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01.08.2019

17:17

Rassismusvorfälle

Mit seiner Haltung gegen rechts wird der Daimler-Chef zum öffentlichen Vorbild

Von: Franz Hubik, Dietmar Neuerer, Alexander Demling

Investoren, Politiker und Ökonomen bestärken Daimler-Chef Källenius, gegen fremdenfeindliche Hetzer vorzugehen. Seine Haltung habe Vorbildfunktion.

Der Chef des Autobauers wird mit seiner Haltung gegen rechts zum Vorbild. imago images / Stefan Zeitz

Daimler-Chef Ola Källenius

Der Chef des Autobauers wird mit seiner Haltung gegen rechts zum Vorbild.

München, Berlin, Düsseldorf Sie nannten ihn „Arschloch“, schickten ihm Hakenkreuzbilder, rassistische Texte und diffamierende Sprachnachrichten. Zwischen Dezember 2017 und März 2018 wurde ein türkischstämmiger Daimler-Mitarbeiter und Vertrauensmann der Gewerkschaft IG Metall nach Auffassung des Arbeitsgerichts Stuttgart von zwei seiner Kollegen „massiv mehrfach verbal beleidigt“.

Einer der mutmaßlichen Peiniger versandte über den Messenger-Dienst WhatsApp beispielsweise eine Bilddatei, die einen Soldaten mit einem Maschinengewehr zeigt, darunter steht der Satz: „Das schnellste Asylverfahren lehnt bis zu 1400 Anträge in einer Minute ab!“ In einer weiteren Nachricht ist eine junge Frau abgebildet, deren Hände ein Hakenkreuz bilden, dazu der Text: „Das wäre MEINE Bundeskanzlerin“. Auch ein Video mit dem Ton einer nationalsozialistischen Rede, die in „Sieg Heil“-Rufen endete, verschickte der Mann.

Sein Opfer wandte sich nach Monaten des Psychoterrors Ende März 2018 an seinen Vorgesetzten bei Daimler. Der Werksermittlungsdienst im Stammwerk des Autobauers in Stuttgart-Untertürkheim nahm seine Arbeit auf. Anfang April 2018 kündigte Daimler den beiden Mitarbeitern fristlos, die ihren Kollegen vielfach fremdenfeindlich beleidigt hatten. Das Arbeitsgericht Stuttgart bestätigte nun in erster Instanz, dass die Kündigungen rechtswirksam sind.

Die Enthüllungen über den Fall, die aus dem Urteil der Stuttgarter Richter detailreich hervorgehen, sowie der Versuch der rechten Mini-Gewerkschaft Zentrum Automobil (ZA), mithilfe eines 35-minütigen Videos die mutmaßlichen Täter als Opfer darzustellen, wühlen die 300.000 Mitarbeiter des Mercedes-Herstellers auf.

Am Mittwoch bezog Konzernchef Ola Källenius dann klar Stellung: „Daimler ist nicht nur ein Innovations- und Jobmotor, sondern auch ein Motor für Integration. Wir sind so divers wie unsere Kunden. Diese Vielfalt macht uns stark. Deshalb haben Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz bei uns keinen Platz.“

Interne und externe Unterstützung

Die deutlichen Worte von Källenius stoßen intern und extern auf breite Unterstützung. Das Statement des Managers erhielt im Intranet mehr als 1300 Likes, Dutzende Mitarbeiter hinterließen positive Kommentare. Auch Investoren, Politiker und Wirtschaftsforscher bestärken den Daimler-Chef in seiner eindeutigen Haltung gegen Rassismus und Mobbing. „Källenius musste Daimler vor einem drohenden Reputationsverlust schützen. Das hat er getan und dafür genau die richtigen Worte gefunden“, lobte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei so einem heiklen Thema dürfe nicht einmal der Anschein erweckt werden, man gehe leichtfertig mit Vorwürfen um, erklärte Tüngler: „Dass Källenius das gleich zu Beginn seiner Amtszeit klarmacht und mit harter Hand vorgeht, unterstützen wir vollumfänglich.“

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), forderten nach der Positionierung von Daimler-Chef Källenius alle Unternehmen dazu auf, gegen rechte Hetzer vorzugehen.

„Es ist wichtig, dass Unternehmen klare Kante zeigen und sich deutlich für eine weltoffene Gesellschaft einsetzen. Diese Botschaft muss man auch leben, indem man sich konsequent gegen Diskriminierung und Intoleranz im eigenen Unternehmen wehrt“, sagte Lambrecht dem Handelsblatt. Wenn Hass geschürt wird und Menschen attackiert werden, dürfe niemand wegschauen und weghören. „Wir erleben, wie aus Worten Taten werden.“

Widmann-Mauz nannte es „richtig und wichtig, wenn Unternehmen, wie jetzt Daimler, Flagge zeigen und sich klar gegen Rassismus positionieren“. Vielfalt und ein gelingendes Miteinander in Betrieb und Gesellschaft „sind schlicht ein Muss für Deutschland als Exportnation“, sagte die CDU-Politikerin dem Handelsblatt. „Wer diese gesellschaftliche Vielfalt als Gefahr propagiert, grenzt nicht nur aus, sondern schadet unserem Standort, der auf Fachkräfte angewiesen ist, wenn wir Innovation, Beschäftigung und Wohlstand erhalten wollen.“

Führende heimische Ökonomen sehen das ähnlich. „Viel mehr der deutschen Unternehmen sollten sich klarer gegen Fremdenfeindlichkeit und für Offenheit und Toleranz aussprechen“, sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Handelsblatt. Auch aus Eigeninteresse, fügte er hinzu. Denn die deutsche Wirtschaft sei stark auf Zuwanderung angewiesen, was sich durch den demografischen Wandel nochmals verstärken werde.

Vielfalt aktiv fördern

Fratzscher empfiehlt Unternehmen daher, Vielfalt aktiv zu fördern. „Es ist nicht nur so, dass keine ausländischen Fachkräfte in einem intoleranten Unternehmen arbeiten wollen, sondern auch die große Mehrzahl der Deutschen will nicht in einem engstirnigen, intoleranten Unternehmen arbeiten“, sagte der Ökonom. „Vielfalt und Offenheit sind Erfolgsgaranten für Unternehmen in einer globalen Wirtschaft.“

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), begrüßte die unmissverständliche Position von Källenius. Das wirke der Verrohung des öffentlichen Raums entgegen. Unternehmer, Unternehmerinnen und Unternehmen seien „Akteure im öffentlichen Raum und tragen deshalb systematisch Mitverantwortung für den gesellschaftlichen Diskurs und Umgang“, sagte Hüther dem Handelsblatt. Dabei gelte jedoch: „Glaubwürdig ist extern nur, wer intern konsistent handelt.“

Neben Daimler kämpfen auch andere Konzerne mit rassistischen Vorfällen. Die Unternehmen sind ein Abbild der Gesellschaft. So verwundert es nicht, dass der ultrarechte Verein ZA auch bei BMW und Porsche in Leipzig oder Opel in Rüsselsheim aktiv ist und Betriebsratsmandate hat. Das Untertürkheimer Daimler-Werk ist aber so etwas wie der Geburtsort der Mini-Gewerkschaft.

Hier wurde sie gegründet, hier stellt sie sechs der insgesamt 47 Betriebsräte. Ihr Chef Oliver Hilburger arbeitet seit 30 Jahren „beim Daimler“ und pflegt Kontakte zum rechtsextremen Flügel der AfD. Die Entlassung der ausländerfeindlich agierenden Mitarbeiter für eine Kampagne zu nutzen passt zur Strategie des ZA. Sie sucht öffentlichkeitswirksame Gelegenheiten, um die IG Metall als mit dem Topmanagement verbandelt und vom einfachen Arbeiter entfremdet darzustellen.

Hilburger polarisiert bewusst. Bei den letzten Betriebsratswahlen Anfang 2018 ist sein ZA mit dieser Taktik, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau, gewachsen. In Summe stehen in den deutschlandweit etwa 11.000 Industriebetrieben aber 19 rechten Betriebsräten mehr als 73.000 IG-Metaller und Vertreter anderer, moderater Fraktionen gegenüber.

Mehr: Daimler-Chef Källenius bezieht Stellung gegen rechte Hetze in seinem Konzern. Die Bundesregierung sieht auch andere Unternehmen in der Pflicht.

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