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15.04.2022

17:29

Luftfahrt

Flugtaxis und emissionsfreie Antriebe: So erfindet sich der Flugzeugbauer Embraer neu

Von: Alexander Busch

Die gescheiterte Regionaljet-Fusion mit Boeing erweist sich für den brasilianischen Konzern als Glücksfall. CEO Francisco Gomes Neto setzt voll auf die eigene Innovationskraft.

Flugtaxi Eve Eve

Flugtaxi Eve

Das Modell soll 2027 auf den Markt kommen und die in Brasilien häufig im städtischen Verkehr eingesetzten Helikopter ersetzen.

São José dos Campos Die Hangars des Flugzeugbauers Embraer im brasilianischen São José dos Campos sind kaum wiederzuerkennen. Noch vor wenigen Wochen war die Halle direkt unter dem Direktoriums-Büro, in der Flugzeuge auf die Übergabe an die Kunden warten, menschenleer. Das hat sich geändert. Täglich holen Kunden ihre bestellten Modelle ab. Die Produktion brummt wieder, es herrscht Aufbruchstimmung.

Tatsächlich vollzieht Embraer derzeit so etwas wie einen kompletten Neustart. Vor zwei Jahren war das Geschäftsmodell weggebrochen: Erst schrumpfte wegen der Pandemie der Flugzeugmarkt um mehr als die Hälfte. Kurz danach – im April 2020 – sagte Boeing die geplante Übernahme der Regionalflugzeugsparte ab.

Der US-Konzern wollte für 4,2 Milliarden Dollar die Jetsparte für Modelle bis 150 Passagiere von Embraer übernehmen, um damit sein Portfolio nach unten zu erweitern. Rivale Airbus hatte das 2018 mit der Übernahme der C-Jets von Bombardier vorgemacht. Doch Boeing war mit den Problemen seiner Dreamliner-Serie überfordert und machte einen Rückzieher. Embraer klagt auf Schadensersatz.

Die gescheiterte Fusion sei für den Konzern ein Glücksfall gewesen, sagt Luftfahrtexperte Ron Epstein von der Bank of America. Der Flugzeugbauer sei nun gezwungen, sich neu zu positionieren und dabei auf seine Stärke zu besinnen: die eigene Forschung und Entwicklung.

„Embraer ist ein innovationsgetriebener Konzern“, sagt Epstein. „40 Prozent des Umsatzes macht Embraer mit Produkten, die weniger als fünf Jahre alt sind.“ Das Unternehmen profitiert an seinem Sitz zwischen São Paulo und Rio de Janeiro von dem engen Cluster aus Universitäten, mehreren Dutzend Zulieferern sowie den engen Verbindungen zum Militär.

Umsatz soll sich bis 2026 verdoppeln

Embraer setzt nun auf die eigenen Kapazitäten in Forschung und Entwicklung, um beim fundamentalen Wandel in der Branche vorne dabei zu sein: Beim emissionsfreien Fliegen hat Embraer seine Produktpipeline gefüllt. „Wir wollen weltweiter Marktführer für nachhaltiges Fluggerät werden“, sagt Konzernchef Francisco Gomes Neto im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Embraer-Regionaljet Embraer

Embraer-Regionaljet

Gomes ist zuversichtlich, dass der Regionalflugverkehr nach der Pandemie stärker zunehmen wird als das internationale Fliegen.

Der Elektroingenieur spricht fließend Deutsch, nachdem er den größten Teil seiner Karriere bei Knorr-Bremse und Mann + Hummel in Brasilien und den USA gearbeitet hat. Seit 2019 ist er Chef bei Embraer. Er hat ehrgeizige Ziele: Er will den Umsatz bis 2026 auf sieben bis acht Milliarden Dollar verdoppeln.

Die größten Hoffnungen setzt Embraer auf das elektrisch angetriebene Flugtaxi Eve für vier Passagiere plus Pilot. Es soll 2027 auf den Markt kommen und die in Brasilien häufig im städtischen Verkehr eingesetzten Helikopter ersetzen. Es gibt bereits Vorbestellungen für knapp 1800 Modelle im Wert von rund fünf Milliarden Dollar.

Wie ein Start-up hat Embraer das Unternehmen von Beginn an ausgegliedert und Finanzmittel sichergestellt: Eve wurde mit der Mantelgesellschaft Zanite verschmolzen und soll in diesem Jahr in New York an die Börse gehen. Der Wert des Unternehmens: knapp drei Milliarden Dollar. Embraer hält dann weiter 80 Prozent.

Doch die Konkurrenz bei Flugtaxis ist hart. Es gibt weltweit rund hundert Projekte; in Deutschland sind etwa Lilium und Volocopter aktiv. Gomes sieht Embraer im Vorteil, weil das Taxi nach dem vertikalen Start- und Schwebeflug vorwärtsfliegt wie ein Flugzeug – „technologisch unsere Stärke“. Außerdem habe Embraer viel Erfahrung mit Zertifizierungen bei den Luftfahrtbehörden, anders als die meisten Start-ups. Der französische Rüstungskonzern Thales hat gerade angekündigt, bei der Entwicklung mitzuarbeiten und sich möglicherweise finanziell zu beteiligen.

Neue Modelle mit Hybridantrieb

Auch bei emissionsfreien Antrieben sieht sich der Konzern im Vorteil: „Alle neuen Technologien, wie elektrisch, hybrid oder Wasserstoff, werden zuerst in kleine Modelle eingebaut und getestet“, sagt Gomes. „Ökonomisch macht es derzeit wenig Sinn, Elektromotoren für Flugzeuge ab 200 Passagieren zu entwickeln.“

Neben dem Flugtaxi arbeitet Embraer deswegen an einer neuen Modellfamilie für neun bis 50 Passagiere mit einer Reichweite bis 800 Kilometer. „In diesem Segment erwarten wir eine Revolution in der Luftfahrtbranche durch die neuen Technologien.“

Der Militärtransporter C-390 Millennium soll mit einem zusätzlichen elektrischen Antrieb angeboten werden. Dieser ermöglicht Starts und Landungen auch auf kürzeren Pisten. Vor allem europäische Kunden zeigten Interesse an hybriden Antrieben im Verteidigungsbereich.

Der Konzern arbeitet darüber hinaus an einem Propellerflugzeug, das deutlich sparsamer als die düsengetriebenen Jets fliegt. 20 bis 40 Prozent weniger Treibstoff verbrauche die sogenannte Turboprop, erklärt Gomes.

Ziel seien Kunden in Asien. Dort gebe es viele kleine Flughäfen, die nur mit Propellerflugzeugen angeflogen werden können. 80 Prozent des Marktes würden von einem Anbieter mit einem Modell mit der Technologie aus den 1980er-Jahren dominiert, sagt Gomes und meint damit den italienisch-französischen Hersteller ATR. „Den werden wir bei Komfort, Geschwindigkeit, Reichweite, Verlässlichkeit schlagen.“

Luftfahrtexperte Epstein glaubt, dass Embraer mit den neuen Produkten der Turnaround gelingen kann: Das Unternehmen habe mehrfach bewiesen, dass es Projekte mit einem hohen Mehrwert umsetzen könne.

Gomes setzt auf den Regionalflugverkehr

Seit seiner Privatisierung 1994 konnte das Unternehmen mehrfach den Konkurrenten Airbus und Boeing zuvorkommen: Mit der ERJ-145-Serie lieferten die Brasilianer 1996 erstmals ein Regionalflugzeug mit 50 Sitzen. Das Modell war billiger, moderner und leichter als die Konkurrenz und perfekt geeignet für die in Europa und den USA entstehenden Regionalfluggesellschaften.

Drei Jahre später wiederholte Embraer den Erfolg mit den E-Jets mit 70 bis 120 Sitzen. Damit schlossen die Brasilianer als erste die Lücke zwischen den Regionaljets und den Langstreckenjets.

Gomes ist zuversichtlich, dass der Regionalflugverkehr nach der Pandemie stärker zunehmen wird als das internationale Fliegen. „Die Menschen sind aus den Städten aufs Land gezogen. Wertschöpfungsketten sind verkürzt. Zulieferer sitzen nicht mehr in Übersee, sondern in der Nähe.“

Einen Boom erlebt Embraer auch bei den Business-Jets. Seit 2010 bietet Embraer seine preiswerten Modelle der Phenom-Serie ab vier Passagieren an, die inzwischen noch durch die größere Praetor-Serie bis zwölf Fluggäste erweitert wurde. „Schon während der Pandemie zog die Nachfrage in den USA und besonders in Deutschland an“, sagt Gomes. Unternehmen teilten sich zunehmend Jets. Im Moment verkaufe Embraer Kleinflugzeuge, die Ende kommenden Jahres ausgeliefert würden. „So einen langen Vorlauf hatten wir noch nie“, sagt der Manager.

Dennoch ist auch Embraer von den steigenden Öl- und Rohstoffpreisen und fehlenden Halbleitern betroffen. Seit Jahresbeginn hat die Aktie rund ein Drittel ihres Wert verloren, nachdem der Konzern seine Prognosen für 2022 nach unten korrigieren musste. Letztes Jahr noch hatte das Papier mit einem Plus von 180 Prozent den höchsten Kursgewinn an der Börse in São Paulo hingelegt.

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