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27.08.2019

17:09

Opiod-Prozesse

Die Zeiten für die Pharmariesen werden ungemütlich

Von: Katharina Kort

Erst die Glyphosat-Prozesse gegen Bayer, nun die halbe Milliarde Strafe gegen Johnson & Johnson: In den USA wird das Klima für Pharmakonzerne rauer.

Pharmafirmen wie Johnson&Johnson, Teva und Purdue wird vorgeworfen, dass sie die Suchtgefahr der opioidhaltigen Mittel wie Oxycontin heruntergespielt haben. AFP

Schmerztabletten

Pharmafirmen wie Johnson&Johnson, Teva und Purdue wird vorgeworfen, dass sie die Suchtgefahr der opioidhaltigen Mittel wie Oxycontin heruntergespielt haben.

New York Mehr als eine halbe Milliarde Dollar soll Johnson & Johnson dafür zahlen, dass der US-Pharmakonzern suchtgefährdende Schmerzmittel verharmlost und aggressiv vermarktet hat. Das hat ein Richter in Oklahoma entschieden. Die insgesamt 572 Millionen Dollar, rund 515 Millionen Euro, sollen helfen, die Kosten des Bundesstaats für die Suchtbekämpfung für ein Jahr abzudecken.

Das Urteil gilt als wegweisend für Tausende andere Opioid-Prozesse und ist auch ein Warnsignal für die gesamte Branche: Es wird ungemütlich in den USA. So wie Bayer seit der Übernahme von Monsanto mit milliarden-schweren Klagen wegen seines glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup zu kämpfen hat, so müssen nun auch Johnson & Johnson und andere Pharmahersteller mit millionen- oder milliardenschweren Urteilen im Zuge der Opioid-Epidemie in den USA rechnen. Die Gerichte ziehen die Unternehmen zur Verantwortung für die Schäden, die sie in der Gesellschaft anrichten.

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„Ich denke, die Öffentlichkeit und das Justizsystem werden gerade sehr skeptisch gegenüber Big Pharma“, erklärte der renommierte Jura-Professor John Coffee von der Columbia Universität. Dabei sei die Opioid-Krise ein noch viel größeres Thema als Monsantos Roundup. Coffee weist außerdem darauf hin, dass das Urteil gegen Johnson & Johnson von einem Richter gefällt wurde und nicht von einer Jury.

Auch habe der Richter mit einer sehr speziellen rechtlichen Theorie der öffentlichen Belästigung argumentiert. „Aber abgesehen von diesen Unterschieden ist der gemeinsame Nenner der starke Verdacht, dass die Industrie negative Informationen vertuscht und unterdrückt hat“, sagte Coffee.

Der ehemalige Unternehmensanwalt Steven Tapia von der Seattle University of Law beobachtet in den USA bei den Urteilen gegen Unternehmen klare Zyklen: Einer Welle von schweren Urteilen folgten Perioden, in denen Gesetze das Schadensersatzsystem reformieren, um allzu hohe Strafen zu verhindern. „Wir befinden uns aber derzeit klar auf der Welle der ansteigenden Urteile“, sagt Tapia.

Johnson & Johnson ist vor allem für Baby-Puder und Waschlotionen bekannt. Aber der Konzern hat mit seiner Pharma-Tochter Janssen nicht nur eigene opioidhaltige Medikamente produziert, dessen Rechte sie 2015 weiterverkauft hat.

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Er hat auch Mohn in Tasmanien anbauen lassen und damit laut Anklage 60 Prozent der Inhaltsstoffe der Opioide geliefert. Auch heute noch produziert Johnson & Johnson ein Fentanyl-Pflaster – eines der stärksten Schmerzmittel der Welt, das eigentlich nur im Endstadium von Krebs genutzt werden soll.

Pharmafirmen wie Johnson & Johnson, Teva und Purdue wird vorgeworfen, dass sie die Suchtgefahr der opioidhaltigen Mittel wie Oxycontin heruntergespielt haben. Purdue und Teva haben sich in Oklahoma bereits auf eine Vergleichszahlung von je 270 Millionen Dollar und 85 Millionen Dollar geeinigt.

Laxe Verschreibungen

In den USA haben vor allem laxe Verschreibungen von extrem süchtig machenden Medikamenten eine wahre Drogenepidemie ausgelöst, die allein im vergangenen Jahr 68.000 Menschen das Leben kostete. Oft haben auch Zahnärzte die Mittel verschrieben. Viele Menschen wurden süchtig und sind später auf Präparate vom Schwarzmarkt oder direkt auf Heroin umgestiegen.

Richter Thad Balkman nannte die Drogenkrise in seiner Begründung eine „unmittelbar bevorstehende Gefahr“ für die vier Millionen Bewohner von Oklahoma. Allein im Jahr 2015 seien mehr als 326 Millionen Opioid-Pillen in Oklahoma vertrieben worden - genug, dass jeder Erwachsene 110 Pillen bekommen hat.

Die 572 Millionen Dollar, die Johnson & Johnson in Oklahoma zahlen soll, liegen weit unter den 17 Milliarden Dollar, die die Anklage gefordert hatte. Das Geld sollte die Drogenbekämpfung über 20 bis 30 Jahre finanzieren. Der Konzern geht gegen das Urteil in Berufung, auch wenn er die Summe leicht wegstecken könnte: Im vergangenen Quartal hat der Konzern 5,6 Milliarden Dollar verdient.

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