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01.08.2019

10:57

Technologiekonzern

„Marktumfeld ist sehr herausfordernd“ – Warum Siemens unter Druck gerät

Von: Axel Höpner

Trotz des niedrigeren Gewinns bestätigt der Konzern seine Prognose. Dabei wird Siemens wohl am unteren Rand seiner Vorhersage landen. Die Anleger sind skeptisch.

Globale Handelskonflikte und ein drohender harter Brexit setzen dem Konzern zu. dpa

Siemens-Fahnen

Globale Handelskonflikte und ein drohender harter Brexit setzen dem Konzern zu.

München Siemens-Chef Joe Kaeser hat an diesem Donnerstag potenzielle Kunden in Asien besucht. Im derzeit unsicheren Umfeld muss der Technologiekonzern um jeden großen Auftrag kämpfen. Deshalb waren es an diesem Donnerstag Chief Operating Officer (COO) Roland Busch und Finanzvorstand Ralf Thomas, die die Zahlen fürs dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres vorlegen mussten.

Dementsprechend schlecht kamen die Zahlen bei den Anlegern an: Am Donnerstagmorgen notierte das Papier des Münchner Industriekonzerns fast 5,2 Prozent im Minus und war damit größter Verlierer im Dax.

Man bewege sich in einem „zunehmend von Unsicherheiten geprägten geopolitischen Umfeld“, sagte Busch in einer Telefonkonferenz. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China belaste den Konzern ebenso wie der drohende harte Brexit.

Laut Thomas rechnet Siemens unter anderem mit einer „anhaltenden zyklischen Abschwächung im Automobil- und Maschinenbau“ in den nächsten Quartalen. „Das Marktumfeld ist aktuell sehr herausfordernd.“ Konzernchef Kaeser sprach laut Mitteilung von einer „erheblichen Eintrübung unserer Schlüsselmärkte“.

Vor allem das operative Ergebnis enttäuschte die Erwartungen einiger Analysten. Es sank um zwölf Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Damit fiel die Marge im industriellen Geschäft mit 9,6 Prozent unter die Zehn-Prozent-Hürde. Thomas betonte, man wolle sich an Renditen unter zehn Prozent nicht gewöhnen.

Die Prognosen für das Gesamtjahr bestätigte Thomas. Allerdings werde man bei der operativen Umsatzrendite in der unteren Hälfte des Zielbandes von elf bis zwölf Prozent landen. Von den sechs Geschäftsfeldern erfüllte nur die Bahntechnik die neuen Renditevorgaben der Konzernführung.

Siemens kann auf Wachstum hoffen

Insgesamt ist Siemens noch robust unterwegs. Der Umsatz stieg im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zwei Prozent auf 21,3 Milliarden Euro. Damit lag der Konzern im Rahmen der Analystenerwartungen.

Beim Konkurrenten General Electric waren die Erlöse im zweiten Kalenderquartal leicht auf 28,8 Milliarden Dollar gesunken. Der Schweizer ABB-Konzern verzeichnete ein Umsatzplus von zwei Prozent auf 7,2 Milliarden Dollar.

Siemens kann auch erst einmal auf weiteres Wachstum hoffen. Denn der Auftragseingang legte um sechs Prozent auf 24,5 Milliarden Euro zu. Neue Großaufträge gab es unter anderem bei der Windkraft-Tochter Siemens Gamesa – dort steht allerdings die Profitabilität unter Druck.

Mit der Entwicklung sei man als Anteilseigner „nicht glücklich“, sagte Thomas. Der Auftragsbestand im Gesamtkonzern erreichte einen Rekordwert von 144 Milliarden und ist laut Thomas „qualitativ kerngesund“.

Die operativen Gewinne sanken bei Siemens auf breiter Front. So brach das Ergebnis in der Vorzeigesparte Digitale Industrien um 27 Prozent auf 556 Millionen Euro ein. Das entsprach nur noch einer Marge von 14,3 Prozent nach 19,4 Prozent. Vor allem in der konjunktursensiblen Fabrikautomatisierung gab es Umsatzrückgänge. Insgesamt sanken die Erlöse in den Digitalen Industrien um zwei Prozent auf 3,9 Milliarden Euro.

Geringer fiel das Gewinnminus bei der Intelligenten Infrastruktur aus, das zweite Kerngeschäft in der neuen Konzernstruktur. Das operative Ergebnis sank um fünf Prozent auf 351 Millionen Euro. Dies entsprach einer Marge von 9,4 Prozent nach 10,4 Prozent im Vorjahreszeitraum.

Wenige Lichtblicke

In der kriselnden Kraftwerkssparte „Gas and Power“ ging es weiter abwärts. Der Umsatz fiel im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fünf Prozent auf 4,3 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis sank um 37 Prozent auf 156 Millionen Euro.

Einer der wenigen klaren Lichtblicke war die Bahntechnik. Der Umsatz sank zwar um zwei Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Doch legte der Auftragseingang von „Mobility“ deutlich um 18 Prozent auf knapp drei Milliarden Euro zu. Das operative Ergebnis verbesserte sich um 14 Prozent auf 220 Millionen Euro, was einer Umsatzrendite von 10,4 Prozent entsprach.

Siemens befindet sich derzeit mitten im Umbau. Am 1. April ging die neue Struktur an den Start mit drei „operativen“ und drei „strategischen“ Unternehmen. Im kommenden Jahr soll das Energiegeschäft abgespalten werden. Finanzvorstand Thomas sagte, man werde in den konjunkturell schwierigeren Zeiten von dem Umbau profitieren. „Die Freiheitsgrade werden jetzt gebraucht und genutzt.“

Der Konzern will nun verschärft auf die Kosten schauen. Man müsse „die Konjunkturkurve so gut wie möglich auf der Kostenseite abbilden“, sagte Thomas. Es sei aber kein zusätzlicher Stellenabbau über die bereits verkündeten Pläne hinaus geplant. Es gehe darum, an vielen kleinen Stellschrauben zu drehen. Vor allem bei den Digitalen Industrien soll so die Profitabilität rasch verbessert werden.

Der Nettogewinn von Siemens sank leicht auf 1,1 Milliarden Euro. Konkurrent General Electric hatte vor allem wegen hoher Sonderkosten durch das Flugverbot für die Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max einen Quartalsverlust von 291 Millionen Dollar verbucht. ABB musste wegen Sonderbelastungen für den geplanten Ausstieg aus dem Solarwechselrichtergeschäft einen Gewinneinbruch um mehr als 90 Prozent auf 64 Millionen Dollar hinnehmen.

Am Vorabend hatte der Aufsichtsrat wichtige Personalentscheidungen getroffen. Personalchefin Janina Kugel verlässt den Konzern, wenn ihr Vertrag Ende Januar ausläuft. Dagegen verlängerte der Aufsichtsrat den Vertrag von Cedrik Neike, der die Intelligenten Infrastrukturen führt, vorzeitig bis 2025.

Noch offen ist, wer den neuen Energiekonzern führen soll. Als Favorit gilt derzeit Vorstand Michael Sen, der für Siemens Gamesa und die Healthineers zuständig ist und früher unter anderem Finanzvorstand bei Eon war.

Mehr: Das Top-Management von Siemens droht wieder zum Altherren-Klub zu werden, meint Thomas Tuma, stellvertretender Handelsblatt-Chefredakteur. Dabei gilt nicht nur für Siemens: Je bunter der Vorstand, desto besser.

Kommentare (1)

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Frau EllenZebi EllenZebi

01.08.2019, 11:11 Uhr

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