Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.03.2022

08:43

Nissan

Ghosn-Vertrauter Greg Kelly in Japan zu Bewährungsstrafe verurteilt

Von: Martin Kölling

PremiumDer Wirtschaftsskandal um den flüchtigen Ex-Chef von Nissan hat vorläufig ein juristisches Ende. Kelly darf nun in die USA ausreisen.

Der frühere Spitzenmanager wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Bloomberg

Greg Kelly auf dem Weg zum Gericht in Tokio

Der frühere Spitzenmanager wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Tokio Carlos Ghosn, der flüchtige Ex-Chef von Renault und Nissan, hat in einem juristischen Stellvertreterprozess in Japan einen Rückschlag erlitten. Am Donnerstag verurteilte das Tokioter Bezirksgericht den früheren Nissan-Finanzchef Greg Kelly wegen Verschleierung von Ghosns tatsächlichem Gehalt zu sechs Monaten Haft, die auf eine dreijährige Bewährung ausgesetzt wird. Nissan wurde zu einem Strafgeld in Höhe von umgerechnet 1,6 Millionen Euro verurteilt.

Zwar wiesen die Richter einen Großteil der Anklage gegen Kelly ab, auf deren Grundlage die Staatsanwaltschaft zwei Jahre Haft gefordert hatte. Aber sie urteilten, dass für zwischen 2010 und 2017 unbezahlte Vergütungen in Höhe von 9,1 Milliarden Yen (71 Millionen Euro) vereinbart worden seien, die in den Finanzberichten hätten ausgewiesen werden müssen. Dies hängten sie jedoch vor allem Ghosn und einem führenden Nissan-Angestellten an. Kelly sahen sie nur für das Jahr 2017 als schuldig an.

Noch ist offen, ob es zu einem Berufungsverfahren kommt. Doch die Chancen sind gering. Die prompte Reaktion der US-Botschaft in Tokio zeigt, wie politisch brisant das Verfahren in den Vereinigten Staaten gesehen wird. „Wir sind erleichtert, dass das Gerichtsverfahren abgeschlossen ist und Herr und Frau Kelly nach Hause zurückkehren können“, erklärte der neue Botschafter Rahm Emanuel, der frühere Stabschef von Ex-Präsident Barack Obama, umgehend in einer Pressemitteilung. „Es waren drei lange Jahre für die Familie Kelly, aber dieses Kapitel ist nun zu Ende.“

Wenn der 65-Jährige wirklich ausreist, dürfte auch die juristische Aufarbeitung des spektakulärsten Falls eines Konzernchefs in der japanischen Wirtschaftsgeschichte enden. Nach der Sanierung des von der Pleite bedrohten Autobauers Nissan war Ghosn fast zwei Jahrzehnte der unumstrittene Führer des Konzerns und leitete später auch den Allianzpartner Renault. Doch als er im November 2018 in Tokio aus seinem Flugzeug stieg, wurde er von den Ermittlern unmittelbar abgeführt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Auch Kelly wurde verhaftet. Die Staatsanwälte warfen den beiden vor, Ghosns tatsächliches Gehalt verschleiert zu haben, indem sie die Hälfte der Zahlung auf die Zeit nach Ghosns Ausscheiden aus dem Amt verschieben wollten. Der Grund für die Aktion: In Japan verdienen Konzernchefs selten mehr als eine Million Euro pro Jahr. Ghosn, der offiziell schon rund acht Millionen Euro von Nissan erhalten hatte, wollte zwar mehr Geld, fürchtete aber öffentliche Kritik.

    Der frühere Chef von Nissan kämpft vom Libanon aus für seine Unschuld. AP

    Carlos Ghosn

    Der frühere Chef von Nissan kämpft vom Libanon aus für seine Unschuld.

    Die Staatsanwaltschaft hielt Ghosn und Kelly für Monate in Haft, um Geständnisse zu erzielen. Doch die Manager widerstanden dem Druck und warfen der Staatsanwaltschaft grobe Fehler vor. So argumentierten die Verteidiger, dass es keine Veröffentlichungspflicht gab, weil die Pläne zur versetzten Gehaltszahlung nie offiziell fertiggestellt worden seien.

    Ghosn warf zudem Vorständen bei Nissan vor, ihn mit diesen Vorwürfen aus dem Amt geputscht zu haben. Tatsächlich regte sich in Japan Widerstand gegen den Mann an der Spitze der Autoallianz Nissan-Renault. Denn die Japaner befürchteten, in einer vom französischen Staat forcierten Fusion zu kurz zu kommen.

    Ghosns gelang filmreife Flucht

    Die Sorge war berechtigt. Obwohl Nissan das größte Unternehmen der Dreierallianz mit Mitsubishi Motors ist, bleibt Renault größter Aktionär des japanischen Autobauers. Denn es waren die Franzosen, die 1999 bei dem japanischen Krisenfall einstiegen und Nissan im Geschwindschritt zu einem der profitabelsten Autohersteller des Landes sanierten.

    Mit Ghosns Sturz ist der Fusionsplan vorerst gestoppt. Auch scheint die Allianz nach Jahren des internen Streits wieder zu arbeiten. Dieses Jahr stellten die drei Unternehmen eine gemeinsame Elektroautooffensive vor, und Nissan macht nach Jahren der Krise wieder Gewinn.

    Ghosn selbst hat die juristische Aufarbeitung des Falls durch seine filmreife Flucht verhindert. 2019 entzog er sich dem Hausarrest in Tokio und ließ sich in Osaka in einem Instrumentenkasten an Bord eines Privatjets schmuggeln. Von dort flog er über die Türkei in die Heimat seiner Familie, den Libanon, der kein Auslieferungsabkommen mit Japan unterhält.

    Zwei an Japan ausgelieferte Amerikaner, die ihm zu seiner Flucht verholfen hatten, waren vergangenes Jahr von einem Gericht zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Ghosn rechtfertigte sich damit, dass er in Japan keinen fairen Prozess erwarten konnte. Seither kämpft der 67-Jährige aus Beirut für seine Unschuld.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×