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22.09.2022

18:25

Russischer Gaslieferstopp

Volkswagen warnt vor Lieferketten-Problemen durch möglichen Gasmangel bei Zulieferern

Von: Stefan Menzel

Der VW-Konzern dürfte im bevorstehenden Winter genug Erdgas für die Autoproduktion haben. Doch der Autokonzern sorgt sich um seine zahlreichen Teilelieferanten.

VW Tiguan-Fertigung in Wolfsburg www.imago-images.de

Tiguan-Fertigung in Wolfsburg

Volkswagen geht in einen unsicheren Winter.

Düsseldorf Wegen gefüllter Gasspeicher und eigener Sparmaßnahmen geht der Volkswagen-Konzern in Sachen Erdgasversorgung vergleichsweise optimistisch in den bevorstehenden Winter. Doch der Gasmangel könnte für weitere Probleme in der Lieferkette sorgen, wenn Zulieferern die Energie ausgeht.

„Die Politik muss die aktuell unkontrollierte Explosion der Gas- und Strompreise eindämmen, weil sonst insbesondere kleinere und mittlere energieintensive Unternehmen in der Lieferkette große Probleme bekommen und die Produktion reduzieren oder einstellen müssen“, forderte VW-Cheflobbyist Thomas Steg.

Seit August arbeitet in der Wolfsburger Zentrale des Volkswagen-Konzerns ein Krisenstab Energie. Einkäufer, Produktionsspezialisten und die eigene Kraftwerksabteilung haben darin verschiedene Szenarien für die kommenden Monate durchgespielt. Damit sollten mögliche Probleme identifiziert werden, die in den nächsten Monaten auf den Wolfsburger Autohersteller zukommen könnten.

Für die eigene Versorgungslage gibt sich Volkswagen verhältnismäßig optimistisch. „Derzeit ist die Gasversorgung für die Volkswagen-Werke und die anderer Konzernmarken sowie der Kraftwerke gesichert“, sagte am Donnerstag Michael Heinemann, Chef der VW Kraftwerk GmbH. Da die deutschen Erdgasspeicher inzwischen zu 90 Prozent gefüllt seien, gebe es gute Aussichten, dass Volkswagen ohne größere Störungen über den Winter komme. Sollten die Gaslieferungen aus Russland allerdings nicht wieder aufgenommen werden, drohe im nächsten Sommer möglicherweise eine Gasknappheit.

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    Alle europäischen Produktionsstandorte des Konzerns hätten inzwischen die ersten Sparschritte beim Erdgasverbrauch eingeleitet. Das europäische Einsparziel von 20 Prozent sei bereits „übererfüllt“. „Volkswagen kann den gesamten Gasverbrauch um einen mittleren zweistelligen Prozentsatz reduzieren“, ergänzte der Chef der VW-Kraftwerke. So sei die maximale Temperatur in den Büros auf 19 Grad festgesetzt worden, in den Werkshallen betrage sie 17 Grad. Außerdem sollten die Volkswagen-Mitarbeiter nach Möglichkeit wieder verstärkt zu Hause arbeiten.

    „Unser oberstes Ziel ist eine Aufrechterhaltung der Produktion und die Vermeidung von negativen Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb“, betonte Steg, Cheflobbyist von Volkswagen und damit verantwortlich für die Kontakte zur Regierung in Berlin und zur EU-Kommission in Brüssel.

    VW möchte Gas bei Mangellage selbst verteilen

    Weltweit kommt der VW-Konzern auf etwa 120 Produktionsstandorte, die Hälfte ist davon in Europa angesiedelt. „Unsere Werke haben unterschiedliche Fertigungstiefen und Unterschiede in der Energieversorgung. Dadurch ergeben sich natürlich auch unterschiedlich starke Möglichkeiten zur Energieeinsparung“, sagte Steg. Von der teilweisen Einstellung der russischen Gaslieferungen sind besonders die deutschen Fabriken betroffen. In Südeuropa, allen voran in den VW-Werken in Spanien und Portugal, ist die Versorgungslage deutlich unproblematischer. Die iberischen Länder beziehen viel Erdgas aus Nordafrika.

    Volkswagen erwartet derzeit nicht, dass die sogenannte „Gasmangellage“ im nächsten Winter eintreten wird und dass der Energieträger deshalb rationiert werden muss. Trotzdem will sich der Wolfsburger Konzern auf mögliche unerwartete Rationierungen einstellen. So fordert der Autohersteller Änderungen am bislang gültigen Rationierungsmechanismus.

    Demnach soll das Erdgas in einer Mangellage bisher nach regionalen Gesichtspunkten verteilt werden. VW widerspricht dem; Erdgas sollte bei einer Verknappung an juristische Personen wie die Volkswagen AG verteilt werden. Ein Konzern wie VW könne viel besser als die Behörden entscheiden, wie das Erdgas dann regional auf die verschiedenen Töchter wie Audi und Porsche verteilt wird.

    Außerdem soll das Erdgas in einer Mangellage bislang immer tageweise verteilt werden. Volkswagen wünscht sich hingegen eine wochenweise Verteilung, um etwa Schichtpläne für eine ganze Woche aufstellen zu können.

    Mehr Lagerhaltung bei Bauteilen

    Für die eigene Fahrzeugproduktion ist Volkswagen wie jeder andere Autohersteller extrem von seinen Zulieferern abhängig. Wie stark ein Gasmangel Tausende von Lieferanten treffen wird, ist auch für den VW-Konzern schwer vorherzusagen. 6000 der eigenen Zulieferer, so schätzt Volkswagen, seien möglichen Kürzungen bei der Gasbelieferung ausgesetzt. Stärker seien Unternehmen in osteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Rumänien und Polen betroffen. Aber auch in Österreich drohten Einschränkungen beim Erdgasbezug.

    Volkswagen versucht kurzfristig, dem durch stärkere Lagerhaltung bei seinen Zulieferteilen entgegenzuwirken. „Als mittelfristige Alternativen konzentrieren wir uns auf eine stärkere Lokalisierung, auf die Verlagerung von Produktionskapazitäten oder auch technische Alternativen“, sagte Geng Wu aus dem Beschaffungsbereich von Volkswagen. Der VW-Konzern orientiere sich dabei an den Erfahrungen, die das Unternehmen schon in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen des Chipmangels gesammelt habe.

    Wenig Einfluss könne Volkswagen allerdings auf die finanzielle Situation der Zulieferer nehmen. Wegen der explodierenden Energiepreise geraten immer mehr Unternehmen in Existenzgefahr. Die Zulieferer versuchen deshalb, ihre erhöhten Kosten an Abnehmer wie Volkswagen weiterzureichen. Die Lage entwickle sich dramatisch, heißt es in Wolfsburg. Volkswagen sei „noch nie da gewesenen Preisforderungen“ der Zulieferer ausgesetzt.

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