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24.05.2022

04:08

Transformation zur Elektromobilität

ZF, Mahle, Knorr-Bremse, Grammer: Warum so viele Autozulieferer einen neuen Chef suchen

Von: Martin-W. Buchenau

Noch nie waren so viele Spitzenposten bei großen Autozulieferern gleichzeitig unbesetzt. Die Gründe dafür sind auch hausgemacht.

Nach Covid, Chipkrise, Lieferengpässen, Rohstoffpreisexplosion und Inflation verdient die einstige deutsche Vorzeigebranche kaum noch Geld. dpa

Produktion bei ZF in Friedrichshafen

Nach Covid, Chipkrise, Lieferengpässen, Rohstoffpreisexplosion und Inflation verdient die einstige deutsche Vorzeigebranche kaum noch Geld.

Stuttgart Wenn der Münchener Zulieferkonzern Knorr-Bremse am Dienstag zur Hauptversammlung lädt, dann fehlt wieder einmal ein Vorstandschef. Nach dem kurzen Gastspiel des ehemaligen Linde-Managers Bernd Eulitz ging im März nun auch der ehemalige Siemens-Manager Jan Mrosik von Bord. Beide, so hieß es anschließend, seien im Unternehmen nie angekommen. Der designierte Aufsichtsratschef und Ex-Infineon-CEO Reinhard Ploss sucht bereits fieberhaft nach dem dritten Knorr-Chef innerhalb von drei Jahren.

Knorr-Bremse, der Weltmarktführer für Zug- und Lkw-Bremsen, schlingert nicht erst seit dem Tod des Patriarchen Heinz Hermann Thiele im März 2021. Schon zu Lebzeiten des Mehrheitsaktionärs fiel es internen und externen Kandidaten schwer, das Unternehmen auszubalancieren und einen Weg in die Zukunft zu finden.

Ein Branchenproblem, wie Experten wissen. „Die Autozulieferer mit häufigen Führungswechseln sind inzwischen gebrannte Kinder und haben für externe Bewerber etwas an Attraktivität verloren“, sagt Olaf Szangolies, Headhunter für Odgers Berndtson.

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Dazu komme, dass bei der Transformation zur Elektromobilität und zum autonomen Fahren intern in den Unternehmen häufig ein Kampf zwischen Veränderungswilligen und Bewahrern stattfinde. „Das macht es Autozulieferern nicht leicht, CEOs mit dem nötigen Mindset, moderner Kommunikation und der nötigen strategischen digitalen Kompetenz zu bekommen“, betont Szangolies, der regelmäßig Auto-Manager vermittelt.

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    Denn im Frühjahr 2022 ist die Zulieferbranche im Brennpunkt gleich mehrerer krisenhafter Entwicklungen. Nach Covid, Chipkrise, Lieferengpässen, Rohstoffpreisexplosion und Inflation verdient die einstige deutsche Vorzeigebranche als Rückgrat der Autohersteller kaum noch Geld.

    Und so ist Knorr-Bremse kein Einzelfall: Auch der zweitgrößte deutsche Automobilzulieferer ZF, die Nummer vier Mahle und seit wenigen Tagen auch der Sitzhersteller Grammer suchen neue Chefs, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

    Mahle und Knorr-Bremse haben die meisten Chefwechsel

    Einer der größten Problemfälle heißt Mahle. Der Stiftungskonzern, bekannt für seine Motorkomponenten, hat über 70.000 Beschäftigte und macht knapp zehn Milliarden Euro Umsatz. Nach nur drei Monaten im Amt ging Vorstandschef Matthias Arleth (54) am Karfreitag.

    Erst vor einem Jahr musste Jörg Stratmann gehen – ein Manager aus dem Hause, der vor seinem Aufstieg an die Spitze jahrelang die Thermotechnik geführt hatte. Sein Vorgänger Wolf-Henning Scheider war Anfang 2018 kurzfristig zum deutlich größeren Konkurrenten ZF an den Bodensee abgewandert.

    Dominierende Person im Stiftungskonzern ist Aufsichtsratschef Heinz Junker, der das Unternehmen selbst 18 Jahre führte und auch die Entscheidungen in der Eigentümerstiftung bestimmt. Die duale Strategie des Unternehmens trägt seine Handschrift.

    Bei Teilen für Verbrennungsmotoren will Mahle als „last man standing“ im schrumpfenden Markt weiter Geld verdienen. Auf der anderen Seite wurde die Transformation zur Elektromobilität massiv vorangetrieben. Mit hohen Investitionen und Zukäufen stammen inzwischen 60 Prozent der Umsätze nicht mehr aus dem Verbrennergeschäft.

    Die Frage ist nur, ob das schnell und konsequent genug ging. Darüber scheint es immer wieder Auseinandersetzungen im Haus zu geben. Offensichtlich haben es die CEOs von Mahle nicht leicht, es ihrem Aufsichtsratschef recht zu machen.

    Aber Junker macht es jetzt den Personalberatern auch nicht leicht, Ersatz von außen zu finden. Bei der Besetzung mit Arleth war der Chefposten über zehn Monate vakant. Und seit dessen Ausscheiden sind auch schon wieder sechs Wochen ins Land gegangen, in der der Finanzchef interimsweise übernehmen muss.

    Das Unternehmen gilt als einer der größten Problemfälle der Branche.

    Autozulieferer Mahle

    Das Unternehmen gilt als einer der größten Problemfälle der Branche.

    Jüngstes Problemkind ist der in chinesischer Hand befindliche Sitzhersteller Grammer: Der ostbayerische Hersteller von Lkw- und Zug-Sitzen wird sich nach weniger als drei Jahren Ende Mai von seinem Vorstandschef Thorsten Seehars vorzeitig trennen. Seehars war erst im August 2019 vom Zug- und Lkw-Bremsenhersteller Knorr-Bremse gekommen. Technik-Vorstand Jens Öhlenschläger soll jetzt erst mal den Lückenbüßer spielen, bis Ersatz gefunden ist.

    Und das dürfte nicht einfach werden: Sitzhersteller produzieren austauschbare Produkte und sind bei hohem Materialanteil den galoppierenden Rohstoffpreisen und hohen Transportkosten stark ausgesetzt.

    Gute Chancen für ZF

    Die besten Chancen, adäquaten Ersatz an der Spitze zu finden, hat der zweitgrößte deutsche Automobilzulieferer ZF, schon allein deshalb, weil CEO Scheider im Frühjahr ankündigte, den auslaufenden Vertrag zum Jahresende nicht zu verlängern. Der neue Aufsichtsratschef und Ex-Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger muss also nichts überstürzen.

    Scheider hätte dem Vernehmen nach auch noch fünf Jahre dranhängen können. Er hat die Transformation des Getriebe- und Fahrwerkspezialisten gut vorangetrieben. Aber offensichtlich will der Automanager, der einst den Bosch-Konzern verließ, weil er unbedingt Unternehmenschef werden wollte, nicht die nächsten Jahre weitermachen. Denn die werden anstrengender als je zuvor:

    „Die Anforderungen in der Branche sind gewaltig“, sagt Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management. Und das größte Problem Digitalisierung stecke bei vielen Autozulieferern leider noch in den Anfängen. „Es wird wegen der Zielkonflikte in der Branche in den nächsten Jahren nicht leichter, Toppositionen bei Autozulieferern mit den richtigen Leuten zu besetzen“, sagt Headhunter Olaf Szangolies.

    Knorr-Bremse & Mahle: Manager in Wartestellung

    Allerdings sind einige hochkarätige Manager zumindest theoretisch auf dem Markt. Einer davon ist der nach der Übernahme durch die französische Faurecia ausgeschiedene Hella-Chef Rolf Breidenbach. Allerdings dürfte fraglich sein, ob der Manager ausgerechnet bei Mahle oder Knorr-Bremse anheuern würde.

    Beide Unternehmen waren bei ihren Versuchen gescheitert, Hella zu übernehmen. Sowohl für Knorr-Bremse als auch Mahle wäre Hella mit seiner Elektronik-Kompetenz ein strategischer Befreiungsschlag in der Transformation gewesen.

    Die Ex-Chefs von Knorr-Bremse Mrosik wie auch Arleth von Mahle sind ebenfalls wieder zu haben. Ihre Abgänge in jüngster Zeit prädestinieren sie nicht gleich für die nächste Aufgabe.

    Auch der ehemalige Bosch-Topmanager Harald Kröger, der beim Chefwechsel des Weltmarktführers nicht zum Zuge kam und ausschied, ist dadurch zwar nicht beschädigt, aber auch noch nicht wieder aufgetaucht. Und Frank Hiller, bis vor wenigen Monaten Chef des Motorenbauers Deutz, werden gute Kontakte in die Autozulieferer-Branche nachgesagt.

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