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26.08.2019

23:32

Nachruf auf den Familienpatriarchen

Ferdinand Piëch – der große Visionär von Volkswagen

Von: Stefan Menzel

Als Ferdinand Piëch 1992 als Vorstandschef in Wolfsburg antritt, steckt Volkswagen in einer Krise. Der umstrittene Patriarch hat großen Anteil daran, dass VW später zum Weltkonzern aufgestiegen ist.

Porsche-Enkel

VW-Patriarch Ferdinand Piëch ist tot

Porsche-Enkel: VW-Patriarch Ferdinand Piëch ist tot

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Düsseldorf, Frankfurt Porsche-Hauptversammlung im Juni 2016 in Stuttgart: Mehrere Tausend Aktionäre wollen wissen, wie es um die Familienholding steht. Die Dieselaffäre von Volkswagen hat sich auch in ihrem Unternehmen niedergeschlagen; die Porsche-Holding hält die Mehrheit der Anteile am Wolfsburger Autohersteller.

Der Aktienkurs hatte nach der Aufdeckung des Abgasskandals deutlich nachgegeben, und auch die Dividende fiel für Porsche-Verhältnisse ziemlich mager aus.

Prominente Stimmen hätten Antworten geben können, wie etwa der langjährige VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, der damals noch bei der Porsche-Holding im obersten Kontrollgremium saß. Doch der Volkswagen-Patriarch, der an diesem Tag eigentlich in Stuttgart erwartet worden war, hatte sich plötzlich rar gemacht.

„Eine unvorhersehbare Terminkollision habe das Erscheinen von Piëch verhindert“, erzählte sein Vetter Wolfgang Porsche, der die Hauptversammlung leitete. Niemand in der Halle mochte das so recht glauben, es ging ein Raunen durch die Sitzreihen. Schließlich werden die Termine für ein Aktionärstreffen Monate im Voraus festgelegt, manchmal sogar Jahre zuvor.

Piëchs Fehlen auf der Hauptversammlung war symptomatisch für die zurückliegenden Jahre. Der große Familienpatriarch bei Volkswagen und Porsche ließ sich zuletzt nur noch selten in der Öffentlichkeit sehen. Jetzt ist Ferdinand Piëch im Alter von 82 Jahren gestorben.

Als VW-Vorstandsvorsitzender und später als Aufsichtsratschef hat Piëch fast nie einen Pressetermin verpasst, der Auftritt in den Medien war für ihn zur Routineangelegenheit geworden. Bis April 2015 war Ferdinand Piëch regelmäßig in der Öffentlichkeit präsent.

Doch vor gut vier Jahren begann sein Rückzug aus den Führungsgremien von Volkswagen. Nachdem er vom Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden zurückgetreten war, wurde Piëch plötzlich zum selten gesehenen Gast bei allen großen Porsche- und Volkswagen-Veranstaltungen. 2017 tauchte er noch einmal kurz auf einer Porsche-Hauptversammlung auf, bald danach legte er auch sein Mandat im Aufsichtsrat nieder.

„Groll und Verärgerung dürften dafür verantwortlich gewesen sein“, mutmaßte ein Volkswagen-Manager, der Piëch über Jahre immer wieder erlebt hatte.

Im Frühjahr 2015 verlor der erfolgsverwöhnte Ingenieur eine entscheidende Auseinandersetzung im eigenen Unternehmen. Etwas, was ihm in den vorangegangenen 50 Jahren bei Porsche, Audi und Volkswagen so gut wie nie passiert war.

Niederlagen waren Piëch im Konzern fremd. Er war es gewohnt, dass er am Ende Recht behielt, dass er immer seinen Willen durchsetzte. Doch als er den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn im Frühjahr 2015 ablösen wollte, da stand er allein. Der Rest der Familie verweigerte ihm die Gefolgschaft.

In Wien geboren

Ferdinand Piëch wurde am 17. April 1937 in Wien geboren. Seine Mutter ist Louise Piëch, eine Tochter des berühmten Ferdinand Porsche, des Begründers der Dynastie. Mit Anton Piëch heiratete sie zwar einen Rechtsanwalt, doch die Verbindungen zur Autowelt und die Traditionen der Porsches waren auch in dieser Familie immer spürbar.

Anton Piëch leitete später sogar die Autofabrik in Wolfsburg. Sohn Ferdinand wollte das Erbe seines gefeierten Großvaters antreten. In Zürich legte der junge Mann den Grundstein für seine spätere automobile Karriere und studierte dort Maschinenbau.

Danach ging es auf dem vorgezeichneten Weg weiter. Nach dem Studium startete Ferdinand Piëch 1963 bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen als Entwicklungsingenieur und blieb dort bis 1972.

Danach begann seine wichtige Zeit bei Audi, wo er 20 Jahre lang tätig war und wo er bis zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg. Die zwei Jahrzehnte in Ingolstadt waren eine wichtige Grundlage für das, was danach noch kommen sollte.

1992 wechselte Piëch nach Wolfsburg und übernahm dort das Amt des Vorstandschefs. Volkswagen ging es zu dieser Zeit schlecht. Piëch wurde als Retter gerufen und war maßgeblich für den späteren Aufstieg des Wolfsburger Autoherstellers verantwortlich.

Zehn Jahre prägte er in der VW-Zentrale das Geschäft von Europas größtem Automobilkonzern, danach wechselte er auf den nicht minder einflussreichen Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden.

Länger als ein Jahrzehnt besetzte er auch die Position des Chefkontrolleurs im Volkswagen-Konzern und bestimmte von dort entscheidend mit, was im Unternehmen passierte und welche Autos gebaut wurden. Bis zu jenem verhängnisvollen 25. April 2015, der das Ende von Piëchs beispielloser Karriere im VW-Konzerns bedeutete.

Auf Sardinien wird der neue VW Polo präsentiert. Vor der Show in Olbia spricht der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch mit VW-Chef Martin Winterkorn. dpa

Mai 2009

Auf Sardinien wird der neue VW Polo präsentiert. Vor der Show in Olbia spricht der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch mit VW-Chef Martin Winterkorn.

Sein Großvater Ferdinand Porsche schaffte mit dem Käfer die Basis von Volkswagen. Ferdinand Piëch hat den modernen Konzern von heute maßgeblich geprägt und beeinflusst, erst bei Audi und dann später bei Volkswagen.

Vieles, was bei dem Autohersteller heute eine Selbstverständlichkeit ist, geht auf die Arbeit von Piëch zurück. Unter seiner Führung wurden bei Audi etwa der Fünf-Zylinder-Motor, außerdem der Diesel mit Direkteinspritzung und der Quattro-Allradantrieb eingeführt. Dass Audi den Aufstieg zur Premiummarke und einen tiefgreifenden Imagewandel geschafft hat, dafür darf sich die Ingolstädter Volkswagen-Tochter bei Ferdinand Piëch bedanken. Bei dem Mann, der als begnadeter Techniker galt.

Piëch sorgte dafür, dass der Autohersteller aus der niedersächsischen Provinz zum Weltkonzern aufstieg. Ein Unternehmen, das heute auf einen Jahresumsatz von 235 Milliarden Euro kommt und mehr als 650.000 Beschäftigte hat. Mit knapp elf Millionen im Jahr produzierten Fahrzeugen hat Volkswagen den japanischen Konkurrenten Toyota überholt und ist zum weltgrößten Automobilhersteller aufgestiegen.

Ferdinand Piëch war etwa der Treiber, der den Aufstieg der tschechischen Tochter Skoda wesentlich vorantrieb. Piëch war es, der die prestigeträchtigen Automarken Bentley und Bugatti kaufte. Volkswagen hat dadurch heute im Luxussegment viel zu bieten.

Er war es auch, der die Lastwagenhersteller MAN und Scania in den Konzern hineinholte. Zuvor pflegten die Lkw bei Volkswagen nur ein Schattendasein. Piëch sorgte mit seinen Zukäufen dafür, dass der Konzern nun auch bei den Lastwagen zu den ganz Großen in der Branche gehört. MAN und Scania wurden später unter dem Dach von Traton verschmolzen, erst vor wenigen Wochen ist die Lkw-Holding an die Börse gegangen.

Alles am Auto musste passen

Berühmt war der Techniker Piëch für seine Detailversessenheit. Alles am Auto musste passen, korrekt montiert und verarbeitet sein. Besonderes Augenmerk legte er auf die Fugen im Autobau, die sogenannten Spaltmaße. Der Abstand von Tür und Motorhaube zum Karosserie-Rahmen musste immer gleich sein, für Piëch war das der Maßstab wahrer Qualität im Auto.

Besonders die Marke Volkswagen bekam dadurch höhere Imagewerte, die Autos aus Wolfsburg hatten dadurch im Vergleich zu den Modellen anderer Massenhersteller wie Renault und Fiat einen klaren Vorteil.

Das Lebenswerk des langjährigen Volkswagen-Chefs ist beeindruckend und respekteinflößend. Es hätte also genügend Gründe gegeben, im Frieden bei Volkswagen und bei Porsche auszuscheiden.

Wenn es da nicht den Zwist mit Martin Winterkorn gegeben hätte, seinem Nachfolger bei Volkswagen als Vorstandsvorsitzendem. Eigentlich galten die beiden als enge Verbündete, die jahrelang gut zusammengearbeitet hatten. Winterkorn als Verantwortlicher für das Tagesgeschäft, Piëch im Aufsichtsrat als oberster Kontrolleur und Stratege.

Doch Anfang 2015 wurde der Riss zwischen beiden immer offensichtlicher. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, ist das berühmte Zitat von Piëch, das im Normalfall sofort das Karriereende seines Nachfolgers bedeutet hätte. Der große Familienpatriarch dürfte immer mehr an den Fähigkeiten Winterkorns gezweifelt haben. Wahrscheinlich wollte er verhindern, dass der damalige VW-Vorstandsvorsitzende ihn als Chef des Aufsichtsrates beerbt.

Martin Winterkorn (l) war Piëchs „Ziehsohn“ – dann kam es zum Zerwürfnis. dpa

Mai 2014

Martin Winterkorn (l) war Piëchs „Ziehsohn“ – dann kam es zum Zerwürfnis.

Auf dem Höhepunkt von Piëchs Macht hätte Winterkorn keine Chance gegen den großen Techniker gehabt. Doch 2015 überschritt Ferdinand Piëch den Zenit seines Einflusses bereits. Wahrscheinlich überschätzte er seine eigene Durchsetzungskraft im Konzern damals schon. Jedenfalls fand er keine Mehrheit, um Winterkorn an der Konzernspitze abzulösen. Piëch war – ungewohnt – allein mit seiner Attacke auf Winterkorn.

Das Land Niedersachsen, der mächtige Betriebsrat und andere wichtige Vertreter der Familien Porsche und Piëch sprachen sich gegen die Ablösung von Martin Winterkorn aus. Sie waren zufrieden mit dessen Arbeit. Sie sahen keinen Grund dafür, den Vertrag des langjährigen Vorstandsvorsitzenden aufzukündigen.

Angesichts dieser Isolation zog Ferdinand Piëch die Konsequenz: Er legte sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender nieder und zog sich zugleich aus dem Kontrollgremium zurück. Familie, Land und Betriebsrat – sie waren plötzlich alle auf Distanz zu Ferdinand Piëch.

Seit diesem überraschenden Rückzug ist Ferdinand Piëch kaum noch in der Öffentlichkeit aufgetreten. In Wolfsburg und in Ingolstadt bei Audi war er ein seltener Gast – auch wenn er über die Porsche-Holding immer noch zu den wichtigsten Miteigentümern des Volkswagen-Konzerns zählte.

Riss in der Familie

Ferdinand Piëch lebte zurückgezogen in seinem Anwesen am Stadtrand von Salzburg. Niemand weiß bis heute, ob er schon Anfang 2015 bei seiner Attacke auf Winterkorn Kenntnis von der drohenden Dieselaffäre hatte. Regelmäßig wurde in Wolfsburg darüber spekuliert, dass die Ermittlungen in den USA der wahre Grund dafür gewesen seien, der Piëch seinen langjährigen Verbündeten Winterkorn angreifen ließ.

Heute ist klar, dass Piëch zumindest schon im Frühjahr 2015 von der Dieselaffäre gewusst haben musste, wie seine Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig belegt. Ferdinand Piëch wollte andere wichtige Aufsichtsratsmitglieder damals angeblich über die heraufziehende Dieselaffäre informiert haben.

Die Aufsichtsräte widersprachen energisch, darunter auch Piëchs Cousin Wolfgang Porsche. Der Streit über diese Aussage ließ den Riss in der Familie noch größer werden. Was auch erklären dürfte, warum Ferdinand Piëch im Frühjahr 2017 begann, mit der Familie über den Verkauf seiner Porsche-Anteile zu verhandeln.

Das letzte große Kapitel von Ferdinand Piëch im Volkswagen- und Porsche-Reich hatte begonnen. Der Verkauf seiner Anteile und der Rückzug aus dem Porsche-Aufsichtsrat waren der logische Schritt einer Entwicklung, die mit dem Streit um Martin Winterkorn begonnen hatte.

Ende 2017 verständigte sich Ferdinand Piëch dann tatsächlich mit dem Rest der Familie über den Verkauf seiner Anteile. Eine knappe Milliarde Euro dürfte er damals damit eingenommen haben. Der Schlussakkord in der großen automobilen Karriere des Ferdinand Piëch schloss sich. Sein Engagement bei Volkswagen und Porsche war schon zu diesem Zeitpunkt Geschichte.

Mehr: Die Ehefrau von Ferdinand Piëch hat eine offizielle Erklärung der Familie abgegeben. Lesen Sie hier die Stellungnahme im Wortlaut.

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