungskunststoffe her, wie sie im Leichtbau für Elektroautos, Stecker, Batteriegehäuse, Elektronik und Konsumgüter gebraucht werden. Der Weltmarkt für solche Materialien ist derzeit stark zersplittert. Branchenexperten erwarten in den kommenden Jahren eine kräftige Konsolidierung, bei der es um die besten Positionen in der Ausrüstung für die Elektromobilität geht. Dafür brauchen die großen Kunststoff-Spieler viel Kapital.

    Zugleich haben beide Unternehmen aber auch Produkte im Portfolio, die in Autos mit Verbrennungsmotoren eingesetzt werden und die durch den Umstieg auf Elektromobilität langfristig verschwinden könnten.

    Die Kunststoffsparte von DSM kommt auf einen Jahresumsatz von rund 1,5 Milliarden Euro und einen Betriebsgewinn (Ebitda) von 334 Millionen Euro. Damit ist sie in etwa gleich groß wie HPM, das zuletzt 1,6 Milliarden Euro Umsatz und einen bereinigten Gewinn vor Sondereinflüssen von rund 200 Millionen Euro erzielte.

    Das Bieterduo von Advent und Lanxess wurde im Verkaufsprozess seiner Favoritenrolle gerecht. Wettbewerber wie OMV, Koch Industries und SK Capital hatten sich ebenfalls für die Sparte interessiert, konnten sich aber nicht durchsetzen.

    DSM hatte die Trennung von seiner Sparte Materials, zu der Engineering Plastics gehört, im September 2021 angekündigt. Die Schwestereinheit Protective Materials, bekannt für die Kunstfaser Dyneema, verkaufte DSM bereits im April für 1,5 Milliarden Dollar an den US-Wettbewerber Avient.

    Konsolidierung der Chemiebranche läuft auf Hochtouren

    Die Branche ist in Bewegung. Im Februar kaufte der US-Chemiekonzern Celanese dem Rivalen Dupont dessen Sparte für Spezialkunststoffe für elf Milliarden Dollar ab. Das Segment stellt vor allem Materialien wie Nylon, Polyester und Elastomere her, die in der Autoindustrie, in Elektronikprodukten und der Industrie eingesetzt werden.

    Für Lanxess ist es der nächste große Deal binnen kurzer Zeit. Mehr als zwei Milliarden Euro hat der Konzern seit Januar 2021 für Zukäufe ausgegeben – das entspricht einem Drittel des im vergangenen Jahr erzielten Umsatzes.

    Zurzeit verschiebt Lanxess die Hochleistungsplastik-Geschäfte in eine eigene Firma. dpa

    Lanxess-Zentrale in Köln

    Zurzeit verschiebt Lanxess die Hochleistungsplastik-Geschäfte in eine eigene Firma.

    Zuletzt übernahm der Konzern für 1,3 Milliarden Dollar das Geschäft mit antimikrobiellen Schutzprodukten vom US-Aromenhersteller IFF. Damit verstärkten die Kölner ihre junge Wachstumssparte „Consumer Protection“, in der Geschäfte mit Chemikalien für Desinfektion, Körperpflege, Materialschutz und Wasseraufbereitung gebündelt sind. Sie zählt zum neuen Kerngeschäft.

    „Lanxess wird noch einmal deutlich weniger abhängig von Konjunkturschwankungen“, sagte Vorstandschef Matthias Zachert am Dienstag zu dem DSM-Deal. Der Manager hat den Konzern in den vergangenen Jahren komplett neu aufgestellt und bevorzugt dabei margenstarke Spezialgeschäfte in überschaubaren Märkten und mit nicht zu großem Kapitaleinsatz.

    Kassen der Finanzinvestoren sind gefüllt

    Mit Advent hat Lanxess einen in der Chemieindustrie erfahrenen Finanzinvestor an der Seite, der allein in Deutschland schon neun Investments getätigt hat. 2019 hatte Advent für drei Milliarden Euro das Plexiglasgeschäft von Evonik übernommen. „Künftig wollen wir mehr ähnliche Deals machen, bei denen wir Industrieunternehmen bei der Weiterentwicklung des Geschäfts mit unserer Branchenexpertise und Erfahrung als Private-Equity-Investor helfen“, sagte Ronald Ayles, Managing Partner bei Advent International, dem Handelsblatt.

    Die Kassen der Finanzinvestoren sind für Zukäufe gut gefüllt. Viele blicken erwartungsvoll auf die weitere Neuordnung in der Industrie, wo Unternehmen größere Geschäfte abspalten und zum Verkauf stellen. In der Chemie ist dieser Prozess seit vielen Jahren in vollem Gange: Lanxess ist selbst das Produkt einer Abspaltung der Bayer-Chemieeinheiten im Jahr 2005. Das HPM-Geschäft mit rund 2000 Mitarbeitern ist im Vergleich zu Konkurrenten wie BASF, Dupont oder Anbietern aus China eher klein.

    Mit dem Ausstieg über ein Gemeinschaftsunternehmen besitzt Lanxess bereits Erfahrung: Das einst dominierende Geschäft mit Kautschuk für Autoreifen hatte den Konzern 2013 in eine tiefe Krise gestürzt. Finanzstarke Wettbewerber, vor allem aus Asien, hatten dem damaligen Weltmarktführer schwer zugesetzt. Zachert brachte das Geschäft in ein Joint Venture mit der saudi-arabischen Aramco ein, Lanxess stieg später komplett aus.

    DSM – einst in der Petrochemie groß geworden – steckt im Endstadium eines rigorosen Umbaus. Am Dienstag verkündete der niederländische Konzern eine milliardenschwere Fusion mit der Schweizer Firmenich-Gruppe.

    Bereits seit Längerem fokussiert sich DSM auf Zusatzstoffe für Nahrungsergänzungsmittel, Tierfutter, Kosmetika sowie für Gesundheitsprodukte und Arzneien. Im Herbst hatte das Unternehmen sein Geschäft mit Beschichtungen für 1,6 Milliarden Euro an die Leverkusener Covestro verkauft.

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