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02.08.2022

17:33

Kunststoffhersteller

Covestro-Chef fürchtet „tiefere und länger andauernde Rezession in Europa“

Von: Bert Fröndhoff

Markus Steilemann sieht die industrielle Basis durch teures Gas in Gefahr. Die Lage könne länger andauern als bei der letzten Finanzkrise 2008.

Covestro senkt zum zweiten Mal in diesem Jahr die Gewinnprognose. CEO Steilemann fürchtet eine lange Rezession. Covestro

Herstellung von Metall-Sandwichpaneelen

Covestro senkt zum zweiten Mal in diesem Jahr die Gewinnprognose. CEO Steilemann fürchtet eine lange Rezession.

Düsseldorf Zwei Entwicklungen zwingen Covestro-Chef Markus Steilemann zu einem radikalen Schritt: Er muss zum zweiten Mal binnen drei Monaten die Gewinnprognose des Kunststoffherstellers für 2022 senken. Denn die Energiekosten steigen rasant – und die konjunkturellen Aussichten sind dem CEO zufolge düster.

„Ich halte eine Rezession in Europa für wahrscheinlich, die tiefer sein und länger andauern wird als vorherige“, sagte Steilemann im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er bezieht sich etwa auf die Finanzkrise 2008. Damals kam die europäische Wirtschaft nach dem heftigen Lehman-Schock nach nur einem Jahr wieder in den Tritt.

Der Chemiemanager rechnet jetzt mit langfristig schweren Zeiten für die Europäer im globalen Wettbewerb, und zwar wegen des teuren Erdgases. „Wir müssen uns auf Energiepreise einstellen, die dauerhaft teils doppelt so hoch sein werden wie in anderen Regionen“, sagt der Covestro-Chef. „Die Industrie in Europa wird dadurch strukturell geschwächt.“ Auch für die USA prognostiziert Steilemann zwar eine Rezession, diese werde aber kürzer ausfallen.

Mit Blick auf einen drohenden Gasmangel im Winter fordert Steilemann den sogenannten Streckbetrieb der verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland – also ein Weiterlaufen der Meiler für eine Übergangszeit. Man habe in Deutschland sicher einen guten Konsens mit dem Ausstieg aus der Atomkraft erzielt. „Aber wir müssen uns den Realitäten stellen und uns für den Winter rüsten. Die Bundesregierung ist gut beraten, technologieoffen und entideologisiert alle Chancen zum Einsparen von Gas zu nutzen“, sagt Steilemann. „Jedes Watt zählt.“

Bei Covestro selbst laufen die Projekte zur Senkung des Gasverbrauchs seit Monaten. Generatoren zur in der Chemie wichtigen Dampferzeugung werden auf Ölbetrieb umgestellt und Produktionsprozesse überarbeitet. Weitere größere Schritte beim Energiesparen seien aber nicht möglich, ohne dass dies auf Kosten der Produktion ginge.

Jeder Prozentpunkt an Produktionsausfall würde den bereinigten Gewinn von Covestro (Ebitda) um einen niedrigen bis mittleren zweitstelligen Millionenbetrag senken. Das würde den Konzern nicht gefährden, 2021 lag das Ebitda bei 3,1 Milliarden Euro. Steilemann warnt aber vor allem vor den gesamtwirtschaftlichen Folgen, weil dann wichtige Kunststoffe in der Weiterverarbeitung fehlten. „Die schon jetzt angespannten Lieferketten würden zusammenbrechen.“

Die Folgen eines möglichen Gasmangels für das Unternehmen hat der Covestro-Vorstand in die aktuelle Prognose für 2022 schon einbezogen. Der Konzern erwartet ein Ebitda von 1,7 bis 2,2 Milliarden Euro. Laut Steilemann würde ein Gasmangel das Chemieunternehmen erst spät treffen. Mit einem kompletten Ausfall rechne er ohnehin nicht.

Der Chemiemanager erwartet dauerhaft hohe Energiepreise in Europa. dpa

Covestro-CEO Markus Steilemann:

Der Chemiemanager erwartet dauerhaft hohe Energiepreise in Europa.

Das liegt unter anderem an der privilegierten Lage der deutschen Covestro-Produktionsstätten. Die sind in NRW und Niedersachen konzentriert und werden vorwiegend mit Gas aus der Nordsee beliefert. Das deutsche Gasnetz lässt es technisch kaum zu, dass Mengen von dort an süddeutsche Industrieverbraucher weitergeleitet werden, die abhängig von russischem Gas sind.

Ein Ausfall russischer Gaslieferungen würde auch die Covestro-Werke in Belgien, Frankreich und Spanien nur in begrenztem Umfang treffen, erwarten Analysten der Baader Bank. Standorte in Asien und den USA überhaupt nicht.

Doch Covestro wird in den kommenden Monaten deutlich mehr für Energie zahlen müssen. Das Unternehmen betreibt kein Hedging, bei dem sich Firmen feste Einkaufspreise für einen längeren Zeitraum sichern. Stattdessen kauft der Konzern zu tagesaktuellen Preisen am Spotmarkt ein. Laut Steilemann sei man mit dieser Strategie in vielen Phasen gut gefahren.

Jetzt aber zeichne sich ab, dass sich die Energiekosten von Covestro binnen zwei Jahren mehr als verdreifachen. 2020 gab das Unternehmen weltweit noch 600 Millionen Euro für Strom und Gas aus. Im laufenden Jahr erwartet das Management Energiekosten in Höhe von 2,2 Milliarden Euro – noch mal gut 300 Millionen Euro mehr als bei der letzten Schätzung vor drei Monaten, als Steilemann die Prognose zum ersten Mal senken musste. Die erneute Senkung entfällt zu zwei Dritteln auf diesen Effekt.

Steilemann will grünen Umbau jetzt forcieren

Im ersten Halbjahr konnte Covestro die hohen Energie- und Rohstoffpreise noch weitgehend an die Kunden weitergeben, die für Schaumstoffe und transparenten Polycarbonat-Kunststoff im Schnitt 21 Prozent mehr zahlen mussten. Doch Covestro erwartet eine sinkende Preismacht, weil die Weltwirtschaft sich abkühlt.

Beim grünen Umbau des Leverkusener Chemiekonzerns will Steilemann jedoch nicht zurückstecken – im Gegenteil. „Wir werden die Abkehr von fossilen Rohstoffen und Energiequellen vor dem Hintergrund der aktuellen Krise forcieren“, sagt er. Covestro will langfristig nur noch erneuerbare Rohstoffe und Strom aus grünen Quellen einsetzen. Dabei steht der Konzern erst am Anfang, treibe aber jetzt Projekte an vielen Standorten voran.

Die Industrie insgesamt sollte Steilemanns Ansicht nach die Transformation zur grünen Energie beschleunigen. Denn ihr sei einer ihrer Grundpfeiler weggebrochen: „Die deutsche Wirtschaft ist aufgewacht aus dem Traum, dass alles einfach so weitergeht. Jetzt müssen wir erkennen, dass unsere Industrie auf dem Import billiger Rohstoffe basiert. Der ist aber nicht mehr gegeben.“

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