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29.03.2019

14:45

Millionendeal

Daimler Trucks kauft Spezialisten für autonomes Fahren

Von: Franz Hubik

Mit der Software-Expertise von Torc Robotics will Daimler binnen einer Dekade autonome Robotertrucks auf die Straße bringen – und so die Logistikkosten drastisch senken.

Bei dem sogenannten Level-2-System wird der Fernfahrer zwar unterstützt, aber er trägt noch immer die volle Verantwortung.  Daimler AG

Autonome Trucks

Bei dem sogenannten Level-2-System wird der Fernfahrer zwar unterstützt, aber er trägt noch immer die volle Verantwortung.

MünchenIn kaum einem Gewerbe wird so spitz kalkuliert wie in der Logistik. Spediteure achten auf jeden Cent, den sie beispielsweise beim Sprit einsparen können.

Aber gegen die größte Ineffizienz im System sind die Transportfirmen seit jeher machtlos: die Ruhepausen. Alle zehn Stunden müssen ihre Fahrer stehenbleiben, um zu schlafen. Ein Frachtwert von häufig mehr als einer Million Euro steht dann einfach ungenutzt am Straßenrand.

Martin Daum will das ändern. Geht es nach dem Chef von Daimler-Trucks, sollen bereits binnen der nächsten Dekade serienreife Lkw auf US-Highways rollen, die ohne das Zutun eines Fahrers hochautomatisiert Waren von A nach B transportieren – und zwar rund um die Uhr.

Es gibt da nur ein Problem: Die 83.000 Mitarbeiter des größten Nutzfahrzeugherstellers der Welt sind zwar meisterhaft darin, tonnenschwere und sehr sichere Sattelschlepper zu bauen. Aber eine agile und völlig verlässliche Software für autonome Systeme zu entwickeln, zählt nicht zu den Stärken der Stuttgarter.

„Das war unsere größte Achillessehne“, räumt Daum selbstkritisch ein. Der Manager spricht bewusst in der Vergangenheitsform. Denn das Problem ist aus seiner Sicht seit heute gelöst.

Daimler Trucks übernimmt die Mehrheit an der amerikanischen Firma Torc Robotics, einem Spezialisten für autonomes Fahren. Das Unternehmen wurde 2005 gegründet und sitzt in der 45.000 Einwohner zählenden Stadt Blacksburg in Virginia im Osten der USA.

Torc zählt zu den Pionieren bei Roboterautos und hat mittlerweile in mehr als 20 US-Bundesstaaten automatisierte Fahrzeuge unfallfrei getestet – auf öffentlichen Straßen ebenso wie in abgesperrten Bereichen. Zu den Kunden der Firma zählt etwa der Baumaschinenbauer Caterpillar. Künftig werden die 120 Softwareexperten von Torc aber vor allem eng mit den Daimler-Entwicklern zusammenarbeiten.

„Unser neuer Partner rundet unsere eigenen Entwicklungsanstrengungen perfekt ab“, frohlockt Daum. Torc sei führend beim automatisierten Fahren und Daimler Trucks tonangebend bei Lkw.

Gemeinsam werde man „noch schneller, noch mehr erreichen“, sagt Daum. Die Akquise einer „deutlichen Mehrheit“ an Torc bezeichnet der 59-Jährige als „Quantensprung“ bei dem Ziel, hochautomatisiert fahrende Trucks zur Marktreife zu bringen.

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Über die genauen Konditionen des Deals haben die Unternehmen zwar Stillschweigen vereinbart. Klar ist aber: Billig war der Know-how-Zukauf für Daimler nicht.

Ein dreistelliger Millionenbetrag wurde für die Mehrheit an Torc fällig, verlautet es in Konzernkreisen. Daimler Trucks geht bei der Entwicklung der Robotertrucks damit noch stärker in Vorleistung als bisher.

Konzernchef Daum hatte schon Anfang des Jahres angekündigt, 500 Millionen Euro in den nächsten Jahren zu investieren und 200 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Durch den Deal mit Torc kommen nun noch mehr Personal und Aufwendungen hinzu. Die Gründer von Torc bleiben dabei an Bord und halten den Minderheitsanteil an der Firma.

Daimler Trucks will das automatisierte Fahren schrittweise einführen mit besonderem Fokus auf den US-Markt. Anfangs sollen die cleveren Lkw vor allem entlang der großen Highways zwischen den Logistikzentren am Rande der amerikanischen Großstädte eingesetzt werden. „Es sind ganz genau definierte Strecken“, sagt Daum.

Mit dem Freightlinier Cascadia bringt Daimler in den nächsten Monaten bereits den ersten Serien-Lkw auf nordamerikanischen Asphalt, der teilautomatisierte Fahrfunktionen beherrscht. Bei dem sogenannten Level-2-System wird der Fernfahrer zwar unterstützt, aber er trägt noch immer die volle Verantwortung.

Der Schritt hin zu Level-4-Systemen, bei denen die Verantwortung vollständig auf die Soft- und Hardware von Konzernen wie Daimler übergeht, wäre ein „extrem großer Technologiesprung“, sagt Daum. Während teilautomatisierte Assistenten mit zwei anspruchsvollen Sensoren auskommen, sind bei völligen Robotertrucks einige Dutzend vonnöten sowie zusätzliche Sensoren auf Basis der neuesten Lidar-Technik.

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Das Vorhaben von Daimler Trucks, binnen nur eines Jahrzehnts hochautomatisierte Level-4-Lkw auf den Markt zu bringen, ist so komplex, dass Konzernchef Daum nicht ausschließen will, dass er in drei oder vier Jahren einräumen muss, gescheitert zu sein.

„Es ist sicherlich eine der riskanteren Entscheidungen“, sagt der Manager. „Aber wir sind zuversichtlich“. Denn gelingt es ihm und seiner Truppe, die Vision in die Realität zu überführen, wäre der Transportverkehr nicht nur deutlich sicherer als heute, sondern es entstünden auch völlig neue Geschäftsmöglichkeiten.

Autonomes Fahren würde die Einsatzzeiten von Lkw um das 2,7-fache erhöhen, heißt es etwa in der „Strategy& Truck Study“, der Strategieberatung von PwC. Weil Ruhepausen für Fahrer entfallen und Leerlaufzeiten durch den Einsatz von Algorithmen sinken, könnten autonome Trucks ab 2030 fast 80 Prozent der Zeit tatsächlich unterwegs sein, heutige Lkw werden nur 29 Prozent der Zeit tatsächlich gefahren.

Nicht nur die Logistikkosten könnten so beinahe halbiert werden. Durch autonomes Fahren verändert sich auch das Truck-Design stark. Bei sogenannten Level-5-System, bei denen die Fahrerkabine komplett entfällt, entsteht ein Einsparungspotenzial allein durch die Konstruktion von bis zu 30.000 Euro pro Truck. Dem stehen jedoch höhere Ausgaben für bildverarbeitende Systeme gegenüber.

In Summe bleibt aber eine Ersparnis von etwa 7.000 Euro, schätzen die PwC-Experten. Als Marktführer bei der Truck-Herstellung will Daimler diesen Branchenwandel von der Spitze weg gestalten.

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