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28.09.2021

13:06

Kunststoffhersteller

„Wir brauchen keine übergriffige Politik“ – Covestro steckt Milliarden in grüne Technologien

Von: Bert Fröndhoff

Markus Steilemann forciert die Kreislaufwirtschaft beim Kunststoffhersteller und verspricht mehr Gewinn. Die Investitionen werden deutlich hochgefahren.

Der Covestro-Chef will die Produktion des Kunststoffherstellers komplett von Öl, Gas und Kohle lösen. dpa

Markus Steilemann

Der Covestro-Chef will die Produktion des Kunststoffherstellers komplett von Öl, Gas und Kohle lösen.

Düsseldorf Der Kunststoffhersteller Covestro rüstet sich mit einem neuen Investitionsprogramm in Milliardenhöhe für stärkeres Wachstum in den kommenden Jahren. Zugleich startet der Dax-Konzern die nächste Phase seines Umbaus zu einem auf Kreislaufwirtschaft ausgerichteten Unternehmen.

Die Investitionen werden ab 2022 von aktuell 800 Millionen Euro „in Richtung eine Milliarde Euro jährlich steigen und ins organische Wachstum sowie in die Nachhaltigkeits-Transformation gehen“, sagte Vorstandschef Markus Steilemann dem Handelsblatt. Für die Entwicklung neuer Produkte, die auf erneuerbaren Rohstoffen statt Öl basieren, stellt der Konzern in den kommenden zehn Jahren eine weitere Milliarde Euro bereit.

Der Ausbau solle nicht auf Kosten des Gewinns gehen. Im Gegenteil. „Covestro wird bis 2024 ein deutlich profitableres und margenstärkeres Unternehmen werden“, verspricht Steilemann. Der CEO stellt die neue Strategie am Dienstagnachmittag den Investoren auf dem Kapitalmarkttag vor.

Aktuell profitiert der Kunststoffhersteller von einer Sonderkonjunktur und hat die Prognose für 2021 bereits mehrfach erhöht. Die Nachfrage ist im Zuge der anspringenden Weltwirtschaft rasant gestiegen. Weil zugleich das Angebot derzeit industrieweit knapp ist, sind die Preise für die Produkte des Konzerns in die Höhe geschossen.

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    Das treibt den Gewinn von Covestro ungebrochen weiter. Das Ergebnis im dritten Quartal werde „um das obere Ende der Prognose herum liegen“, kündigte Steilemann an. Für 2022 wollte der CEO noch keine Zielrichtung abgeben.

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    Steilemann weiß, dass die aktuelle Lage außergewöhnlich ist und sich der Engpass am Markt sowie die Preise wieder beruhigen werden. Dennoch schraubt er das Ziel für den mittelfristig erwarteten Gewinn deutlich hoch: 2024 soll das sogenannte Mid-Cycle-Ebitda von 2,2 Milliarden auf mindestens 2,8 Milliarden Euro steigen. Dies gilt für eine normale Marktentwicklung - bei einer neuerlichen Sonderkonjunktur könnten es noch deutlich mehr werden.

    Neue Großanlage für Hartschäume soll gebaut werden

    Unabhängig davon erwartet der Konzern eine strukturell kräftig steigende Nachfrage. Getrieben wird diese von politischen Initiativen zur Reduzierung von Treibhausgasen in China, Europa und den USA. Gemeint ist damit zum einen die Förderung von Elektroautos, für die Covestro Leichtbaukunststoffe herstellt.

    Zum anderen geht es um energieeffizientes Bauen. Die MDI-Hartschäume von Covestro werden etwa für die Dämmung von Gebäudefassaden eingesetzt. Weil die Kapazitäten industrieweit schon jetzt ausgelastet sind, nimmt Covestro nun Pläne zum Bau einer neuen MDI-Großanlage wieder auf.

    Anfang 2020 hatte der Konzern das Investitionsvorhaben im Volumen von 1,5 Milliarden Euro zunächst auf Eis gelegt. Jetzt soll die neue Anlage, die eine der größten der Welt wäre, gebaut und 2026 in Betrieb genommen werden – allerdings nicht zwingend wie ursprünglich geplant am US-Standort Baytown in Texas.

    Covestro prüft parallel den Bau der Großanlage in China. „In den USA sind die Kosten für den Neubau von Anlagen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, anders als in China“, erläutert Steilemann. Dazu kommt, dass der Konzern nicht mehr auf möglichst billige Energie angewiesen sein wird, damit sich die Investition rechnet. Dies war einer der Gründe, warum das Werk zunächst in den USA gebaut werden sollte.

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    In der geplanten MDI-Anlage soll eine neue Verfahrenstechnik eingesetzt werden, mit der bei jeder produzierten Tonne 40 Prozent Wasserdampf und 25 Prozent Strom eingespart werden können. Unterm Strich soll so der Kohlendioxidausstoß um bis zu 35 Prozent verringert werden.

    Für Steilemann zahlt diese Investition damit auf die Gesamtstrategie ein: Der Konzern will mehr Produkte herstellen, die dem Klimaschutz insgesamt dienen sollen. Energieeinsparung durch bessere Fassadendämmung etwa spielt in der Nachhaltigkeitsstrategie der chinesischen Regierung eine große Rolle.

    Covestro will Innovationskraft unter Beweis stellen

    Zu anderen geht es um interne Verbesserung. „Die Klimaprobleme und der immer weiter steigende Ressourcenverbrauch der Welt sind dramatisch“, sagt Steilemann und verspricht: „Wir werden alles tun, um unseren Fußabdruck deutlich zu senken.“ Er nimmt aber auch die Politik in die Pflicht, die „endlich die richtigen und langfristig verlässlichen Rahmenbedingungen“ schaffen müsse.

    „Ich freue mich auf eine Regierung mit viel Kraft und Willen zur Gestaltung, damit die Transformation der Wirtschaft zu mehr Klimaschutz gelingt“, sagte Steilemann. Eine Grundvoraussetzung sei, dass der Industrie ausreichend preiswerter grüner Strom über belastbare Netze bereitgestellt werde.

    Eine tief gehende Regulierung der Unternehmen lehnt er aber ab. „Wir brauchen keine übergriffige Politik, die glaubt, besser über die Auswahl von Technologien für die Transformationen entscheiden zu können“, sagte der Covestro-Chef. „Sie sollte der Innovationskraft der Chemieindustrie vertrauen.“

    Die Initiativen für mehr Energieeffizienz und Klimaschutz treiben das Geschäft des Dax-Konzerns an. dpa

    Herstellung von Dämmplatten bei Covestro

    Die Initiativen für mehr Energieeffizienz und Klimaschutz treiben das Geschäft des Dax-Konzerns an.

    Covestro will diese Fähigkeit weiter beweisen. Ziel des Konzerns ist eine vollständige Ausrichtung auf die Kreislaufwirtschaft. In der Praxis heißt dies: Statt wie bisher die fossilen Rohstoffe Öl, Gas oder Kohle einzusetzen, sollen langfristig nur noch Stoffe aus erneuerbaren Quellen verwendet werden. Das können recycelte Altkunststoffe, Kohlendioxid oder biobasierte Materialien sein.

    Wie lang und schwer der Weg dahin ist, zeigen folgende Zahlen: Von rund vier Millionen Tonnen Rohstoffen, die Covestro jährlich einsetzt, kommen bislang nur 10.000 Tonnen aus zertifiziert erneuerbaren Quellen. Steilemann verspricht, dass dieser Wert in den kommenden Jahren dynamisch wachsen wird.

    Aktuell hat Covestro 45 Produkte auf Basis alternativer Rohstoffe im kommerziellen Einsatz, deren Produktion nun skaliert werden soll. Dazu gehören Weichschäume für Matratzen und Sportböden, bei denen der benötigte Kohlenstoff nicht aus Rohöl stammt, sondern aus Kohlendioxid gewonnen wird. In neuartigen Autolacken werden Inhaltsstoffe auf Basis von Industriezucker eingesetzt.

    Mit dem französischen Ölkonzern Total entwickelt Covestro eine Technologie, um Kohlenstoff im großen Stil aus Pflanzenabfällen zu gewinnen. In solche Projekte soll nun eine weitere Milliarde Euro über zehn Jahren hinweg investiert werden.

    Analysten rechnen mit starkem Jahr 2022 für den Konzern

    Mit Blick auf die Zeitspanne und die Herausforderung erscheint das wenig. Steilemann hält dagegen: „Wir werden die Umstellung auf erneuerbare Rohstoffe und Produkte so gestalten, dass wir unsere bestehenden Anlagen weiter nutzen können.“ Damit würden alle Investitionen in Anlagen auf die Nachhaltigkeits-Strategie einzahlen.

    Die Analysten der Baader Bank erwarten, dass Covestro weitere Investitionen problemlos finanzieren kann. Aktuell verfügt der Konzern über hohe frei verfügbare Mittel aus dem Cashflow. Die Baader Bank geht davon aus, dass auch 2022 ein starkes Jahr für Covestro wird.

    Darauf will sich der Vorstand aber nicht verlassen. In der seit Juli geltenden neuen Konzernstruktur hat er Potenzial für Kostensenkungen erkannt. Das gilt vor allem für das neu geschaffene Segment „Solutions and Specialities“, in der höhermargige Spezialgeschäfte gebündelt sind.

    Mit einer Ebitda-Marge von elf Prozent liegt dieses für Covestro wichtige Segment noch unter den Zielsetzungen des Vorstands. „Da ist mehr drin. Wir wollen bei einer normalen Konjunkturentwicklung, das heißt ohne Sonderkonjunktur wie in diesem Jahr, bis 2024 17 Prozent erreichen“, sagt Steilemann. Insgesamt sollen die Fixkosten des Konzerns 2023 wieder auf dem Niveau von 2020 sein.

    Ein Stellenabbau ist dabei nicht ausgeschlossen. Im Unternehmen war bereits davon die Rede, dass 1700 Stellen weltweit auf dem Spiel stehen. „Das ist keine gesetzte Zahl, sondern ein theoretisches Maximum, das wir in der Frühphase unserer Pläne ermittelt haben“, sagt Steilemann dazu. „Ein Stellenabbau steht für uns nicht im Vordergrund, aber es gibt bestimmte Arbeiten und Prozesse, die wir anders machen wollen.“

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