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30.06.2022

14:31

Kunststoffhersteller

Hohe Energiepreise: Milliarden-Projekt von Lanxess und Advent vor schwierigem Start

Von: Bert Fröndhoff, Arno Schütze

Der Kölner Chemiekonzern will gemeinsam mit Investor Advent den Kunststoffmarkt aufmischen. Doch die Rahmenbedingungen haben sich deutlich verschlechtert.

Die Hochleistungskunststoffe werden vor allem in der Elektromobilität eingesetzt. dpa

Ladesäule für Elektroautos

Die Hochleistungskunststoffe werden vor allem in der Elektromobilität eingesetzt.

Frankfurt, Düsseldorf Es ist eine der meistbeachteten Fusionen in der Chemiebranche der vergangenen Jahre: Der Kölner Konzern Lanxess und der Finanzinvestor Advent International haben sich zusammengetan, um gemeinsam den Markt für Hochleistungskunststoffe (HPM) für Elektroautos und die Elektronikindustrie neu zu ordnen. Ihr gerade verkündetes Joint Venture hat dazu für 3,7 Milliarden Euro die Polymersparte der niederländischen DSM gekauft.

Doch der Start steht unter ungünstigen Vorzeichen. Der wichtigste Rohstoff der Produkte ist Erdöl, und die Herstellung verbraucht viel Energie. „Die stark gestiegenen Preise für Rohstoffe und Energie konnten wir bislang weitergeben. Es ist aber unklar, wie lang das gelingen wird“, sagte Lanxess-Chef Matthias Zachert dem Handelsblatt im Doppelinterview zusammen mit Ronald Ayles, Managing Partner bei Advent.

Zu der Krise habe die CDU-geführte Regierung unter Angela Merkel wesentlich beigetragen. „In Sachen Energiepolitik ist das Kind in den Brunnen gefallen“, sagte Zachert. Deutschland habe sich primär auf den Gaslieferanten Russland ausgerichtet und zudem gleichzeitigen Atom- und Kohleausstieg beschlossen. „Wir riskieren, dass es aufgrund der hohen Energiepreise und der fehlenden Energielieferungen zu einer Deindustrialisierung Deutschlands kommen könnte“, sagte Zachert.

Für die energieintensive Chemieindustrie seien die hohen Energiepreise in Deutschland immer schon ein Standortnachteil gewesen. „Das verstärkt sich derzeit massiv“, erklärte Zachert. Deutschland müsse die Energiepolitik neu ausrichten und dabei alle Energieträger einbeziehen, damit es nicht reihenweise zu Insolvenzen komme.

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Standort erkennen

    Mit der Zusammenlegung der Geschäfte unter Regie von Advent folgen DSM und Lanxess einem grundlegenden Trend in der Chemieindustrie: Es zählt immer mehr die Fokussierung und Größe in einzelnen Märkten, der Rückzug in die Nische. Die großen Konglomerate verschwinden. Vorgemacht haben das die US-Konzerne Dow und Dupont mit ihrer Fusion im Jahr 2015 und der anschließenden Aufspaltung in drei fokussiertere Firmen.

    Das Gemeinschaftsunternehmen soll den Markt für Hochleistungskunststoffe neu ordnen. bvk/Lanxess [M]

    Advent-Manager Ronald Ayles und Lanxess-Chef Matthias Zachert

    Das Gemeinschaftsunternehmen soll den Markt für Hochleistungskunststoffe neu ordnen.

    Doch auch die europäischen Chemiefirmen haben kräftig umgebaut – und tun dies weiter: Evonik verabschiedet sich aus den Massenchemiegeschäften und wird zur Spezialchemiefirma. So hat Advent zuletzt etwa das Plexiglasgeschäft des Essener Konzerns übernommen. DSM selbst ist nach zahlreichen Teilverkäufen bald komplett auf Zusätze für Ernährung, Gesundheit und Biotech ausgerichtet.

    Beim Streben nach Größe geht es in der Branche nicht nur Skaleneffekte in der Produktion und Vorteile in der Vertriebsmacht. Neue Berichtspflichten und gesetzliche Standards bringen hohe Kosten mit sich. „Große globale Konzerne haben dafür die nötigen Ressourcen, kleine Firmen nicht“, sagte der Lanxess-Chef. Die Regulierung werde zum Treiber der Konsolidierung in der Chemie, mit der immer mehr Mittelständler zu verschwinden drohten.

    Kunststoff für Elektroautos

    Einen Namen hat das Gemeinschaftsunternehmen, das in der ersten Jahreshälfte 2023 starten soll, noch nicht. Doch es soll mit einem Umsatz von rund drei Milliarden und einer Gewinnmarge von etwa 17 Prozent zu den globalen Topanbietern in dem Bereich gehören.

    „Das von uns geschaffene Joint Venture ist der drittgrößte Polymer-Anbieter der Welt und hat die kritische Größe, um langfristig erfolgreich zu sein“, sagte Advent-Manager Ayles. Die beiden Hauptkonkurrenten sind BASF und der US-Chemiekonzern Celanese.

    Grafik

    Die Polyamide, die das neue Unternehmen herstellt, sind thermoplastische Kunststoffe, die sehr fest sind und denen Abrieb und Stöße wenig anhaben können. Eingesetzt werden sie im Leichtbau, in Elektroautos oder als Kunststoff in der Elektronik. So werden etwa die meisten Ladesäulen für Elektrofahrzeuge aus dem Werkstoff hergestellt.

    Kurzfristig sei wegen der konjunkturellen Lage eine Abschwächung der Geschäfte zu erwarten, erklärten die Manager. „Wir betrachten das Geschäft über Zyklen hinweg und sehen vor allem die Elektromobilität als einen langfristigen Treiber“, sagte Ayles.

    Das Unternehmen soll dabei auch über Zukäufe wachsen, Ziele sind bereits identifiziert. „Zu den Möglichkeiten, das Joint Venture weiterzuentwickeln, gehört etwa die Expansion in neue Produkte. Das werden artverwandte Produkte sein, also andere Polymere“, sagte Ayles

    Mehrere Frauen für den Vorstand

    Bevor dieser Schritt angegangen wird, muss die Integration bewältigt werden. Ayles und Zachert wissen um die Herausforderung, gleich drei verschiedene Kulturen zusammenführen zu müssen. Beide Manager arbeiten schon seit zwei Jahren an dem Deal. „Erste Überlegungen zu einer Zusammenführung der Aktivitäten mit DSM gab es sogar in der Zeit, als Lanxess noch Teil von Bayer war“, berichtete Zachert.

    „Wir wollen eine neue Kultur schaffen, da heißt es auch, erstmal zuhören“, sagte Ayles. Ins Topmanagement, das in acht Wochen stehen soll, sollen mehrere Frauen einziehen, was in der männerdominierten Branche eine Herausforderung darstellt. Die Voraussetzungen sind aber gut, denn die HPM-Sparte von Lanxess wird bisher schon von der Niederländerin Frederique van Baarle geführt.

    Über den Hauptsitz des neuen Kunststoffkonzerns haben die Partner noch nicht entschieden, er soll aber in Europa sein. „Die Zentrale an einen bestimmten Ort zu legen, um die Steuern zu optimieren, haben wir nicht im Sinn“, sagte Ayles.

    Lanxess signalisiert mit dem Vorhaben, dass die HPM-Sparte nicht mehr zum Kerngeschäft gehört. Frühestens nach drei Jahren können die Kölner aussteigen. Letztlich ist es aber ein weiterer Schritt in der Neuausrichtung des Konzerns. Die Kölner setzen seit Jahren auf überschaubare Märkte in der Spezialchemie und haben sich zuletzt durch zwei milliardenschwere Übernahmen verstärkt.

    Im Fokus steht die neu geschaffene Sparte Consumer Protection, die Geschäfte mit Desinfektion, Duftstoffen, Pharmawirkstoffen und Wasseraufbereitung vereint. Das Kunststoffgeschäft passt dort strategisch nicht mehr rein – vor allem aber fehlt für den parallelen Ausbau das Geld.

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