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27.08.2022

00:44

Pharmabranche

Klagewelle im Impfstoff-Geschäft: Moderna fordert Schadenersatz von Biontech und Pfizer

Von: Siegfried Hofmann

Der US-Konzern verklagt die beiden Konkurrenten. Die Auseinandersetzung könnte erhebliches finanzielles Gewicht für Pfizer und Biontech haben.

Corona-Impfstoff von Moderna AP

Corona-Impfstoff von Moderna

Mit der Klage gegen Biontech und Pfizer will Moderna seine mRNA-Technologieplattform schützen.

Frankfurt Das Corona-Impfstoffgeschäft entwickelt sich zusehends zum Betätigungsfeld für Patentanwälte. Nach Curevac hat am Freitag auch die US-Biotech-Firma Moderna nach eigenen Angaben in den USA und vor dem Landgericht Düsseldorf Klagen gegen die Mainzer Biontech und ihren US-Partner Pfizer erhoben.

Moderna wirft den Konkurrenten vor, dass sie mit ihrem erfolgreichen Covid-Impfstoff Comirnaty wichtige Patente im Bereich der mRNA-Technologie verletzten, die man zwischen 2010 und 2016 eingereicht habe. Die damals erforschten Technologien seien grundlegend für das Vakzin Spikevax von Moderna. „Pfizer und Biontech kopierten diese ohne Erlaubnis, um ihren eigenen Impfstoff Comirnaty herzustellen“, erklärte Moderna.

Moderna habe bereits vor Ausbruch der Pandemie „Milliarden von Dollars“ investiert und wolle seine innovative Technologie-Plattform schützen, sagte Vorstandschef Stephane Bancel. Man strebe nicht an, Comirnaty vom Markt zu verbannen, erwarte aber, dass Biontech und Pfizer Schadenersatz für die Nutzung der Patente zahlten.

Das Landgericht Düsseldorf erklärte, es könne den Eingang einer solchen Klage vorerst nicht bestätigen. Pfizer teilte mit, es sei von einem Gerichtsverfahren bisher nicht informiert worden und könne sich dazu noch nicht äußern.

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    Biontech wies die Vorwürfe zurück. „Die Arbeit von BioNTech ist originär und wir werden uns entschieden gegen alle Anschuldigungen der Patentverletzung verteidigen“, erklärte das Unternehmen am Freitagabend. BioNTech respektiere gültige und durchsetzbare geistige Eigentumsrechte anderer und sei von seinem eigenen geistigen Eigentum überzeugt. Die Behauptungen anderer Unternehmen, dass ein erfolgreiches Produkt möglicherweise ihre geistigen Eigentumsrechte verletze, seien ein bedauerliches, aber nicht ungewöhnliches Vorkommnis.

    Konkret beklagt Moderna, dass Biontech und Pfizer zwei zentrale Elemente der eigenen Technologie kopiert haben. Biontech und Pfizer hätten vier Impfstoff-Kandidaten getestet, die zum Teil auch die Patentrechte von Moderna umgangen hätten. Am Ende habe sich Biontech aber für das Vakzin entschieden, das exakt die gleiche chemische Modifikation aufweise wie Spikevax.

    Zum anderen habe Biontech auch den Moderna-Ansatz kopiert, die volle Länge des Corona-Spikeproteins zu kodieren und die mRNA in Lipid-Nanopartikel zu verpacken. Diese Technik habe man selbst Jahre zuvor entwickelt, als man an Impfstoffen gegen das Mers-Virus arbeitete.

    Curevac klagt bereits gegen Biontech

    Die Kontrahenten sind die mit Abstand führenden Akteure im Bereich der Covid-Impfstoffe. Pfizer und Biontech haben bisher mehr als 3,6 Milliarden Dosen von Comirnaty ausgeliefert und erwarten in diesem Jahr Umsätze von 32 Milliarden Dollar (bei Pfizer) und 13 bis 17 Milliarden Euro bei Biontech. Moderna prognostiziert für das eigene Impfstoff-Geschäft 21 Milliarden Dollar Umsatz. Die Patentauseinandersetzung könnte damit erhebliches finanzielles Gewicht haben, dürfte sich aber über Jahre hinziehen.

    Bereits Anfang Juli hatte die Tübinger Curevac eine Patentverletzungsklage gegen Biontech eingereicht. Auch hier geht es um den Vorwurf, dass Biontech mit seinem Vakzin Schutzrechte im Bereich mRNA verletze. Diese betreffen laut Curevac unter anderem die technische Herstellung von mRNA-Molekülen sowie auch die spezifische Impfstoffformulierung gegen das Coronavirus.

    Grafik

    Biontech wies diese Vorwürfe zurück und erklärte, der Covid-19-Impfstoff basiere auf Biontechs mRNA-Technologie und sei mit Pfizer gemeinsam entwickelt worden. Die Curevac-Klage konterten die beiden Partner Ende Juli mit einer Feststellungsklage bei einem Gericht im US-Bundesstaat Massachusetts. Dort wollen sie ein Urteil erwirken, dass drei der US-Patente von Curevac nicht durch ihren Covid-19-Impfstoff Comirnaty verletzt werden.

    Das Tübinger Unternehmen, das mit seinem eigenen Covid-Impfstoff im ersten Anlauf gescheitert ist, verweist seit Längerem bereits darauf, dass man über eine besonderes breite Patentbasis im mRNA-Bereich verfüge und beruft sich dabei unter anderem auf Untersuchungen der US-Analysefirma Lexisnexis, die etwa außerdem noch Patentdatenbanken analysiert.

    Viele Klagen rund um mRNA-Technologie

    Demnach verfügt Curevac über das stärkste Patentportfolio im mRNA-Bereich, gefolgt von den US-Firmen Gilead und Moderna sowie dem britischen Pharmakonzern Glaxo-Smithkline. Biontech liegt deutlich zurück. Solche quantitativen Analysen sagen allerdings nicht unbedingt etwas aus über die konkrete Stärke und Durchsetzbarkeit von Patenten mit Blick auf einzelne Produkte.

    Zudem sind die Klagen gegen Biontech keineswegs die einzigen auf dem Gebiet der mRNA. Vielmehr gibt es bisher schon einige Verfahren. So klagen in den USA die Biotech-Firmen Arbutus Biopharma und Genevant Sciences gegen den mRNA-Impfstoffhersteller Moderna.

    Die Biotech-Firma Alnylam wiederum, die ebenfalls intensiv an mRNA-basierten Medikamenten arbeitet und bereits mehrere Produkte erfolgreich im Markt eingeführt hat, geht sowohl gegen Moderna als auch gegen Pfizer vor. Sie wirft den beiden Unternehmen vor, dass sie mit der Verpackung ihrer mRNA-Impfstoffe in Lipidpartikel eigene Patente verletze.

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