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04.01.2022

17:07

Milliardenbetrug

Jury spricht Elizabeth Holmes im Theranos-Prozess schuldig

Von: Katharina Kort

Die einstige Silicon-Valley-Ikone erwartet wegen Betrugs an Investoren ein empfindliches Strafmaß. Es ist auch eine Bewertung der Start-up-Kultur.

Elizabeth Holmes  Reuters

Elizabeth Holmes

Der früheren Gründerin von Theranos drohen bis zu 20 Jahre Haft pro Anklagepunkt.

New York Der wohl meistbeachtete Prozess in den USA seit dem Verfahren gegen O. J. Simpson endet mit einem Schuldspruch: Die Jury im kalifornischen San José sieht den Betrug von Elizabeth Holmes, Gründerin des Bluttest-Start-ups Theranos, an ihren Investoren als erwiesen an. Der einstige Silicon-Valley-Star hatte den Geldgebern vorgegaukelt, mit einem einzigen Tropfen Blut bis zu 70 verschiedene Werte – von Cholesterin bis hin zu Krebsindikatoren– analysieren zu können. Tatsächlich hat die Technologie nie funktioniert.

Wie bei O. J. Simpson haben die Medien jeden Gerichtstag genau verfolgt. Einlassschlangen vor dem Gericht gehörten ebenso zum Prozess dazu wie die Holmes-Doubles – Frauen, die sich wie die Angeklagte kleideten und ihr damit im Gerichtssaal Beistand leisteten. Auch Holmes’ seltsam abhängig wirkendes Verhältnis zu ihrem deutlich älteren ehemaligen Stellvertreter, Geschäfts- und Lebenspartner Ramesh Balwani kam im Prozess auf den Tisch. Jede mögliche Verteidigungsstrategie wurde bis ins letzte Detail analysiert. Der Prozessauftakt war zudem vertagt worden, weil die 37-Jährige im August ein Kind mit ihrem aktuellen Partner, dem Hotelerben William Evans, bekommen hatte.

15 Wochen dauerte der Prozess, und die Jury hat Holmes nun in vier von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Dabei ging es allein um den Betrug an Investoren. Die Jury sprach sie davon frei, Patienten betrogen zu haben. Bei drei Anklagepunkten zum Finanzbetrug waren sich die Juroren uneinig. 

Nun muss das Gericht in den kommenden Wochen das Urteil sprechen, das pro Anklagepunkt bis zu 20 Jahre Haft bedeuten kann. Das Maximum gilt zwar als unwahrscheinlich, weil Holmes nicht vorbestraft ist. Da sie jedoch Investorengelder in Höhe von 945 Millionen Dollar vernichtet hat, wird sie wohl für längere Zeit ins Gefängnis müssen. Eine Berufung wäre zulässig.

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    Das „Wall Street Journal“ hatte den Betrug vor sechs Jahren aufgedeckt. Die Zeitung berichtete, wie Holmes für ihre Präsentationen Bluttests fälschte, indem im Hintergrund klassische Blutuntersuchungen liefen. Zu dem Zeitpunkt hatte das 2003 gegründete Unternehmen zahlreiche bekannte Ex-Politiker und Ex-Militärs wie Henry Kissinger oder James Mattis als Investoren an Bord. Pikanterweise befand sich unter den Geldgebern, die ihr Investment verloren, auch Rupert Murdoch, Besitzer des „Wall Street Journal“.

    Personenkult und Charme

    Auch Wade Miquelon, der Finanzvorstand der Apothekenkette Walgreens, hatte sich von Holmes überzeugen lassen. Walgreens investierte 140 Millionen Dollar in das Unternehmen und richtete in 40 Läden Theranos-Teststationen ein. Doch die funktionierten nicht wie angepriesen. So wurden die Tests am Ende nicht mit den Geräten der Firma, sondern mit Labortechnik anderer, klassischer Hersteller durchgeführt.

    In der Biotech-Branche war das Unternehmen schon länger umstritten, weil Experten sich nicht vorstellen konnten, wie die Tests nach damaligem Stand der Technik funktionieren sollten. Die fachfremden Investoren hatten sich von Holmes’ Charme einwickeln lassen, bevor das Unternehmen 2018 schließlich abgewickelt wurde.

    Es war wohl auch jener Charme und Personenkult, der diesem Prozess so viel Aufmerksamkeit brachte: Da war die Hochbegabte, die während der Schulzeit Mandarin lernte und im Sommer Kurse an der Eliteuniversität Stanford belegte, bevor sie mit nur 19 Jahren ihr Studium dort abbrach. Die Frau, die es im männlich dominierten Silicon Valley bis nach ganz oben schaffte.

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    Ihre Eltern waren gut vernetzt in Washingtoner Politik- und Wirtschaftskreisen. Ihr Vater hatte einige Jahre als Vice President für den texanischen Energiekonzern Enron gearbeitet, bevor dieser ebenfalls in einem spektakulären Betrugsskandal implodierte. Holmes selbst war ein Fan von Apple-Gründer Steve Jobs, trug meist einen schwarzen Rollkragenpullover und sprach mit tiefer, leiser Stimme, um ihr Idol zu imitieren. 2015 schätzte das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ ihr Vermögen durch ihre Anteile an Theranos auf 4,5 Milliarden Dollar. Das „Time“-Magazin zählte sie zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt.

    Mit Theranos und Holmes stand in San José auch eine in der Start-up-Szene verbreitete Kulturpraxis vor Gericht. Der Slogan „Fake it till you make it“ gilt vielen Gründern als Verhaltensregel: Vortäuschen, bis man es wirklich geschafft hat. Das galt für Holmes ebenso wie für Wework-Gründer Adam Neumann, der ein Immobilienimperium aufbaute, das vor allem auf Milliarden von Dollar basierte, die die Investoren nie wiedersahen.

    Holmes sagte im Prozess aus, sie habe aufrichtig an die Technologie geglaubt, aber als Chefin nicht von allen Problemen gewusst. Für eine Verurteilung mussten die Ankläger die Geschworenen – acht Männer und vier Frauen – davon überzeugen, dass Holmes Investoren mit betrügerischer Absicht falsch informiert und Fehler bei Tests von Patienten in Kauf genommen habe.

    Die Staatsanwälte pickten sich für die Anklage die Fälle zweier Patienten sowie sechs Überweisungen von Theranos-Geldgebern zwischen knapp 100.000 und rund 100 Millionen Dollar aus den Jahren 2013 und 2014 heraus. Holmes, die auf Kaution frei ist, nahm das Urteil regungslos entgegen und verließ das Gericht durch einen Seitenausgang.

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