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05.04.2022

13:01

Studie zu Strom-Lkw

„Der Diesel wird zum Auslaufmodell“ – Flottenmanager schwören auf Elektrotrucks

Von: Franz Hubik

Viele Logistiker wollen bis 2025 nahezu die Hälfte ihres Fuhrparks auf elektrische Antriebe umstellen. Doch Elektro-Lkw sind derzeit kaum zu bekommen.

Die meisten elektrischen Lkw sind für die Langstrecke ungeeignet. dpa

Elektro-Lkw von Daimler

Die meisten elektrischen Lkw sind für die Langstrecke ungeeignet.

München Exakt 2,14 Euro kostete ein Liter Diesel durchschnittlich im März. So teuer war Sprit in Deutschland noch nie, hat der ADAC errechnet. Besonders die knapp kalkulierenden Spediteure und Logistiker leiden unter den gestiegenen Kraftstoffpreisen infolge des Ukrainekriegs. Sie wenden sich daher verstärkt vom Verbrenner ab – nicht sofort, aber doch in bisher ungeahntem Tempo.

Das zeigt eine bisher noch unveröffentlichte Studie der Unternehmensberatung Bain & Company, die dem Handelsblatt vorliegt. Demnach wollen viele Flottenmanager in Europa nahezu die Hälfte ihres Fuhrparks bis 2025 auf Trucks umstellen, die mit Strom oder Wasserstoff fahren. Rund 60 Prozent der fast 600 befragten Flottenmanager in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien würden in drei Jahren entweder reine Elektrotrucks oder zumindest hybrid angetriebene Sattelschlepper kaufen.

In Deutschland ziehen sogar nur noch 28 Prozent der Befragten in Erwägung, sich künftig noch einen Dieseltruck anzuschaffen. Zum Vergleich: 2018 war das noch für die Hälfte der Flottenmanager eine Option. „Der Diesel wird allmählich zum Auslaufmodell, da sein CO2-Ausstoß die Klimabilanz der Kundschaft belastet“, konstatiert Jörg Gnamm, Partner bei Bain und Co-Autor der Studie. „Damit endet für Lkw-Hersteller auch die Pilotphase für neue Antriebskonzepte.“

Nutzfahrzeuganbieter ohne eine breite Modellpalette bei alternativen Antrieben werden Marktanteile verlieren, prophezeit Gnamm. Doch die Ambitionen der Flottenmanager, die sich nicht zuletzt aufgrund der hohen Spritpreise immer schneller vom Diesel lösen möchten, könnten die Lkw-Hersteller überfordern. Ihnen fehle es womöglich an den nötigen Kapazitäten, fürchten die Bain-Experten.

Tatsächlich hat die Industrie aktuell kaum Elektrotrucks im Angebot. So produziert beispielsweise MAN bisher keinen einzigen vollelektrischen Sattelschlepper in Großserie. Und die schweren Lastwagen von Daimler Truck und Volvo Truck sind mit Reichweiten von maximal 400 Kilometern für die Langstrecke ungeeignet. Doch das Geschäft mit den schweren Lkw für die Langstrecke ist für die Hersteller das lukrativste Segment.

Selbst die Modelle der neuen Herausforderer wie der Tesla Semi oder der Nikola Tre sind aktuell in Europa nicht zu bekommen und bestenfalls in Testflotten unterwegs. Günstige Konkurrenten wie Geely haben ihren Marktstart schon auf das Jahr 2024 verschoben.

Verkehrssektor könnte die Klimaziele „krachend verfehlen“

„Wir wollen unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten, aber uns fehlt derzeit schlicht die Technik in ausreichender Stückzahl“, kritisiert Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Er fürchtet, dass der heimische Verkehrssektor seine Klimaziele zunächst „krachend verfehlen wird“. Denn in den nächsten zwei bis drei Jahren könnten Spediteure aufgrund des mangelnden Angebots weiterhin fast nur Lastwagen kaufen, die mit Diesel oder verflüssigtem Erdgas (LNG) angetrieben werden.

Damit die Antriebswende zumindest ab 2025 zügig vorankommt, müssten sowohl die Lkw-Hersteller als auch die Politik für verlässliche Planungsgrößen sorgen, fordert Engelhardt. Über Einsparungen, Fördergelder oder eine Mautbefreiung müssten die Gesamtbetriebskosten von Elektrotrucks, die sogenannten Total Cost of Ownership (TCO), noch deutlich sinken. „Wir sollten klare Rahmenbedingungen schaffen, damit keiner eine Fehlinvestition tätigt, die seine Existenz bedroht“, sagt Engelhardt. Der Manager vertritt die Interessen von 47.000 Firmen im mittelständisch geprägten deutschen Transportgewerbe.

Die Branche ist leidgeplagt. „Die Unternehmen haben vor Jahren in die Biodiesel-Technologie investiert und sind krachend gescheitert. Jetzt haben viele Unternehmen in die LNG-Technik investiert und stehen vor dem Aus“, erklärt Engelhardt. Weitere Fehlschüsse könne sich seine Industrie schlichtweg nicht leisten.

Den Bedenken der Logistikunternehmen angesichts der derzeit noch fast doppelt so hohen Anschaffungskosten von Strom-Trucks im Vergleich zu Diesellastwagen sollten die Nutzfahrzeughersteller mit Abomodellen oder Pay-per-Use-Konzepten begegnen, empfehlen die Bain-Berater. Gut 42 Prozent der Flottenverantwortlichen würde es jedenfalls leichter fallen, sich für den Wechsel zu elektrischen Sattelschleppern zu entscheiden, wenn sie nur die tatsächliche Nutzung bezahlen müssten.

Aftersales-Management & Service: So punkten Lkw-Hersteller bei ihren Kunden

Darüber hinaus könnten die Lkw-Hersteller bei ihren Kunden punkten, wenn sie angesichts der zunehmenden technischen Komplexität mehr Serviceleistungen anbieten würden. Besonders relevant sei auch ein professionelles Aftersales-Management. Fast 60 Prozent der von Bain befragten Flottenmanager wären demnach an Verträgen interessiert, die hier sämtliche Leistungen abdecken – von der Wartung bis zum Austausch von Verschleißteilen.

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