Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

28.11.2022

04:02

Schwerindustrie

Drohende Rezession könnte in der Stahlbranche das Projekt Dekarbonisierung verzögern

Von: Kevin Knitterscheidt

Nach einem Rekordjahr steht die Branche vor dem Abschwung. Bei Unternehmen wie Thyssen-Krupp oder Salzgitter droht das laut Experten negative Folgen für den Wandel zur klimaneutralen Produktion haben.

Die deutsche Stahlindustrie wechselt vom Rekordboom in einen harten Abschwung. Reuters

Stahlproduktion in Duisburg

Die deutsche Stahlindustrie wechselt vom Rekordboom in einen harten Abschwung.

Düsseldorf Über viele Jahre galt die Stahlbranche als Sorgenkind der deutschen Industrie. Doch 2022 können die deutschen Stahlhersteller unerwartet auf ein äußerst ertragreiches Jahr zurückblicken. Dank ungewöhnlich hoher Stahlpreise konnten Produzenten wie Thyssen-Krupp und Salzgitter ihre Gewinne seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahr nicht nur steigern, sondern sogar vervielfachen – und waren damit, nach vielen Jahren tiefer Krisen, so profitabel wie zuletzt vor der Finanzkrise 2007/2008, als die Stahlbranche einen beispiellosen Boom erlebt hatte.

Bei Thyssen-Krupp etwa stieg der bereinigte Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) der Stahlsparte im vergangenen, bis September laufenden Geschäftsjahr, um sagenhafte 934 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Bei Salzgitter verdoppelte sich das Ebit auf nicht bereinigter Basis in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres auf knapp 1,15 Milliarden Euro. Auch der Schweizer Hersteller Swiss Steel konnte seinen Betriebsgewinn um 12,3 Prozent auf 90,7 Millionen Euro steigern.

Doch die Rekordstimmung dürfte nur von kurzer Dauer sein. Denn der Ausblick der Branche für das kommende Jahr fällt düster aus. In Erwartung einer Rezession sind die Stahlpreise in den vergangenen Wochen bereits deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig steigen die Produktionskosten drastisch an.

Grafik

Diese Entwicklung wird vor allem getrieben durch die hohen Preise für Gas, das an vielen Stellen der Wertschöpfungskette, von der Erzeugung bis zur Weiterverarbeitung, eine wichtige Rolle spielt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Im Oktober ist die deutsche Stahlproduktion laut Daten der Wirtschaftsvereinigung Stahl im Vorjahresvergleich deshalb bereits um 14,4 Prozent zurückgegangen. Branchenbeobachter wie Bastian Synagowitz, Analyst bei der Deutschen Bank, gehen davon aus, dass sich dieser Trend im kommenden Jahr verschärfen könnte. „Wir glauben, dass im Moment rund 15 Prozent der Kapazitäten in Europa stillgelegt sind“, so der Experte in seiner jüngsten Branchenstudie. „Sollte die aktuelle Situation anhalten, erwarten wir sogar noch umfangreichere Kürzungen.“

    Investitionen werden nur schrittweise freigegeben

    Dabei trifft der Abschwung die Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn die meisten Hersteller wollten ab 2023 kräftig in den Bau neuer Anlagen investieren, um ihre CO2-intensive Produktion auf klimaneutrale Verfahren umzustellen.

    So plant etwa Thyssen-Krupp den Bau einer rund zwei Milliarden Euro teuren Direktreduktionsanlage, um die klimaschädliche Kohle im Produktionsprozess erst durch klimaschonenderes Erdgas, dann durch klimaneutralen Wasserstoff zu ersetzen. Doch angesichts des unsicheren Umfelds will der Konzern bei neuen Investitionen erst einmal auf die Bremse treten.

    Grafik

    Es könne noch niemand sagen, wie groß die Herausforderungen sein oder wie lange sie anhalten würden, sagte Thyssen-Krupp-Finanzchef Keysberg bei der Vorstellung des Rekordergebnisses. „Wir bereiten uns aber auch auf das schwierigste Szenario vor.“ 

    Dazu gehöre auch eine restriktive und schrittweise Freigabe von Investitionen – unter anderem abhängig davon, wie die gesamtwirtschaftliche Lage verlaufe und welche Fortschritte die Geschäfte bei der Ergebnissicherung machten.

    Umsetzungsrisiko der Dekarbonisierung durch Krieg gestiegen

    Auch ohne die aktuelle Krise bedeutet die Transformation zu CO2-freien Herstellungsverfahren für die Branche ein hohes Risiko. Denn bislang ist unklar, wann in Europa ausreichende Mengen an klimaneutral produziertem Wasserstoff zur Verfügung stehen, um die energiehungrige Branche komplett versorgen zu können. Übergangsweise wollten viele Produzenten daher Erdgas einsetzen, womit sich in einem ersten Schritt schon einmal zwei Drittel der Emissionen einsparen ließen. Doch wegen des Ukrainekriegs steht diese Strategie nun infrage.

    Grafik

    So urteilt etwa Bastian Synagowitz von der Deutschen Bank, dass das Umsetzungsrisiko bei der Dekarbonisierung in der Stahlindustrie durch den Krieg gestiegen ist. „Energiepreise, wie wir sie zu Beginn des Jahres 2022 gesehen haben, würden die Kosten in unerschwingliche Höhen treiben“, so der Analyst.

    Eine Schlüsselfrage laute, ob und wie schnell es europäischen Unternehmen gelingt, russisches Gas preiswert durch grüne Energie und Wasserstoff zu ersetzen. „Daraus ergeben sich erhebliche Risiken für die Zeitpläne und die Durchführung der Dekarbonisierungsstrategien der Branche.“

    Noch halten die deutschen Stahlhersteller an ihren Zielen fest. Der wichtigste Zwischenschritt ist dabei durch die EU vorgegeben, die die europäischen Gesamtemissionen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 reduzieren will. Um dieses Ziel zu erreichen, soll die Stahlbranche ihre Emissionen um mindestens 30 Prozent reduzieren.

    Nach Berechnungen von der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) müsste dafür bis dahin jeder dritte Hochofen durch eine Direktreduktionsanlage ersetzt werden, wie sie beispielsweise Thyssen-Krupp und Salzgitter im kommenden Jahr bauen wollen.

    Salzgitter sieht Erdgas-Versorgung gesichert

    Bei der Frage, wie sich die europäischen Energiemärkte bis zur Fertigstellung dieser Anlagen entwickeln, gibt sich Salzgitter-Chef Gunnar Groebler vergleichsweise optimistisch. „Wir gehen davon aus, dass wir im Jahr 2025 nicht mehr über eine Erdgasknappheit sprechen“, so der Manager im Rahmen eines Interviews, das im Vorfeld des Handelsblatt Wasserstoff-Gipfels aufgezeichnet wurde. Sicherlich werde das Thema Preis weiterhin eine Rolle spielen – „aber die Verfügbarkeit von Erdgas sehen wir durchaus als gesichert an“.

    Die Hoffnung der Branche dürfte dabei vor allem auf der Politik liegen, die derzeit versucht, den Unternehmen neue Versorgungswege für Erdgas zu erschließen. Doch die Kapitalmärkte sind deutlich weniger optimistisch – wohl auch weil die unverhoffte Stahlpreisrally ein Ende gefunden hat.

    So quittierten die Anleger die Rekordmeldungen der Stahlproduzenten in den vergangenen Wochen weitgehend mit Gleichgültigkeit – und im Fall von Thyssen-Krupp sogar mit einem Kursverlust von mehr als vier Prozent.

    Die bevorstehende Rezession sehen die meisten Analysten in den Aktienkursen zwar bereits eingepreist. Ein erneuter Kursrückgang könne aber nicht ausgeschlossen werden, so die Einschätzung des Deutsche-Bank-Experten Synagowitz. Erst das kommende Jahr wird zeigen, ob die Optimisten oder die Pessimisten recht behalten werden.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×