MenüZurück
Wird geladen.

12.03.2019

17:14

Machtkampf bei Volkswagen

Vorstand und Betriebsrat von VW signalisieren wieder Verhandlungsbereitschaft

Von: Stefan Menzel

Seit Wochen schwelt beim Autobauer der Konflikt um Stellenabbau und mehr Effizienz. Nun nimmt der Streit angesichts der aktuellen Zahlen die nächste Wendung.

Der VW-Konzern hinkt bei der Fertigung klassischer Verbrenner-Modelle im Vergleich zur Konkurrenz hinterher. Polaris/laif

Autostadt Wolfsburg

Der VW-Konzern hinkt bei der Fertigung klassischer Verbrenner-Modelle im Vergleich zur Konkurrenz hinterher.

Wolfsburg, FrankfurtBernd Osterloh ist auf der Bilanzpressekonferenz von Volkswagen physisch gar nicht präsent. Eigentlich geht es bei solchen Anlässen ja um die Zahlen – und nicht um den Betriebsrat. Und trotzdem ist Osterloh das zentrale Thema – auch für den Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess.

„Osterloh ist manchmal schwer einzuschätzen, weil er häufig emotional und spontan agiert“, sagt Diess auf offener Bühne über seinen wichtigsten Kontrahenten, den mächtigen Wolfsburger Betriebsratsvorsitzenden. Und dem Satz schickt er sogleich ein Lob hinterher: „Er denkt sehr unternehmerisch“, so Diess weiter. Osterloh profitiere von seinen Erfahrungen, die er während der vergangenen 30 Jahre im Unternehmen gesammelt habe.

Seit Wochen schwelt der Konflikt zwischen Vorstand und Betriebsrat um den Stellenabbau und mehr Effizienz. Nun nimmt er die nächste Wendung. Vorstandschef Diess stimmt versöhnliche Töne in Richtung Arbeitnehmerbank an. Ähnliches ist aus Betriebsratskreisen zu hören, auch dort habe niemand Interesse an einer neuen Konfrontation.

Immerhin hat es am Montag ein erstes Spitzentreffen gegeben. Diess und Osterloh waren zusammengekommen, begleitet von weiteren Vorstandsmitgliedern und Betriebsräten. Zu den Details der Runde wollten sich beide Seiten nicht äußern. Es gehe darum, einen „konstruktiven Dialog“ zu führen, hieß es aus Verhandlungskreisen.

Der Volkswagen-Konzern steht vor einem grundlegenden Umbau. In den kommenden Jahren wird der Wolfsburger Autokonzern den Anteil der Elektrofahrzeuge massiv erhöhen. Mitte des nächsten Jahrzehnts soll ein Viertel aller produzierten Autos mit einem Elektromotor ausgestattet sein.

Stillstand statt Umbruch: Machtkampf bei VW – Ein Weltkonzern blockiert sich selbst

Stillstand statt Umbruch

Machtkampf bei VW – Ein Weltkonzern blockiert sich selbst

Volkswagens Geschäftszahlen sehen wieder prächtig aus. Doch der Konzern muss fit für die Zukunft werden. Den nötigen Wandel bremst interner Streit.

Das geht mit weniger Personal einher. In der Branche gilt die Faustregel, dass sich Elektroautos mit 30 Prozent weniger Aufwand im Vergleich zu herkömmlichen Benzin- und Dieselmodellen produzieren lassen.

Volkswagen wird um einen Personalabbau allein schon wegen des Wechsels zur Elektromobilität nicht herumkommen. Doch zugleich hinkt der Konzern auch bei der Fertigung klassischer Verbrennermodelle im Vergleich zur Konkurrenz bei Produktivität und Effizienz hinterher.

Vorstandschef Herbert Diess geht der Wandel nicht schnell genug. Er hält der Arbeitnehmerseite vor, sie blockiere entscheidende Veränderungen. Bernd Osterloh hält dagegen, dass gravierende Fehler meistens auf das Konto des Managements gegangen seien.

Einer dieser Fehler passierte im vergangenen Jahr bei der Umstellung auf die neuen WLTP-Abgasnormen, das gesteht inzwischen auch Vorstandschef Diess unumwunden ein. „WLTP haben wir nicht optimal hinbekommen“, sagte der Konzernchef am Dienstag auf der Bilanzpressekonferenz in Wolfsburg. Die Vorbereitung habe nicht gestimmt, die Organisation sei nicht rechtzeitig umgebaut worden.

Eine Milliarde für WLTP-Umstellung

VW hat dafür teuer bezahlt. Mehr als eine Milliarde Euro haben die WLTP-Fehler nach Angaben von Finanzvorstand Frank Witter verschlungen. Hunderttausende Autos konnten nicht produziert werden, weil sie die neue WLTP-Zulassung nicht hatten. Andererseits mussten auch Fahrzeuge vorgefertigt werden: Unvergessen sind die Bilder, als Volkswagen Parkflächen am geplanten Berliner Großflughafen anmieten musste, um dort Autos abzustellen.

An der Jahresbilanz für 2018 sind die WLTP-Probleme deutlich abzulesen. Bei fast allen Pkw-Marken des Konzerns hat sich die fehlgeschlagene Umstellung niedergeschlagen. Mit der Ausnahme Seat ist die operative Rendite aller Konzerntöchter im vergangenen Jahr gefallen. Am stärksten sichtbar ist dieser Effekt bei Audi, Skoda und Porsche.

Die Marke VW hat sogar ihr Renditeziel verpasst. Das starke China-Geschäft und die Finanzdienstleistungen sorgten für einen Ausgleich – auf Konzernebene erreichte Volkswagen 2018 ungefähr wieder das Ertrags- und Renditeniveau des Vorjahres.

Die Marke Volkswagen hat im vergangenen Jahr einen operativen Gewinn von 3,2 Milliarden Euro erreicht, 100 Millionen weniger als 2017. Die operative Rendite ist dadurch von 4,2 auf 3,8 Prozent gefallen. Die Marke hat damit ihre eigenen Vorgaben klar verfehlt: Ursprüngliches Ziel war eine Marge zwischen vier und fünf Prozent für 2018.

Grafik

Bei Audi ist das operative Ergebnis von 5,1 auf 4,7 Milliarden Euro gefallen. Die Rendite ging dadurch von 8,5 auf 7,9 Prozent zurück. Audi leidet bis heute an den WLTP-Problemen. Bei der Ingolstädter Premiumtochter fehlen weiterhin Autos in der Modellpalette, weil die WLTP-Prüfverfahren nicht rechtzeitig abgeschlossen werden konnten. Am Dienstag versprach Konzernchef Herbert Diess, dass die Lücken im Audi-Modellprogramm spätestens im Frühjahr geschlossen sein sollen.

Die WLTP-Probleme haben auch die tschechische Tochter Skoda belastet. In den zurückliegenden Jahren war Skoda der Aufsteiger unter den Konzernmarken bei Volkswagen, die Rendite war bis auf 9,7 Prozent gestiegen. 2018 ist das operative Ergebnis erstmals wieder gefallen – von 1,6 auf 1,4 Milliarden Euro. Die operative Rendite ging dadurch von 9,7 auf 8,0 Prozent zurück.

Neues Produktionsziel für E-Autos

Bei Porsche stiegen die Umsätze deutlich stärker als der Gewinn (Umsatz: plus 9,2 Prozent auf 23,7 Milliarden Euro, operativer Ertrag: plus 2,7 Prozent auf 4,1 Milliarden). Die Rendite ist damit deutlich von 18,5 auf 17,4 Prozent gefallen. Seat konnte den operativen Ertrag von 191 auf 254 Millionen Euro steigern, die Rendite kletterte dadurch von 1,9 auf 2,5 Prozent. Mit 530.000 produzierten Autos ist Seat allerdings sehr klein und fällt im gesamten Konzern nicht besonders stark ins Gewicht.

Vorstandschef Diess versprach, dass der Konzern aus den Fehlern rund um WLTP gelernt habe – und künftig vieles besser machen werde, auch bei der Umstellung auf Elektroautos, die genauso mit großen Veränderungen verbunden ist. Komplette Werke wie in Zwickau, Emden und Hannover werden auf die Fertigung von E-Autos umgestellt.

Volkswagen-Jahresbilanz: WLTP-Probleme drücken die VW-Rendite nach unten

Volkswagen-Jahresbilanz

WLTP-Probleme drücken die VW-Rendite nach unten

Der VW-Konzern erreicht sein Vorjahresergebnis. Doch bei den einzelnen Marken gibt es zum Teil gehörige Probleme. Die Gewinnmaschine stottert.

Ein neues Produktionsziel soll den Optimismus in Sachen Elektromobilität untermauern. In den kommenden zehn Jahren wird der Konzern insgesamt 70 rein batteriegetriebene Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen, bislang waren 50 geplant. Damit steigt auch die Zahl der E-Fahrzeuge, die der Konzern in der nächsten Dekade produzieren will: Sie erhöht sich von 15 auf 22 Millionen Exemplare.

VW will den gesamten Produktionsprozess klimaneutral gestalten und einen sogenannten „Dekarbonisierungsprozess“ einleiten. Bis zum Jahr 2050 soll der Konzern kohlendioxidneutral werden. „Volkswagen übernimmt bei den großen Zukunftsthemen Verantwortung – gerade auch beim Klimaschutz“, sagt Konzernchef Diess. Der Konzern leiste seinen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung.

Ärger im Werk Hannover

Doch die Umstellung auf Elektroautos sorgt intern für Ärger. Zeitgleich zur Bilanzvorlage in Wolfsburg kamen die Mitarbeiter im Werk Hannover zu einer Betriebsversammlung zusammen. An dem Standort wird der VW-Bus in mehreren Varianten gebaut.

Der „Bulli“ ist zwar ein Erfolgsmodell, allerdings ist die Fertigung in einigen Teilen nicht mehr rentabel. Das Werk steht daher vor einem radikalen Umbau, letztlich sollen vor allem E-Fahrzeuge gefertigt werden. Rund 3000 Arbeitsplätze stehen dort mittelfristig zur Disposition.

Der Betriebsrat hat die Pläne für die Neuaufstellung von Hannover im vergangenen November akzeptiert. Das Vertrauen in die Führung um Konzernchef Diess wurde allerdings erschüttert, als die geplante Produktion des neuesten „Bullis“ ausschließlich mit Elektroantrieb abgeblasen wurde. Dies geschah Ende Januar – und deshalb drehte sich die Stimmung gegen den Konzernvorstand.

Entsprechend scharf war der Wind, der Nutzfahrzeug-Chef Thomas Sedran und Personalvorstand Gunnar Kilian entgegenschlug. Über vier Stunden mussten die beiden der Belegschaft in Hannover Rede und Antwort stehen, wie Beteiligte berichteten. Immerhin konnten sie die Wogen glätten.

Ihre Zusage: Es sei kein zusätzlicher Stellenabbau geplant und das Management werde sich um neue Modelle bemühen, die in Hannover gebaut werden könnten. Denkbar sei etwa die Produktion zusätzlicher „Bullis“ mit einem Hybrid-Antrieb.

In Wolfsburg auf der Bilanzpressekonferenz versprach Herbert Diess, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde. Den unvermeidbaren Stellenabbau wolle der VW-Konzern sozialverträglich und vor allem über Altersteilzeit und Vorruhestandsregeln erreichen.

Das dürfte ein Punkt gewesen sein, den vor allem die Arbeitnehmerseite hören wollte. Wie dazu ergänzend aus Betriebsratskreisen verlautete, müssten bald konkrete Verhandlungsrunden beginnen. Volkswagen brauche einen Plan, wie die Arbeit im Konzern mit dem Wechsel auf die Elektromobilität künftig verteilt werden soll.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×