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29.08.2019

19:44

Medikamentenversorgung

Deutsche Pharmagroßhändler fürchten einen ruinösen Preiskampf

Von: Maike Telgheder

Der pharmazeutische Großhandel sieht beim geplanten Apothekengesetz ausländische Wettbewerber im Vorteil. Diese seien dann nicht mehr an hiesige Preisvorschriften gebunden.

Der deutsche Pharmagroßhandel, der die mehr als 19.500 Apotheken versorgt, arbeitet seit Jahren mit sehr niedrigen Ergebnismargen. dpa

Arzneimittel

Der deutsche Pharmagroßhandel, der die mehr als 19.500 Apotheken versorgt, arbeitet seit Jahren mit sehr niedrigen Ergebnismargen.

Frankfurt Der Pharmagroßhandel in Deutschland ist alarmiert: Durch das geplante Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken drohe den deutschen Pharmagroßhändlern ein „ruinöser Preis- und Rabattwettbewerb“ von ausländischen Wettbewerbern. So formuliert es der Vorsitzende des Branchenverbandes Phagro, Thomas Trümper, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Denn das Gesetz, das im Juli vom Bundeskabinett verabschiedet worden ist, führe dazu, dass ausländische Großhändler, die an deutsche Apotheken liefern, nicht mehr an hiesige Preisvorschriften gebunden seien. „Damit werden ungleiche Wettbewerbsbedingungen geschaffen und die in Deutschland ansässigen pharmazeutischen Großhändler diskriminiert“, sagt Trümper.

Mit dem Apothekenstärkungsgesetz will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn unter anderem erreichen, dass EU-Versandapotheken wie Doc Morris und Shop-Apotheke künftig keine Rabatte mehr auf Rezepte geben dürfen. Damit sollen sie den deutschen Apotheken gleichgestellt werden, die keine Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente geben dürfen und sich an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung halten müssen.

Deutschland hatte vor Jahren gesetzlich geregelt, dass sich auch ausländische Versandapotheken an das deutsche Preisrecht halten müssen. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshof hatte diese Regelung 2016 mit Verweis auf die EU-Warenverkehrsfreiheit aber gekippt.

Seitdem geben die EU-Versandapotheken wieder Rabatte und die EU-Kommission drängt Deutschland, das Arzneimittelgesetz zu ändern. Konkret geht es dabei um den Paragraphen 78 Absatz 1 Satz 4 des Arzneimittelgesetzes. Dieser Satz – sozusagen das Gebot, das gleiche Preise für alle gelten, soll mit dem Apothekenstärkungsgesetz gestrichen werden.

Damit ausländische Versandapotheken aber an deutsche Preisregeln gebunden bleiben, will Spahn die Preisbindung in die Regelungen des Sozialrechts verschieben, in der Hoffnung, dass die EU hier mehr Spielraum gewährt. Die sozialrechtlichen Rahmenverträge werden zwischen gesetzlichen Krankenkassen und Apotheken geschlossen. Hersteller und Pharmahandel sind davon nicht betroffen.

Deswegen argumentiert der Branchenverband Phargro, dass mit der Streichung des Passus aus dem Arzneimittelgesetz auch das Gleichpreisigkeitsgebot auf der Großhandelsebene fällt. Laut Trümper befürchten die inländischen Anbieter, dass sich ausländische Wettbewerber insbesondere das Geschäft mit den lukrativen Arzneimittelgruppen sichern und mit Niedrigpreisen deutsche Apotheken als Kunden gewinnen wollen. Das ginge zu Lasten des deutschen Pharmahandels, der weiterhin an die Vorschriften der Arzneimittelpreisverordnung gebunden ist.

Niedrige Nettomargen beim deutschen Pharmagroßhandel

Der Phagro-Vorsitzende befürchtet sogar, dass die bedarfsgerechte Versorgung durch den Großhandel gefährdet ist. Bislang funktioniere das Geschäft dank einer Mischkalkulation: Der Großhändler erhält eine fixe Spanne, egal um welches Arzneimittel es sich handelt.

Für die Distribution vieler Arzneimittel reiche diese Vergütung aus. Für andere Medikamente, die gekühlt transportiert werden müssen, oder Betäubungsmittel, bei denen besondere Sicherheitsbestimmungen gelten, sei sie bei Weitem nicht kostendeckend, so Trümper.

Der deutsche Pharmagroßhandel, der die mehr als 19.500 Apotheken versorgt, arbeitet seit Jahren mit sehr niedrigen Ergebnismargen. Einerseits sind die Vergütungssätze in den vergangenen zwei Jahrzehnten gesunken.

Zum anderen liefern sich die Anbieter immer wieder einen harten Rabatt-Wettbewerb um Kunden. Brancheninsidern zufolge liegen die Nettomargen in Deutschland unter 0,5 Prozent. Der Gesamtumsatz der Branche lag 2018 bei 31,5 Milliarden Euro. Fünf große Player dominieren den Markt.

An der Spitze liegt Phoenix Pharmahandel mit rund 28 Prozent Marktanteil, gefolgt von der Apothekergenossenschaft Noweda, die auf mehr als ein Fünftel Marktanteil geschätzt wird. Von den drei weiteren großen Anbietern mit Milliardenumsatz sind zwei in der Hand von US-Konzernen: die zu McKesson gehörende Gehe und die zu Walgreens Boots Alliance gehörende Alliance Healthcare (früher Anzag). Fünftes Unternehmen im Oligopol ist die genossenschaftliche Sanacorp. Daneben gibt es ein paar unabhängige Großhändler wie beispielsweise den Pharmagroßhandel Kehr.

Mitinhaber und Geschäftsführer Hanns-Heinrich Kehr sieht die Streichung des Gleichpreisigkeitsgebots ebenfalls mit Sorge: „Tritt das Gesetz so in Kraft, müssten wir eigentlich einen Standort im Ausland aufbauen, von wo aus wir zu gleichen Bedingungen einkaufen und liefern können wie die anderen ausländischen Großhändler“, sagt er.

Laut Phagro soll ausdrücklich klargestellt werden, dass ausländische Pharmagroßhändler und direkt liefernde Pharmaunternehmen bei der Belieferung von deutschen Apotheken an die Arzneimittelpreisverordnung gebunden bleiben. Das Bundesgesundheitsministerium nimmt auf Anfrage des Handelsblatts zu den konkreten Forderungen des Phagro nicht Stellung, sondern verweist darauf, dass das Ergebnis des parlamentarischen Verfahrens abzuwarten bleibe.

Bundestag und Bundesrat müssen dem Gesetz noch zustimmen. Zudem steht noch eine Stellungnahme der EU-Kommission aus.

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