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03.05.2022

13:51

Share Now

Abschied vom Carsharing: Warum BMW und Mercedes Share Now an Stellantis verkaufen

Von: Franz Hubik

Mit dem Verkauf der Carsharing-Tochter stutzen Mercedes und BMW ihre Mobilitätsdienste zurecht. Opel-Mutter Stellantis übernimmt und will einen globalen Riesen formen.

Schon heute sind Autos von Stellantis in der Flotte des Carsharing-Unternehmens unterwegs. PR

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Schon heute sind Autos von Stellantis in der Flotte des Carsharing-Unternehmens unterwegs.

München Mercedes-Benz und BMW steigen aus dem Carsharing-Geschäft aus. Konkurrent Stellantis will dagegen in dem Geschäft zum weltweit führenden Anbieter werden. Die beiden süddeutschen Autobauer haben vor Kurzem eine Vereinbarung zum Verkauf ihrer Gemeinschaftsfirma Share Now an den Opel-Mutterkonzern unterzeichnet. Das teilten die drei Fahrzeughersteller am Dienstagmorgen mit. Zu den Details der Transaktion haben die Konzerne Stillschweigen vereinbart. Dem Deal müssen zudem noch die Kartellbehörden zustimmen.

Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR), ist sicher, dass Stellantis für den Erwerb von Share Now lediglich einen Schnäppchenpreis bezahlen muss. „Für Stellantis mit seinem großen Markenportfolio dürfte es ein äußerst preisgünstiger Einstieg sein“, erklärt der langjährige Branchenkenner. Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler schätzt den Kaufpreis auf etwa 250 Millionen Euro.

In Industriekreisen wird bestätigt, dass es sich um eine eher kleine Summe handelt, die Mercedes und BMW für Share Now erhalten. Corona hatte dem Geschäft zuletzt erheblich zugesetzt. Die Anzahl der Interaktionen in der App sackte allein im vergangenen Jahr von 16,3 auf 14,4 Millionen ab.

Mit dem Exit aus dem Carsharing stutzen Mercedes und BMW ihre Anfang 2019 fusionierten Mobilitätsdienste weiter zurecht. Von den einst fünf Apps zum Parken, Laden, Auto-Teilen, Taxi-Ordern und Reisen-Planen bleiben nur noch zwei übrig. Die Konzerne wollen sich künftig auf Dienstleistungen rund um das Laden von Elektrofahrzeugen (Charge Now) und einen Mobilitätsdienst (Free Now) konzentrieren, in dem Kunden vom Auto bis zum E-Scooter alle möglichen Verkehrsmittel buchen können.

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    Carsharing: Mercedes und BMW verkaufen Share Now

    Der Schritt ist konsequent und zugleich ein Eingeständnis des Scheiterns. Gerade mit dem Carsharing haben die deutschen Autobauer große Hoffnungen verbunden. Das Geschäft sei von „zentraler Bedeutung“ hieß es immer wieder in Stuttgart und München. Einerseits, um besser zu verstehen, wie sich die Erwartungen an individuelle Mobilität verändern. Andererseits, um in Großstädten wie Paris, in denen Privatautos zunehmend aus den Vierteln verbannt werden, überhaupt noch ein Angebot in petto zu haben.

    Doch die hohen Erwartungen an das Geschäft haben sich nie erfüllt. Mit der Zusammenlegung von Car2Go (Mercedes) und Drive Now (BMW) vor drei Jahren zu Share Now wollten die Konzerne kräftig wachsen und ihre Verluste zugleich minimieren. Stattdessen stand allein 2019 infolge hoher Abschreibungen ein Fehlbetrag von 720 Millionen Euro in der deutschen Bilanz der Firma. 2020 folgte ein Verlust von 235 Millionen Euro. Die Coronapandemie hat das Geschäft zusätzlich hart getroffen. Von der durch die Eigentümer angestrebten nachhaltigen Profitabilität war Share Now zuletzt weit entfernt.

    Grafik

    Mercedes-Chef Ola Källenius und BMW-Frontmann Oliver Zipse galten darüber hinaus nie als große Unterstützer des Geschäfts mit Mobilitätsdiensten. Es waren ihre Vorgänger, Dieter Zetsche und Harald Krüger, die einen „weltweit führenden Gamechanger“ kreieren wollten, um Uber, Lyft und Co. Paroli zu bieten. Sie investierten eine Milliarde Euro und gaben die Devise aus: „The sky is the limit.“ Källenius und Zipse verfolgen dagegen eine ganz andere Strategie. Sie fokussieren die Unternehmen wieder auf ihren Kern: den Autobau.

    Stellantis will weltweit führendes Carsharing-Unternehmen werden

    Insofern ist es verständlich, dass sich Mercedes und BMW nun von Share Now trennen. Carsharing bleibe zudem ein „wesentliches Element“ im Mobilitätsangebot der Konzerne – nur eben integriert in die App von Free Now, betont Gero Götzenberger, Direktor Strategie und Beteiligungen bei Mercedes-Benz Mobility. Rainer Feurer, Bereichsleiter Corporate Investments bei BMW, ergänzt: „Free Now und Charge Now sind mit dem Ansatz, eine Softwareplattform für möglichst viele Player in ihrem jeweiligen Segment aufzubauen, sehr erfolgreich unterwegs.“

    Stellantis will sich mit der Übernahme von Share Now als „führendes Carsharing-Unternehmen“ positionieren. Zu den sieben Städten, in denen der Konzern in Europa und den Vereinigten Staaten mit seinem Dienst Free2Move bereits aktiv ist, kommen nun 14 weitere Metropolen hinzu. In Summe werde Free2Move dank des Deals mehr als 3,4 Millionen neue Kunden bekommen und künftig gut 5,4 Millionen Nutzer zählen, erklärte der Konzern. Die Fahrzeugflotte wird von 2.500 auf 12.500 Autos ausgebaut.

    Die Coronapandemie hatte den gemeinsamen Carsharing-Dienst von BMW und Mercedes hart getroffen. dpa

    Share Now

    Die Coronapandemie hatte den gemeinsamen Carsharing-Dienst von BMW und Mercedes hart getroffen.

    „Die öffentlichen Verkehrsmittel reichen nicht aus“, sagte Brigitte Courtehoux, Chefin von Free2Move, dem Handelsblatt und vier weiteren europäischen Medien. Es gebe in vielen Städten einen erheblichen Bedarf an cleveren Mobilitätslösungen rund um Pkw. Courtehoux strebt mit der Übernahme von Share Now ein „supergroßes Wachstum“ in den kommenden Jahren an. Konkret soll sich die Anzahl der aktiven Nutzer bis 2030 auf 15 Millionen Personen in etwa verdreifachen.

    Courtehoux verspricht dabei, den chronischen Verlustbringer Share Now mithilfe der „finanziellen Disziplin“ von Free2Move in ein profitables Geschäft zu transformieren. „Das wird kein Spaziergang. Diese Art von Geschäften lässt sich nicht so leicht profitabel betreiben. Aber wir werden profitabel sein.“

    Stellantis plant das „Amazon der Mobilität“

    Mit den Diensten von Mercedes und BMW entstünden neue Skaleneffekte und Synergien, erklärt Courtehoux. Während Share Now bisher vor allem pro Minute abrechnet, dürfte der Service künftig breiter aufgestellt und das Geschäft mit Langzeitmieten forciert werden. „Wir bieten alles aus einer Hand: Lösungen pro Minute, pro Tag und pro Monat“, sagt Courtehoux. „Wir mischen diese drei Modelle, um die Rentabilität zu steigern.“

    Anders als Share Now ist Free2Move kein klassischer Carsharing-Anbieter, sondern versteht sich als Marktplatz, der Gewerbe- und Privatkunden zusammenbringt. Angeboten werden 450.000 Fahrzeuge zur kurz-, mittel- und langfristigen Miete ebenso wie Chauffeurfahrten. Zudem können 250.000 Ladestationen und 500.000 Parkplätze per App gebucht werden. „Sie können Free2Move als das Amazon der Mobilität betrachten“, bekundet Courtehoux.

    In Summe will Stellantis den Nettoumsatz mit Mobilitätsdienstleistungen bis Ende der Dekade auf 2,8 Milliarden Euro erhöhen. Als Etappenziel nennt das Unternehmen einen Umsatz von 700 Millionen Euro bis 2025.

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    Mercedes und BMW ziehen mit dem Verkauf des Carsharings nun einen „Schlussstrich“, meint Autoexperte Dudenhöffer. Aus seiner Sicht ist Share Now ohnehin bei einem Massenhersteller wie Stellantis, zu dem Marken wie Peugeot, Opel, Fiat, Jeep oder Chrysler zählen, besser aufgehoben als bei zwei Anbietern von Luxuskarossen.

    „Im Volumenmarkt mit preisgünstigen Fahrzeugen hat Share Now am ehesten eine Überlebenschance“, erklärt Dudenhöffer. „Stellantis nimmt mit dem Deal auch im Mobility-Geschäft den Kampf mit dem VW-Konzern, Toyota, GM und Ford auf.“

    Carsharing: Niedrige Auslastung, hohe Verluste

    In Deutschland wächst Carsharing zwar seit Jahren kontinuierlich. Mit einer Flotte von bundesweit lediglich 30.200 Fahrzeugen in 935 Städten agiert die Branche aber weiterhin in der Nische. Der Markt ist dabei grundsätzlich zweigeteilt. Einerseits gibt es stationsbasiertes Carsharing. Dazu zählen Anbieter wie Stadtmobil, Cambio, TeilAuto oder Book-n-drive. Bei diesem Ansatz holen Kunden die Fahrzeuge an festen Stellplätzen ab und bringen sie dorthin wieder zurück.

    Andererseits gibt es als Alternative dazu das sogenannte Free-Floating-Carsharing. Hier stehen Hunderte Fahrzeuge an beliebigen Orten innerhalb eines bestimmten Gebiets. Nutzer buchen die Autos über eine Smartphone-App und stellen sie dann an freien Parkplätzen irgendwo in einem definierten Radius wieder ab. Zu den führenden Anbietern zählen Share Now, Miles, Sixt Share und WeShare von Volkswagen.

    Drei Viertel der Menschen, die hierzulande Carsharing nutzen, sind bei Free-Floating-Anbietern aktiv. Die oft vergleichsweise jungen Kunden schätzen es, flexibel an nahezu jeder Ecke in Großstädten ein Auto zum Mieten zu finden. Für die Anbieter der Flotten ist das jedoch ein Problem. Sie müssen so viele Fahrzeuge wie möglich vorhalten, um die Erwartungen der Kunden zu erfüllen. Gleichzeitig verdienen sie aber nur dann Geld, wenn die Autos auch tatsächlich bewegt werden.

    Share Now: Doppelt so hohe Auslastung nötig

    Entscheidend für den Erfolg ist die Auslastung der Flotte. Bei Share Now lag diese zuletzt bei unter 15 Prozent. Experten schätzen, dass es einer doppelt so hohen Auslastung bedarf, um die hohen Kosten für die herumstehenden Autos wieder einzuspielen. Über die Kombination von kurzfristigen und langfristigen Buchungen soll Share Now es schaffen, trotz geringer Auslastung bald profitabel zu sein.

    Für 2021 hatte die Firma bereits ein besseres Ergebnis in Aussicht gestellt. Der Verlust soll statt dreistellig nur noch zweistellig sein. Was der Deal mit Free2Move für die gut 400 Mitarbeiter von Share Now bedeutet, ist noch unklar. Die Transaktion dürfte im zweiten Halbjahr abgeschlossen werden.

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