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07.01.2022

04:04

Nachhaltige Technologien

BMW verstärkt die Suche nach Start-ups: „Wir werden mehr Deals in Europa sehen“

Von: Markus Fasse, Axel Höpner

Die selbstständige Tochter BMW i Ventures will mit einem 300-Millionen-Dollar-Fonds in nachhaltige Technologien investieren. Im Fokus: deutsche und europäische Neugründungen.

2016 zogen die Münchener mit ihrem VC-Ableger BMW i Venture von New York ins Silicon Valley und starteten einen ersten Fonds mit 500 Millionen Euro. BMW Group

BMW

2016 zogen die Münchener mit ihrem VC-Ableger BMW i Venture von New York ins Silicon Valley und starteten einen ersten Fonds mit 500 Millionen Euro.

München Der BMW-Konzern erhöht sein Tempo bei der Suche nach innovativen Start-ups. Die Venture-Capital-Sparte BMW i Ventures soll mit einem im vergangenen Jahr neu aufgelegten 300-Millionen-Dollar-Fonds dem Autokonzern noch mehr Zugriff auf Schlüsseltechnologien ermöglichen.

Neben Elektromobilität und Digitalisierung will BMW i Ventures verstärkt in Start-ups für Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft einsteigen, sagten die beiden Managing Partner Kasper Sage und Marcus Behrendt dem Handelsblatt. Seit 2011 investiert BMW in Start-ups. 2016 zogen die Münchener mit ihrem VC-Ableger BMW i Venture von New York ins Silicon Valley und starteten einen ersten Fonds mit 500 Millionen Euro.

Die Spür- und Suchfunktion der Einheit wird für BMW immer wichtiger, die Fondsmanager entscheiden aber autonom über ihre Investments. „Unsere Aufgabe ist es, die frühen Signale zu registrieren und zu erkennen, wohin sich der Markt entwickelt“, beschreibt Sage die Funktion der Sparte.

Dabei könne man auch „links abbiegen, wenn der Konzern rechts abbiegt“ – also auf die Technologien setzen, die der BMW-Konzern derzeit nicht weiter verfolgt. Sollte BMW ganz auf zentrale Rechnerarchitekturen setzen, dann dürfe BMW i Ventures auch in Edge-Computing investieren.

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Standort erkennen

    Nur so könne am Ende Disruption frühzeitig erkannt werden, sagt Sage. Für den bisweilen sehr hierarchisch organisierten Autokonzern ist das ein wichtiges Korrektiv. Denn anders als früher heißen die Rivalen nicht mehr nur Mercedes und Audi. Nach dem Tesla-Schock muss BMW aufpassen, nicht von dem nächsten neuen Wettbewerber aus der Technologiebranche überrascht zu werden.

    Solid Power als „idealtypisches“ Investment

    Wie wertvoll die Einheit für Konzernchef Oliver Zipse sein kann, zeigt das Beispiel Solid Power. Das Start-up aus Louisville in Colorado gehörte lange zu jenen weitgehend unbekannten Unternehmen, die an der Entwicklung von Feststoffzellen-Batterien arbeiten. Die Technologie gilt als ein möglicher Nachfolger der heutigen Lithium-Ionen-Batterien, die Zellen sind potenziell leistungsstärker, kostengünstiger und recyclebar – aber technisch noch nicht ganz ausgereift.

    Einige Forscher in München fanden den Ansatz spannend, ein Team von BMW i Ventures reiste nach Colorado. „Idealtypisch“, nennt Sage das frühe Investment im einstelligen Millionenbereich. „Erst hat sich die Fachabteilung in München mit dem Unternehmen beschäftigt, dann sind wir als i Ventures in die Finanzierung eingestiegen.“

    Mittlerweile hat der Mutterkonzern die Regie selbst übernommen: Im Mai 2021 gaben BMW und Ford bekannt, gemeinsam 130 Millionen Dollar in Solid Power zu investieren, Anfang dieses Jahres soll die Produktion beginnen. BMW hofft, die Technologie ab 2025 in die Elektroautos der „Neuen Klasse“ einsetzen zu können und so der Konkurrenz ein Stück voraus zu sein.

    Grafik

    Neben Solid Power hat sich BMW i Ventures im Auftrag des weiß-blauen Autobauers bereits an vielen weiteren Start-ups wie Boston Metal, das Flüssigeisen und damit klimafreundlichen Stahl herstellen will, beteiligt.

    Zu den erfolgreichsten Beteiligungen gehört bislang zum Beispiel ein Engagement bei Chargepoint. Der US-Ladespezialist startete im Frühjahr mit etwas Mühen mit einer Milliardenbewertung an der Börse. Zudem investierte BMW i Ventures früh in Xometry, einen inzwischen börsennotierten Marktplatz für Produktionsdienstleistungen.

    Das Unternehmen, das auch BMW als Kunden hat, kaufte vor zwei Jahren das deutsche Start-up Shift und hat nun 4000 Fertigungsstellen im Netzwerk. Ein weiteres Investment von BMW i Ventures ist Turntide. Die US-Firma stellt intelligente Motorsysteme her. Es gibt aber auch echte Flops: 2017 investierte BMW i Ventures einen zweistelligen Millionenbetrag in „Europas erste digitale Autowerkstatt“ Caroobi – das Berliner Unternehmen ging zwei Jahre später pleite.

    Für BMW i Ventures bleibt die Heimat dennoch spannend. „Wir sehen, dass in Deutschland und Europa mehr passiert als früher und wollen unser Engagement deshalb ausbauen“, sagt Sage. Es gebe hierzulande inzwischen vermehrt Seriengründer und Business-Angels, die ihre Erfahrungen weitergeben.

    Zudem werde zunehmend auch in den Deeptech-Sektor investiert. „Das Gesamtökosystem bekommt einen neuen Reifegrad.“ Die Teams von BMW i Ventures seien bereits aufgestockt. „Wir werden mehr Deals in Europa sehen.“

    Lernkurven im Valley

    BMW hatte seine Start-up-Einheit schon vor zehn Jahren gegründet. Anfangs agierte die Sparte als klassischer Venture-Capital-Ableger. Für Deals musste die Zustimmung der Zentrale eingeholt werden. „Das führte zu Verzögerungen und konnte zuweilen den Prozess stark verlangsamen“, sagt Sage. Die Innovationsgeschwindigkeit sei in disruptiven Zeiten hoch.

    BMW war anfangs einfach nicht schnell genug. Daher agiere man nun als unabhängiger Venture-Capital-Fonds und könne autark entscheiden. „Unseren schnellsten Deal haben wir in zehn Tagen abgeschlossen – das wäre früher kaum möglich gewesen.“

    Das liegt auch am 2016 eingeleiteten Umzug von New York nach Kalifornien. BMW i Ventures hat seinen Hauptsitz dort, wo noch immer das Zentrum der Start-up-Welt ist: im Silicon Valley. Das 15-köpfige Team geht meist in der früheren Phase ein- bis niedrige zweistellige Millioneninvestments in Minderheitsbeteiligungen ein.

    Oft führt die Einheit dabei die Finanzierungsrunden an. Bislang wurde – ausschließlich mit Geld von BMW – in etwa 60 Unternehmen investiert. Davon hatten nur drei ihren Sitz in Deutschland. Es gelangen bereits 16 Exits.

    Siemens, SAP, Daimler: Die Suche nach neuen Ideen

    Die großen Konzerne fahren in Sachen Start-up-Beteiligungen unterschiedliche Strategien. So sieht sich Next47 von Siemens als normaler Venture-Capital-Geber, der auch fernab von den Siemens-Kerngeschäften investiert. Die Liste der Beteiligungen von Next47 reicht von 15Five, einer Plattform für Mitarbeiter-Feedback, bis zum Data-Warehouse-Spezialisten Yellowbrick. Akquisitionen, die das operative Geschäft voranbringen sollen, werden direkt von den Sparten getätigt, manchmal beraten von Next47.

    Der SAP-Ableger Sapphire ist sogar einer der größten Investoren in Start-ups weltweit. Der unabhängige Venture-Capital-Spezialist hat schon in weit mehr als 100 junge Firmen investiert. Die Engagements reichten von LinkedIn über Fitbit bis zu Datenanalysespezialisten wie Sumologic und Fintechs wie Wise.

    Die Start-up-Einheiten der Konzerne konkurrieren mit unzähligen Venture-Capital-Investoren in aller Welt. „Geld allein ist nicht mehr das, was einen in die Deals bringt“, sagt Marcus Behrendt, ebenfalls Managing Partner bei BMW i Ventures.

    Es sei weltweit viel Kapital verfügbar. Da bekomme bei guten Firmen der den Zuschlag, der einen Zusatznutzen bringe. Der sei bei BMW i Ventures groß: „Wir können Türen öffnen.“ So seien viele Start-ups an den Vertriebs- und Einkaufskanälen und an der Produktions- und Entwicklungsexpertise des Autobauers interessiert.

    Die Industrie habe sich gewandelt. „Früher haben die Zulieferer Technologien entwickelt, die dann allen Autobauern zur Verfügung standen.“ Heute sei der Zugriff auf Schlüsseltechnologien, die andere nicht nutzen könnten, ein Wettbewerbsvorteil. „Die Spielregeln der Technologie-Branche schwappen in die Autoindustrie über – weil immer mehr IT im Auto ist.“

    Daher sind alle großen Autobauer auf der Suche nach attraktiven Beteiligungen. Daimler zum Beispiel hat die Venture-Sparte Techinvest aufgebaut. Man sei ständig auf der Suche nach innovativen Unternehmen und Technologien, heißt es in Stuttgart – „es spielt keine Rolle, ob sich das Start-up noch in einer frühen Phase befindet oder ob es sich bereits um ein etabliertes Technologieunternehmen handelt“.

    Zu den Firmenbeteiligungen im Daimler-Portfolio gehören zum Beispiel der Fahrdienst Blacklane, ebenfalls Chargepoint, der Softwarespezialist Fleetmaster, Flixbus, der Werkstoffspezialist Storedot, Torc Robotics und Volocopter.

    Daimler hat zudem die Initiative Start-up Autobahn gegründet, die junge Firmen und Großkonzerne zusammenbringen und so Kooperationen ermöglichen will. Volkswagen hat unter anderem ein Start-up-Inkubator-Programm in seiner gläsernen Fabrik in Dresden gestartet. In München hat der Autobauer in seinem Data:Lab ein „Start-up Collaboration Space“ eingerichtet.

    Daneben beteiligen sich auch VW und die Töchter rege an jungen Firmen. So stieg Porsche Ventures kürzlich bei dem chinesischen Unternehmen iMaker ein, nach eigenen Angaben führender Anbieter von virtuellen Influencern in China. Auch die braucht die Autoindustrie in Zukunft.

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