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02.11.2022

15:10

Pharmaindustrie

Impfstoffumsätze dürften sinken – Was bleibt für die Konzerne vom Coronaboom?

Von: Siegfried Hofmann

Pfizer, Biontech und Moderna hoffen darauf, dass das Covid-Geschäft ein Milliardenmarkt bleibt. Mit Prognosen halten sie sich zurück – und es bleiben Unwägbarkeiten.

Die Unternehmen erwarten im kommenden Jahr sinkende Verkaufszahlen, aber steigende Preise. IMAGO/Christian Ohde

Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna

Die Unternehmen erwarten im kommenden Jahr sinkende Verkaufszahlen, aber steigende Preise.

Frankfurt Das Coronageschäft beschert den führenden Impfstoffherstellern in diesem Jahr erneut sehr hohe Umsätze und Gewinne. Das haben erst am Dienstag die überraschend starken Quartalszahlen von Branchenführer Pfizer gezeigt. Ungewiss bleibt dagegen, wie viel für die Konzerne auf längere Sicht vom Covid-Boom übrig bleibt.

Die Unternehmen selbst tun sich bisher schwer mit konkreten Aussagen. Pfizer erhöhte zwar am Dienstag seine Umsatzprognose für den zusammen mit dem Mainzer Unternehmen Biontech entwickelten Impfstoff Comirnaty um zwei Milliarden auf 34 Milliarden Dollar. Zusammen mit dem Medikament Paxlovid erwartet der US-Konzern im laufenden Jahr 56 Milliarden Dollar Umsatz. Pfizer wagt aber noch keinerlei Prognose für das kommende Jahr.

Firmenchef Albert Bourla schloss auf Nachfrage von Analysten nicht aus, dass Comirnaty und Paxlovid zusammen gegen Ende des Jahrzehnts noch jährliche Umsätze von bis zu 15 Milliarden Dollar generieren könnten. „Auch wenn die Umsätze gegenüber 2022 wohl sinken werden, glauben wir, dass unser Covid-Geschäft auf absehbare Zeit Erlöse in Höhe mehrerer Milliarden generieren wird“, sagte Bourla.

Um welche Dimensionen genau es dabei gehen könnte, bleibt offen. Sowohl der Pfizer-Chef als auch viele Analysten gehen aber bisher davon aus, dass sich mit jährlichen Booster-Impfungen vor allem für ältere und besonders gefährdete Menschen ein Markt ähnlich wie der für Grippe-Impfstoffe entwickeln könnte. Dieser ist etwa sieben Milliarden Dollar schwer.

Der Pfizer-Chef betrachtet dabei 2023 als ein Übergangsjahr. Der Vertrieb der Impfstoffe werde sich zumindest in den USA von Regierungsbestellungen auf den regulären Markt verlagern, auf dem die Käufe privat oder durch Krankenversicherungen finanziert werden.

Corona-Impfstoffe: Geringere Mengen, höhere Preise

Das Covid-Geschäft dürfte dann durch deutlich geringere Absatzmengen bei spürbar höheren Preisen geprägt werden. Pfizer hat bereits angekündigt, dass man für den Covid-Impfstoff im kommerziellen Markt Preise von etwa 110 bis 130 Dollar je Dosis anstrebe, gegenüber 18 Dollar in den ersten Regierungsverträgen. Bereits in den jüngsten Liefervereinbarungen mit der US-Regierung konnte Pfizer höhere Preise durchsetzen.

Das britische Marktforschungsunternehmen Airfinity schätzt, dass die beiden führenden Anbieter Pfizer/Biontech und Moderna 2023 noch etwa 1,6 Milliarden Dosen absetzen dürften, gegenüber drei Milliarden Dosen im laufenden Jahr und 5,7 Milliarden Dosen im Jahr 2021. Der Umsatz der beiden Marktführer mit ihren Covid-Impfstoffen werde aber dank höherer Preise nur um ein Fünftel auf zusammen 47 Milliarden Dollar sinken.

Grafik

Wesentlich verhaltener fallen dagegen die Prognosen der meisten Bankanalysten aus. Nach Daten von Bloomberg rechnen sie im Schnitt für Biontech und Moderna im kommenden Jahr mit Impfstoffumsätzen von jeweils etwa 9,5 Milliarden Dollar, nach erwarteten Einnahmen von 16 Milliarden Dollar bei Biontech und 21 Milliarden bei Moderna im laufenden Jahr. Die Analysten unterstellen also im Schnitt in etwa eine Halbierung der Erlöse.

Aber auch auf diesem Niveau wäre das Geschäft für die beiden Unternehmen noch immer eine üppige Einnahmequelle. Nur ganz wenige Biotechfirmen haben es überhaupt geschafft, mit selbst entwickelten Produkten Milliardenerlöse zu erzielen.

„Wir glauben, dass unser Covid-Geschäft auf absehbare Zeit Erlöse in Höhe mehrerer Milliarden generieren wird.“ Reuters

Pfizer-Chef Albert Bourla

„Wir glauben, dass unser Covid-Geschäft auf absehbare Zeit Erlöse in Höhe mehrerer Milliarden generieren wird.“

Bei Pfizer erwarten die Experten aktuell einen Umsatzrückgang um etwas mehr als ein Fünftel auf 78 Milliarden Dollar. Davon dürften etwa 30 Milliarden Dollar auf den Impfstoff Comirnaty und das Medikament Paxlovid entfallen. Das würde einem Minus von etwa 45 Prozent entsprechen.

Das künftige Marktpotenzial wird dabei nicht nur vom weiteren Pandemieverlauf und von der generellen Impfbereitschaft in der Bevölkerung abhängen. Eine Rolle wird auch spielen, wie schnell die bisherigen staatlichen Vorratskäufe aufgebraucht sein werden und der Übergang auf den kommerziellen Vertrieb mit höheren Preisen erfolgt. In Europa, wo die EU-Kommission allein bei Pfizer/Biontech 900 Millionen Impfstoffdosen fest geordert hat, dürfte das länger dauern als in den USA.

mRNA-Vakzine werden weiter dominieren

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die künftige Konkurrenzsituation. Bisher erwarten Fachleute, dass die beiden Marktführer mit ihren mRNA-Impfstoffen weiter Marktanteile gewinnen. Sie verfügen bereits über einen erheblichen Vorsprung im Markt und mit Blick auf klinische Daten. Zudem bietet die Technologie die größere Flexibilität bei der Entwicklung modifizierter Impfstoffe. Als einzige Hersteller sind sie bereits mit Omikron-spezifischen Vakzinen im Markt.

Die Analysten von Airfinity gehen daher davon aus, dass Pfizer/Biontech und Moderna ihren Marktanteil in den westlichen Ländern von derzeit 87 Prozent auf etwa 94 Prozent im kommenden Jahr ausbauen werden. Potenzielle Konkurrenten wie Novavax und Valneva mussten ihre Absatzprognosen für 2022 bereits deutlich reduzieren. Johnson & Johnson und Astra-Zeneca konnten seit 2021 praktisch keine neuen Lieferverträge mehr abschließen.

Andererseits bleibt das Feld stark in Bewegung und von Unwägbarkeiten geprägt. Sam Fazelli von Bloomberg Research etwa verweist auf erste Analysen, die darauf hindeuteten, dass die bivalenten Omikron-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna nicht wesentlich höhere Antikörperreaktionen erzeugen als eine zweite Booster-Impfung mit dem Original-Vakzin. Das könne doch noch die Tür öffnen für Konkurrenzprodukte, etwa für den Impfstoff von Sanofi und GSK, der sich im Zulassungsverfahren befindet.

Zudem wird auf dem Gebiet weiter eifrig geforscht. Nach letzten Daten der WHO befinden sich weltweit immerhin noch 172 Covid-Impfstoffkandidaten in klinischer Entwicklung.

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