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14.12.2021

12:17

Präzisions-Psychiatrie

HMNC Brain Health: Mit personalisierter Therapie gegen Depression

Von: Maike Telgheder

Benedikt von Braunmühl will mit der kleinen Münchener Pharmafirma neue Ansätze bei der Therapie von mentalen Erkrankungen erforschen. In den USA wirbt er bereits um Investoren.

Das Münchener Unternehmen HMNC Brain Health erforscht neue Ansätze in der Behandlung von mentalen Erkrankungen. imago images/Science Photo Library

Mann mit Depressionen

Das Münchener Unternehmen HMNC Brain Health erforscht neue Ansätze in der Behandlung von mentalen Erkrankungen.

Frankfurt Benedikt von Braunmühl hat große Pläne: Das von ihm geführte Münchener Biopharmaunternehmen HMNC Brain Health will bei der Behandlung von Depressionen eine neue Ära einläuten. Präzisions-Psychiatrie ist das Stichwort: In einer groß angelegten klinischen Studie soll ab kommendem Jahr ein personalisierter Therapieansatz bei der Behandlung von Depressionen erprobt werden.

„Precision Therapy“ ist in der Onkologie längst etabliert: Ein diagnostischer Test ermittelt, ob ein Krebspatient eine bestimmte Mutation aufweist, damit er für eine darauf ausgerichtete Behandlung infrage kommt oder nicht. Bei der Behandlung von Depressionen gibt es das bisher nicht.

„Die traditionellen ‚One size fits all‘-Behandlungsmodelle funktionieren für viele Patienten nicht“, sagt von Braunmühl im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir verstehen die Schnittstelle von Genetik und Depression und wollen darauf unsere zielgerichteten Behandlungen aufbauen.“

Der erfahrene Pharma- und Diagnostikexperte führt das Unternehmen mit 15 Beschäftigten seit Mai dieses Jahres. Er ist Teil eines insgesamt erweiterten Vorstandsteams, das das bisher sehr stark forschungsorientierte Biopharmaunternehmen in Richtung Kommerzialisierung und Marktreife aufstellt. Wichtiger Treiber dieser Neuausrichtung ist Aufsichtsratschef Franz Humer, ehemaliger CEO des Schweizer Roche-Konzerns, der zu den Pionieren bei personalisierter Medizin zählt.

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    Gegründet wurde HMNC Brain Health 2010 von dem international bekannten Depressionsforscher Florian Holsboer und Unternehmer Carsten Maschmeyer. Die Initialen stehen für „Holsboer Maschmeyer Neurochemie“. Im Gegensatz zu Biotechunternehmen erforscht und entwickelt HMNC seine Medikamente nicht selbst, sondern sucht neue Einsatzmöglichkeiten für bereits erforschte und erprobte Präparate.

    Der erfahrene Pharma- und Diagnostikexperte soll mit seinem Vorstandsteam das Unternehmen in Richtung Kommerzialisierung und Marktreife aufstellen. HMNC Brain Health

    Benedikt von Braunmühl

    Der erfahrene Pharma- und Diagnostikexperte soll mit seinem Vorstandsteam das Unternehmen in Richtung Kommerzialisierung und Marktreife aufstellen.

    Das Medikament Nelivabon wurde beispielsweise vom französischen Pharmakonzern Sanofi einlizenziert. Dort hatte es in Studien nicht die gewünschte Wirkung erbracht. Holsboer, langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, hat in seinen Forschungen den Grund herausgefunden: Nelivabon wirkt nur bei einer bestimmten Gruppe von Patienten, nämlich denen, die einen erhöhten Spiegel des Hormons Vasopressin haben.

    Also wurde ein diagnostischer Test entwickelt, um diese Patientengruppe, die rund 30 Prozent der Gesamtheit ausmacht, herauszufiltern. Eine groß angelegte klinische Studie, die zeigen soll, dass diese personalisierte Depressionstherapie mit Nelivabon wirkt, will HMNC Brain Health nun im kommenden Jahr starten.

    In einer weiteren Studie wird das Unternehmen untersuchen, inwieweit das Narkosemittel Ketamin in einer niedrigeren Dosierung eine depressionslösende Wirkung hat. Im Fokus sind dabei Patienten, die gegen Standard-Antidepressiva resistent sind. Beide Studien sind in der zweiten klinischen Studienphase angesiedelt. Insgesamt muss ein Medikament drei Studienphasen erfolgreich durchlaufen, damit ein Zulassungsantrag gestellt werden kann.

    HMNC hat frisches Geld für Studien eingesammelt

    Von Braunmühl hofft, dass beide Studien zu Ketamin und Nelivabon schon nach wenigen Monaten positive Ergebnisse liefen. Sie werden von großen Auftragsorganisationen durchgeführt. Das Geld für die Studien hat HMNC kürzlich in einer neuen Finanzierungsrunde über neun Millionen Euro eingesammelt, womit sich die Gesamtsumme der bisher eingeworbenen Mittel auf 28 Millionen Euro summiert.

    Die Kapitalerhöhung in Form einer Wandelanleihe wurde von Family-Offices, darunter die von Carsten Maschmeyer, der Familie Jahr und des Finanz- und Immobilienunternehmers Guntard Gutmann, bereitgestellt.

    Und dann kam noch ein strategischer Investor hinzu. Wilhelm Beier, Gründer und Mehrheitsaktionär des Pharmaunternehmens Dermapharm, beteiligte sich mit einem mittleren einstelligen Millionenbetrag. „HMNC Brain Health ist ein wahrer Pionier in der individualisierten Therapie für psychische Erkrankungen“, sagt Beier. Er habe über die letzten Jahre die Entwicklung der Firma verfolgt: vom wissenschaftlichen Ansatz von Depressionsforscher Holsboer über die ersten klinischen Studien bis hin zu der groß angelegten Finanzierungsrunde, mit der das Unternehmen seine strategische Agenda nun weiter voranbringen will.

    Er sei überzeugt, dass HMNC Brain Health auf dem richtigen Weg ist, um vielen Millionen Patienten zu helfen, sagt Beier: „Der Ansatz, Behandlungen und Wirkstoffe passgenau auf Patienten auszurichten, ist die Zukunft der Medizin – auch und gerade bei Depressionen.“

    Firmenchef von Braunmühl wiederum freut sich über den strategischen Input seines neuen Investors: „Wilhelm Beier ist ein Entrepreneur im Pharmamarkt und ein Vertriebsprofi. Er hat ein gutes Gespür für die Marktentwicklungen und Innovationen.“

    Mental Health, da ist sich von Braunmühl sicher, wird die nächste große Welle in der Gesundbranche. Die Coronapandemie trage dazu sicher auch einen Teil bei. „Laut WHO wird Depression 2030 Krebs als die am häufigsten diagnostizierte Krankheit überholt haben. Die sozioökonomischen Auswirkungen werden auf sechs Billionen Dollar geschätzt“, sagt von Braunmühl.

    Auch Börsengang ist eine Option

    HMNC will eine führende Rolle bei der Behandlung von Depressionen spielen, deshalb drückt der Firmenchef jetzt aufs Tempo. Von Braunmühl führt bereits Gespräche mit internationalen Investoren, um die Finanzierungen für die teuren, zulassungsrelevanten Studien zu sichern.

    „Wenn alles läuft wie geplant, könnte Mitte 2023 die Phase-3-Studie für Ketamin starten und Ende 2023 die für Nelivabon. Wir wollen die Studien dann auch in den USA aufsetzen, weil das der für uns größte und wichtigste Markt ist“, erklärt von Braunmühl. Insgesamt strebe HMNC Brain Health eine Finanzierungsrunde von mindestens 50 Millionen Dollar an.

    Die Zukunft von HMNC sieht er in der Weiterentwicklung als eigenständiges Unternehmen. Der Verkauf eines Medikamentenprojekts an Big Pharma sei eher unwahrscheinlich, eine Kooperation kann sich von Braunmühl aber gut vorstellen. „Biontech und Pfizer liefern hier ein gutes Beispiel, wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit aussehen kann“, sagt er.

    Auch ein Börsengang könne eine Option sein: Sicher werde man eines Tages auch über das Thema sprechen müssen, ist von Braunmühl überzeugt. „Aber jetzt konzentrieren wir uns erst einmal auf die neue Finanzierungsrunde“, sagt er.
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