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26.12.2018

15:41

Report

Die Geschichten von Frauen, die über Nacht zu Unternehmerinnen wurden

Von: Martin-W. Buchenau, Joachim Hofer

Wenn Menschen sterben, drängen einige Entscheidungen. So haben sich vier Frauen schnell und mutig dazu entschlossen, die Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen.

In der Männerdomäne behauptet. GEZE

Brigitte Vöster-Alber

In der Männerdomäne behauptet.

Stuttgart, MünchenBrigitte Vöster-Alber wollte Tierärztin werden. Wie das mit Jugendträumen von Unternehmerkindern so ist, aus vielen wird dann doch nichts. Die Gründe dafür waren allerdings gravierend. Der Familie Vöster gehört die 1863 von drei Handwerksmeistern gegründete Firma Geze.

1963 starb ihr Vater, der zusammen mit dem Großvater das Unternehmen für Baubeschläge und Skibindungen führte. Er wurde nur 48 Jahre alt. Da war sie noch keine 20. Statt Tiermedizin zu studieren, schrieb sie sich für Wirtschaftswissenschaften in Nürnberg ein.

Fünf Jahre später der nächste Schlag. Ihr Großvater starb ebenfalls. Zuvor hatte er der Enkelin aber noch die Anteile überschrieben. Mit 24 Jahren wurde Vöster-Alber von einem auf den anderen Tag Unternehmerin.

Sie zögerte nicht, die Herausforderung anzunehmen. „Ich musste jetzt“, sagte sie einmal. Aber sie wollte auch. So wie die inzwischen 74-jährige Geze-Eigentümerin, so haben sich auch andere Frauen schnell und mutig bei Todesfällen dazu entschlossen, die Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen.

Renate Pilz traf das Schicksal aus heiterem Himmel. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, ihre Tage jemals am Schreibtisch zu verbringen. Als ihr Mann Peter 1975 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, war sie 35 Jahre alt, Hausfrau und Mutter zweier Kinder. „Nicht wenige rieten mir, das Unternehmen für Sicherheitstechnik und Automation zu verkaufen“, erinnert sich die heute 78-Jährige, „aber ich konnte es nicht weggeben. Mein Mann hat ein gutes Unternehmen aufgebaut. Es war ein Stück von ihm. Dadurch hat er weitergelebt.“

Bis zum 25. November 2008 hatte auch die Frankfurter Pfarrerstochter Alexandra Schörghuber nicht vor, einmal auf dem Chefsessel Platz zu nehmen. Doch dann erlag ihr Mann, Stefan Schörghuber, völlig unerwartet mit 47 Jahren einem Herzinfarkt. Über Nacht musste die gelernte Hotelkauffrau, die sich bis dahin um die Lachszucht der Familie in Chile gekümmert hatte, einen Konzern mit mehr als 6.000 Mitarbeitern führen.

Sie zögerte nicht. Nur wenige Stunden nach dem Tod ihres Mannes trat sie vor die Mitarbeiter: „Die Schörghuber-Unternehmensgruppe wird bleiben, was sie ist“, beteuerte sie. Und fügte mit Nachdruck hinzu: „Mein Mann stand bei Mitarbeitern und Geschäftspartnern für Verlässlichkeit, Stabilität und langfristiges Denken und Handeln. Ich werde dafür sorgen, dass diese Werte auch in Zukunft unser Handeln bestimmen.“

Die Führung der Dachgesellschaft, der Schörghuber Stiftung & Co. Holding KG, hat die 60-Jährige zwar schon kurz nach dem Todesfall Klaus Naeve übertragen, dem langjährigen Steuerberater und engen Vertrauten der Familie. Den Chefposten habe sie sich „nicht zugetraut“, gesteht sie. Als stellvertretende Vorstandsvorsitzende ist sie jedoch bis heute nah am Tagesgeschäft dran. „Ich bin mittendrin“, betont sie, dadurch sei ihr Unternehmen schnell und wendig.

Waltraud Lenhart fand ein wenig bessere Voraussetzungen vor. Die Eigentümerin des Ski- und Wanderstockherstellers Leki hatte schon jahrelang in dem schwäbischen Familienbetrieb mitgearbeitet, als ihr Mann Klaus 2012 bei einem Flugzeugabsturz umkam.

Lenhart war ein begnadeter Tüftler und hielt alle Fäden bei Leki in der Hand. Waltraud Lenhart zögerte nach dem tödlichen Unfall trotzdem keine Minute, die Verantwortung zu übernehmen. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, die Firma abzustoßen. Interessenten gab es genug.

Keine Angst vor der Verantwortung

Von einem Verkauf wollte die 61-Jährige allerdings nie etwas wissen. Ihr kam zugute, dass sie ihrem Gatten über Jahrzehnte den Rücken freihielt in der Firma. Daher war sie gut informiert. Dessen offene Art zahlte sich nach dem tragischen Unglück aus. In vielen Dingen wusste Waltraud Lenhart Bescheid, wenn auch nicht im Detail.

Angst habe sie vor der Verantwortung nicht gehabt, sagt die ehemalige Lehrerin für Sport und Werken. Vor Menschen zu stehen und zu reden macht sie nicht nervös. Sie spricht ruhig, gibt sich zurückhaltend, hat aber klare Vorstellungen.

Selbstbewusst aufzutreten war auch für Geze-Besitzerin Vöster-Alber vom ersten Tag an unerlässlich in der Baubranche. „Ich musste mich in einer Männerdomäne zurechtfinden und behaupten“, sagt sie. Den Satz: „Kann ich mal den Chef sprechen“ musste sie sich häufig anhören. Schön war das nicht.

Doch sie hat sich durchgesetzt. Die geschäftsführende Gesellschafterin feierte vergangenen Sommer ein großes Jubiläum. 50 Jahre ist sie inzwischen Chefin des Mittelständlers mit 430 Millionen Euro Umsatz und 3.000 Beschäftigten. Heute zählen die Leonberger zu den führenden Anbietern von Tür-, Fenster- und Sicherheitstechnik sowie von automatischen Türsystemen und Gebäudeautomation. Die Schwaben gelten als einer der Vorreiter, wenn es um das sogenannte Smart Home geht.

Für Renate Pilz bedeutete die Entscheidung, die Firma zu behalten, zunächst einmal unendlich lange Tage. Wenn Sohn und Tochter in der Schule waren oder abends im Bett, dann beschäftigte sie sich mit elektrischen Schaltkreisen. Als beide das Haus schließlich zum Studium verließen, wurde der Chefposten im Unternehmen vakant.

Und Renate Pilz entschied, voll ins operative Geschäft einzusteigen. „Ich habe damals die Erfahrung gemacht, wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch“, sagt Pilz, „Man glaubt gar nicht, was man so leisten kann.“

Die großen Entscheidungen – die Serie

Die Idee der Serie

Zum Jahreswechsel überdenken wir getroffene Entscheidungen und setzen uns neue Ziele. Wer entscheiden kann, hat Macht. Trägt aber auch Verantwortung. Davon erzählt diese achtteilige Serie.

Teil 1 – Die Rückkehr der Ungewissheit
Teil 2 – Unternehmerin über Nacht
Teil 3 – Wenn nicht nur der Chef entscheidet
Teil 4 – Interview mit Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes
Teil 5 – Bosch und Infineon: Zwei Unternehmen stellen sich gegen den Trend
Teil 6 – Wer trägt die Verantwortung, wenn der Algorithmus sich irrt?
Teil 7 – Wie der Spielehersteller Wooga seine Krise überwunden hat
Teil 8 – Warum Manager zu Selbstüberschätzung neigen

Renate Pilz ist sogar das Kunststück gelungen, Industriestandards zu setzen. Jeder kennt ein Pilz-Produkt: den knallroten Knopf, der seit 1987 per Knopfdruck jedes Band zum Stehen bringt. Sie entwickelte auch optische Überwachungssysteme, die Absperrgitter überflüssig machen. Pilz ist heute mit über 340 Millionen Euro Umsatz und 2.300 Beschäftigten einer der innovativsten Mittelständler. So hat Pilz neuartige Lichtgitter erfunden, mit denen die Zusammenarbeit von Robotern und Menschen ohne Schutzzäune möglich wird.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Alexandra Schörghuber die Verantwortung für ihr Unternehmen übernahm. Es zeigt sich: Sie hat das Erbe ihres Gatten nicht nur bewahrt, sie hat es umsichtig gemehrt, mutige Entscheidungen getroffen und dem Konzern damit neue Wachstumschancen eröffnet. So wie mit ihrer großen Lachszucht in Chile, mit der sie eine ganz neue Sparte in der Gruppe geschaffen hat. Oder dem riesigen Brauereineubau in München, wo sie 300 Millionen Euro investierte, damit Paulaner mit seinem berühmten bayerischen Weißbier weltweit neue Kunden gewinnen kann. Das Luftfahrtgeschäft hingegen, ein Steckenpferd des Unternehmensgründers Josef Schörghuber, ihres Schwiegervaters, stellte sie kurzerhand ein, zu klein erschien ihr die Sparte im weltweiten Wettbewerb.

Leki-Eignerin Lenhart hat aus dem Tod ihres Mannes gelernt. Sie hat ein Management-Team installiert, das sofort übernehmen könnte, falls ihr etwas zustößt.

Die weitreichende Entscheidung nie bereut

Renate Pilz dagegen hat entschieden, dass es reicht. Im vergangenen Jahr hat die Unternehmerin an ihre beiden Kinder übergeben, mit denen sie sich zuvor jahrelang ein Dreierbüro teilte. Damit ist sie schon einen Schritt weiter als Geze-Chefin Vöster-Alber. Ihren Mann hat sie in den Ruhestand nach Hause verabschiedet, sie selbst hat noch ein Auge auf die Kinder.

Drei der vier Sprösslinge sind bereits in der Geschäftsführung. Nur eine Tochter hat einen anderen Weg gewählt und ist Medizinerin geworden.

Ihren Einstieg als Unternehmerin konnte sie nicht selbst bestimmen. Den Zeitpunkt ihres Rückzuges will sie hingegen auswählen. Ganz leicht tut sie sich mit der Entscheidung nicht. Es war ihr verwehrt, Tierärztin zu werden, aber ihre Liebe zu Pferden konnte sie als Unternehmerin trotzdem ausleben. Geze ist einer der größten Sponsoren im Reitsport.

Die Entscheidung, das Familienunternehmen zu führen, war sicher im Vergleich zu einem Verkauf der steinigere Weg. Bereut haben ihren Entschluss alle vier nicht.

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