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16.05.2018

17:07 Uhr

Rüsselsheimer Autobauer

Opel setzt auf Leiharbeiter – und erzürnt damit die IG Metall

VonStefan Menzel, Franz Hubik

Weil das Stammpersonal flüchtet, will der kriselnde Autobauer Opel Lücken in der Produktion mit Leiharbeitern stopfen. Die IG Metall ist entsetzt.

Weil die Stammbelegschaft schrumpft, fürchtet die IG Metall um ihren Einfluss. Alexander Heimann/Vollformat

Motorenproduktion im Kaiserslauterner Opel-Werk

Weil die Stammbelegschaft schrumpft, fürchtet die IG Metall um ihren Einfluss.

DüsseldorfBei der „wirtschaftlichen Genesung“ von Opel werden die „qualifizierten Mitarbeiter“ des kriselnden Autobauers „die entscheidende Rolle spielen“. Das könne Michael Lohscheller den Beschäftigten des Rüsselsheimer Traditionsunternehmens „aus erster Hand versichern“, erklärte der Opel-Chef im November 2017. Heute, ein halbes Jahr später, hegen allerdings immer mehr Opelaner Zweifel, wie glaubwürdig dieses Versprechen tatsächlich war. Denn ihre Dienste sind teils gar nicht mehr erwünscht.

Das angestammte Personal wird bei Opel über Altersteilzeit, Vorruhestand und Abfindungen sukzessive hinauskomplimentiert. Opel zahlt Beschäftigten nach Informationen des Handelsblatts aus Unternehmenskreisen im Schnitt 200.000 Euro, um sie loszuwerden.

Allein am Standort Kaiserslautern nimmt der defizitäre Autobauer, der dem französischen Konzern PSA (Peugeot, Citroën) gehört, 20 Millionen Euro in die Hand, um Mitarbeiter abzufinden. Für den gesamten Konzern kalkuliere man sogar mit Abfindungskosten im dreistelligen Millionenbereich, heißt es in Unternehmenskreisen.

Die Folge: Die Mitarbeiter verlassen das Unternehmen in Scharen. Im Kaiserslauterner Werk ist der Aderlass mittlerweile so groß, dass die Produktion bald zum Erliegen kommen könnte, fürchten Insider. Konkret wollen statt des avisierten Abbaus von 200 Mitarbeitern bis zu 600 Beschäftigte gehen.

Das wäre fast ein Drittel der Belegschaft in Kaiserslautern. Um die Bänder dennoch am Laufen zu halten, greift Opel zu einem Kniff: Der Autobauer will die personellen Lücken nun mit Leiharbeitern stopfen, die eigentlich gehen sollten, verlautet aus Unternehmenskreisen.

Statt allen 311 Leiharbeitern in Kaiserslautern den Laufpass zu geben, sollen nun 211 bleiben – während Festangestellte gehen. Das sorgt für Unmut. Die IG Metall mutmaßt, hinter dem Vorgehen könnte Kalkül stecken, um den Einfluss der Gewerkschaft zurückzudrängen. Schließlich werde die Position der Arbeitnehmervertreter durch jeden Abgang eines festen Mitarbeiters geschwächt.

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Die Situation in Kaiserslautern steht dabei exemplarisch für den gesamten Konzern mit seinen weiteren Werken in Rüsselsheim und Eisenach. „An allen deutschen Standorten bricht die Stammbelegschaft weg“, heißt es in Unternehmenskreisen. Im Gegenzug wird die Leiharbeit „hochgefahren“.

Brisant: Ursprünglich war das glatte Gegenteil geplant. Weil für Leiharbeiter keine teuren Abfindungen fällig werden, hätten sie zuerst gehen sollen und erst dann Teile der Stammbelegschaft, heißt es in Unternehmenskreisen.

„Die IG Metall will eines ganz sicher nicht: Heute einen erheblichen Personalabbau und morgen dann ein Unternehmenskonzept mit Leiharbeit und Werkverträgen, weil zu viele Kolleginnen und Kollegen gegangen sind“, sagte Jörg Köhlinger dem Handelsblatt. Der Chef des Gewerkschaftsbezirks Mitte bei der IG Metall fordert ein „tragendes Zukunftskonzept“. Köhlinger fürchtet, Opel könnte von seinen 18.000 deutschen Mitarbeitern deutlich mehr verlieren als nötig, um das Unternehmen nach 19 verlustreichen Jahren in die Gewinnzone zu führen.

„In Deutschland haben wir freiwillige Programme gestartet, die gut angenommen werden und mit denen wir unsere Arbeits- und Strukturkosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau senken wollen“, sagte ein Opel-Sprecher. Zu den „finanziellen Details“ der freiwilligen Programme könne er aber keine Angaben machen.

Die Zahl der eingesetzten Leiharbeiter habe sich seit Ende vergangenen Jahres halbiert, erklärte der Sprecher. Man befinde sich in intensiven Verhandlungen mit den Sozialpartnern. Nach Informationen des Handelsblatts beschäftigte das Unternehmen noch im Dezember 2017 mehr als 900 Leiharbeiter.

Der Streit zwischen IG Metall, Betriebsrat und Opel-Management um Personalabbau und Tarifverträge eskaliert seit Wochen. Zuletzt gab es zwar eine Annäherung, da Opel sein Abfindungsprogramm für jüngere Mitarbeiter bis Ende Mai aussetzt. Aber die Nachdenkpause scheint die Wogen nicht zu glätten. In Verhandlungskreisen wird dem Opel-Management „Tarnen und Täuschen“ vorgeworfen. Am 28. und 29. Mai treffen sich die Streitparteien wieder in der Einigungsstelle – das Thema Leiharbeit ist dabei gesetzt.

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