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17.11.2022

19:33

Quartalszahlen

Biotech-Pionier Morphosys steckt nach Medikamenten-Fehlschlägen in der Vertrauenskrise

Von: Siegfried Hofmann

Nach den jüngsten Enttäuschungen ist das Unternehmen an der Börse nur noch halb so viel wert wie seine Cash-Reserven hoch sind. Firmenchef Kress sieht Morphosys in der Forschung aber auf Kurs.

Der Aktienkurs von Morphosys kann sich weiterhin nicht erholen. IMAGO/Westend61

Medizinische Forschung (Symbolbild)

Der Aktienkurs von Morphosys kann sich weiterhin nicht erholen.

Frankfurt Nach Fehlschlägen bei Forschungspartnern und enttäuschenden Umsatzzahlen beim ersten eigenen Medikament steckt das Münchner Biotechunternehmen Morphosys in einer Vertrauenskrise am Kapitalmarkt. Daran änderten auch die am Donnerstag vorgelegten Zahlen für das dritte Quartal sowie zuversichtliche Äußerungen von Firmenchef Jean-Paul Kress wenig.

Zwar machten die Münchner dank höherer Lizenzerträge mit 96 Millionen Euro mehr als doppelt so viel Umsatz wie im Vorjahresquartal und senkten den Betriebsverlust von 82 auf 29 Millionen Euro. Unter dem Strich stand dennoch ein um zehn Millionen auf 123 Millionen Euro gesteigerter Nettoverlust. In den ersten neun Monaten insgesamt verdreifachte das Unternehmen den Fehlbetrag zum Vorjahr sogar auf 480 Millionen Euro.

Für Enttäuschung bei den Morphosys-Investoren sorgte zuletzt vor allem der Fehlschlag des Schweizer Roche-Konzerns mit seinem Alzheimer-Mittel Gantenerumab, das ursprünglich aus der Forschung von Morphosys stammt. Wenige Wochen zuvor gab der britische Pharmakonzern und Morphosys-Partner GSK die Arbeit an einem potenziellen Rheumamedikament auf, das ebenfalls auf Technologie von Morphosys beruhte.

Für das in eigener Regie entwickelte und seit gut zwei Jahren zugelassene Blutkrebsmittel Monjuvi wiederum musste das Unternehmen die Umsatzprognosen wiederholt nach unten korrigieren: Für 2022 erwartet Morphosys nur noch Erlöse von 90 Millionen Dollar, der untere Rand der zuvor prognostizierten Spanne von 90 bis 110 Millionen Dollar.

Firmenchef Kress sieht Morphosys dessen ungeachtet weiter auf Kurs, sein Produktprogramm in den nächsten Jahren auszubauen. Im Quartals-Call mit Analysten verwies er am Donnerstag unter anderem auf erste positive Daten für einen Wirkstoff namens Tulmimetostat, der in einer frühen Testphase gegen verschiedene Krebsarten erprobt wird.

Hoffnung liegt auf Neuentwicklungen

Größte Hoffnungen ruhen weiter auf dem Wirkstoff Pelabresib, den Morphosys 2021 zusammen mit der US-Firma Constellation Pharmaceuticals erwarb und in einer Phase-3-Studie gegen Myelofibrose testet. Dabei handelt es sich um eine eher seltene krebsähnliche Erkrankung, bei der blutbildende Zellen im Knochenmark von Bindegewebe überwuchert werden. „Im Falle der Zulassung hat Pelabresib das Potenzial, den Behandlungsstandard in dieser Krankheit zu ändern und mehr als eine Milliarde Dollar Spitzenumsatz zu erzielen“, sagte Kress am Donnerstag. Entscheidende Daten für eine mögliche Zulassung erwartet Morphosys für das erste Halbjahr 2024.

Auch in das Blutkrebsmittel Monjuvi setzt Morphosys weiter große Hoffnungen. Der Wirkstoff ist bisher als sogenannte Zweit- und Drittlinientherapie zur Behandlung von B-Zell-Lymphomen bei Patienten zugelassen, bei denen etablierte Medikamente nicht mehr wirken. In diesem Bereich gibt es inzwischen jedoch viel Konkurrenz durch Neuentwicklungen wie das Medikament Polivy von Roche und neuartige Zelltherapien der US-Firmen Bristol-Myers Squibb und Gilead. Größeres Potenzial für Monjuvi verspricht sich Morphosys daher vor allem in der Erstlinienbehandlung von Lymphomen. Die klinische Studie läuft hier aber noch.

Morphosys-Aktie: 85 Prozent Kursverlust seit Ende 2020

Investoren zeigen bisher wenig Vertrauen in diese Zukunftsperspektiven. Die Morphosys-Aktie legte am Donnerstag zwar um etwa vier Prozent zu, konnte damit aber die Kursverluste der letzten Monate bei Weitem nicht kompensieren. Seit Jahresbeginn hat die Aktie an der Börse rund 55 Prozent verloren, seit Ende 2020 sogar etwa 85 Prozent.

Mit einer Marktkapitalisierung von nur noch rund 500 Millionen Euro ist der Börsenwert von Morphosys aktuell nur noch halb so hoch wie der eigene Bestand an liquiden Mitteln. Theoretisch könnte ein Käufer die Firma übernehmen, den Kaufpreis aus dem Cash-Bestand von Morphosys zahlen und könnte von den restlichen Finanzreserven die umfangreiche Forschung der Münchner noch etwa eineinhalb Jahre lang weiterführen.

Allerdings stehen den Cashreserven auch eine relativ komplexe Bilanzstruktur und ein negatives Eigenkapital von minus 86 Millionen Euro gegenüber. Ein maßgeblicher Faktor dabei ist nicht zuletzt die Constellation-Übernahme, die Morphosys mit dem Verkauf eines Großteils seiner potenziellen Lizenzerträge an die amerikanische Finanzfirma Royalty Pharma refinanzierte. Die durch diesen Deal begründeten potenziellen Zahlungsverpflichtungen an Royalty Pharma bilanziert das Unternehmen seither als milliardenschwere Verbindlichkeit. Diese steigen, wenn sich die Erwartungen für die Lizenzeinnahmen verbessern.

Das wiederum führte in den ersten neun Monaten 2022 zu fast 300 Millionen Finanzaufwand aufgrund höherer Schätzungen für die weiterzureichenden Lizenzerträge und war damit maßgeblich verantwortlich für den hohen Fehlbetrag.

Im vierten Quartal dagegen wird sich der Effekt vermutlich wieder umkehren. Denn mit dem Fehlschlag beim Alzheimer-Mittel Gantenerumab dürften sich die geschätzten Lizenzerträge und Zahlungsverpflichtungen wieder reduzieren. Immerhin 60 Prozent der potenziellen Gantenerumab-Lizenzeinnahmen hätten Royalty Pharma zugestanden. In der Morphosys-Bilanz dürfte sich dieser Flop daher paradoxerweise positiv niederschlagen.

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