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17.06.2019

17:41

Pharmakonzern

Lukratives Geschäft mit Krebsmedikamenten: Pfizer kauft Biotech-Firma für elf Milliarden Dollar

Von: Katharina Kort, Siegfried Hofmann

Array arbeitet mit Pfizer bereits seit Jahren bei der Entwicklung von Krebsmedikamenten zusammen. Nun übernimmt der Pharmariese die Biotechfirma.

Pfizer kauft Biotech-Firma Array für elf Milliarden Dollar AP

Pfizer-Zentrale in New York

Der Konzern hatte zuletzt stark in sein Portfolio an neuen Krebsmedikamenten investiert.

New York, Frankfurt Der US Pharmakonzern Pfizer hat die nächste Übernahme angekündigt. Für rund elf Milliarden Dollar übernimmt der New Yorker Konzern das Biotechnologie-Spezialisten Array Biopharma aus Colorado, das vor allem für die Entwicklung eines Hautkrebsmittels und andere Krebsmedikamente bekannt ist.

Der Zukauf ist ein weiteres Beispiel für die Strategie der Big-Pharma-Konzerne, ihre eigene Forschung durch milliardenschwere Akquisitionen und Allianzen zu ergänzen. Sie stehen in dieser Hinsicht zum Teil unter Druck, weil die eigenen Labore nicht genügend Produkte liefern, um das Geschäft langfristig voranzutreiben. Vor allem das Geschäft mit Krebsmitteln steht dabei stark im Fokus.

Hintergrund sind die großen wissenschaftlichen Fortschritte und die weiterhin starken Wachstumsperspektiven in diesem Segment des Pharmamarkts. Die 20 führenden Anbieter im Onkologiegeschäft setzten im vergangenen Jahr nach Berechnung des Handelsblatts rund 120 Milliarden Dollar mit Krebsmedikamenten um. Das waren 17 Prozent mehr als im Vorjahr und währungsbereinigt ein Plus von schätzungsweise 13 bis 14 Prozent. Der Gesamtmarkt dürfte auf mehr als 130 Milliarden Dollar gewachsen sein.

Die britische Analysefirma Evaluate Pharma, die Prognosen aus den aggregierten Schätzungen von Bankanalysten ableitet, kalkulierte zuletzt mit einem durchschnittlichen Wachstum von zwölf Prozent für Onkologiemedikamente. Der Teilbereich des Pharmamarkts dürfte danach bis 2024 auf mehr als 230 Milliarden Dollar zulegen, der Anteil am Gesamtmarkt auf rund 20 Prozent steigen. Zu Beginn des Jahrzehnts lag dieser noch bei weniger als zehn Prozent. Und selbst diese Prognosen sind – gemessen an den aktuellen Umsatzzahlen – womöglich noch zu konservativ.

Auch die M&A-Aktivität der Pharmabranche hat sich daher zuletzt stark in Richtung Onkologie verlagert. Fast alle größeren Deals der jüngeren Zeit zielten auf einen Ausbau der Position in diesem Segment des Markts. An vorderster Front steht dabei die Anfang des Jahres vereinbarte Übernahme des US-Biotechunternehmens Celgene durch Bristol-Myers Squibb (BMS), der mit einem Volumen von rund 88 Milliarden Dollar bisher größte Deal in der Pharmabranche überhaupt.

Durch diese Akquisition wird BMS voraussichtlich zum Marktführer Roche aufschließen. Celgene selbst hatte sich im Jahr zuvor bereits durch den Kauf der Firma Juno verstärkt, eines Spezialisten für neuartige Zelltherapien gegen Krebs.

Teure Allianzen

Merck & Co erwarb unterdessen vor wenigen Wochen die Biotechfirma Peloton, die an neuen Mitteln gegen Nierenkrebs arbeitet. Eli Lilly schluckte für acht Milliarden Dollar den Bayer-Partner Loxo Oncology, der neuartige Wirkstoffe gegen spezifische, tumorrelevante Genmutationen erforscht. Die britische Glaxo-Smithkline (GSK) unterstrich ihre Rückkehr ins Krebsmittelgeschäft im vergangenen Jahr mit der Übernahme der US-Firma Tesaro für gut fünf Milliarden Dollar.

Hinzu kommen eine Reihe großer Allianzen im Bereich der Produktentwicklung. So will GSK bis zu 3,7 Milliarden Euro in eine Kooperation mit der deutschen Merck-Gruppe und die gemeinsame Entwicklung von deren Krebswirkstoff Bintrafusp alfa investieren.

Der britische Konkurrent Astra-Zeneca verstärkte sein Produktprogramm jüngst über eine bis zu 6,9 Milliarden Dollar schwere Allianz mit der japanischen Daiichi Sankyo für die gemeinsame Entwicklung eines neuen Brustkrebsmedikaments. Alles in allem ist die Onkologie inzwischen für etwa die Hälfte der Big-Pharma-Konzerne strategischer Schwerpunkt und wichtigstes Forschungsgebiet.

Pfizer hat im Onkologiegeschäft weiter Nachholbedarf. Der US-Konzern ist mit insgesamt rund 50 Milliarden Dollar Pharmaumsatz zwar nach wie vor der weltweit größte Anbieter von Arzneimitteln, er liegt bei Krebsmitteln indessen trotz solider Wachstumsraten mit 7,2 Milliarden Dollar Umsatz gegenüber den führenden Anbietern Roche, Novartis und BMS noch deutlich zurück. Konkurrenten wie Merck & Co, Astra-Zeneca oder Johnson & Johnson legten zuletzt auf dem Gebiet stärker zu.

Breitere Produktpalette

Dabei hatte sich auch Pfizer in den letzten Jahren bereits durch Zukäufe in dem Bereich verstärkt. Der größte Deal des US-Konzerns im Onkologiebereich war bisher die Übernahme der US-Firma Medivation für 14 Milliarden Dollar im Jahr 2016. Deutlichen Auftrieb erhielt das Onkologiegeschäft von Pfizer zudem durch das erfolgreiche Brustkrebsmittel Ibrance, das 2018 allein rund 4,1 Milliarden Dollar Umsatz lieferte.

Ausgerechnet auf dem boomenden Feld der Krebs-Immuntherapie ist der US-Konzern dagegen bisher nur relativ schwach vertreten. Der Wirkstoff Bavencio, den Pfizer in Kooperation mit der deutschen Merck-Gruppe auf dem Gebiet entwickelt, wurde bislang nur für Nischenbereiche zugelassen.

Mit der Übernahme der Firma Array, mit der Pfizer bisher bereits zusammenarbeitet, kann der Konzern nun seine Produktpalette im Bereich der sogenannten zielgerichteten Krebsmittel weiter verbreitern. Er erhält Zugriff auf eine neue, 2018 von der FDA zugelassene Kombinationsbehandlung für die tödlichste Form von Hautkrebs. Außerdem hat Array eine ganze Reihe weiterer Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung, darunter ein aussichtsreiches Darmkrebsmittel.

Allerdings ist ein Großteil der Projekte bereits „verpartnert“. Das heißt, im Zuge von Allianzen wurden bereits Vertriebslizenzen an andere Pharmafirmen vergeben. Die beiden Top-Produkte gegen Hautkrebs zum Beispiel werden in erster Linie von der französischen Pierre Fabre und der japanischen Firma Ono Pharma vermarktet.

Pfizer-Chef Albert Bourla ist trotzdem von seinem jüngsten Deal überzeugt. Die Übernahme könne „potenziell ein branchenführendes Franchise für Darmkrebs neben der existierenden Expertise von Pfizer in Brustkrebs und Prostatakrebs schaffen“, sagte der seit Januar amtierende Pfizer-Vorstandsvorsitzende.

Pfizer rechnet damit, dass der Kauf in der zweiten Jahreshälfte abgeschlossen wird. Der Aktienkurs von Array kletterte im vorbörslichen Handel um 60 Prozent. Pfizer zahlt 48 Dollar pro Aktie. Das entspricht 10,6 Milliarden Dollar. Außerdem übernimmt der New Yorker Pharmakonzern Schulden, sodass sich der Gesamtpreis auf 11,4 Milliarden beläuft.

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