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13.03.2019

19:47

US-Flugzeugbauer

Die 737-Krise könnte Boeing Milliarden kosten

Von: Jens Koenen, Katharina Kort

Fast 4700 der Mittelstreckenjets sind bestellt. Die USA erteilen Startverbot für die Boeing 737 Max 8, und erste Airlines überdenken ihre Orders. Deren Wert: 55 Milliarden Dollar.

Auch die USA haben ein Startverbot für die Boeing 737 Max erteilt. Bloomberg

737 Max von American Airlines

Auch die USA haben ein Startverbot für die Boeing 737 Max erteilt.

Frankfurt, New YorkEin wenig wirkt es wie der Kampf zwischen den USA und dem Rest der Welt. Rund um den Globus darf die Boeing 737 Max 8 nicht mehr fliegen. Auch Kanada schloss sich am Mittwoch dem Verbot an. Bis zum Abend hat auch die amerikanische Flugaufsicht FAA an der Betriebserlaubnis für den Jet festgehalten. Flankiert vom Hersteller Boeing, der wieder und wieder erklärt, das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug sei sicher – ungeachtet zweier Abstürze in fünf Monaten mit fast 350 Toten.

Doch am Abend zogen die USA nach: US-Präsident Donald Trump ordnete an, alle Maschinen des umstrittenen Flugzeugtyps in den USA am Boden zu lassen. Die Order gelte ab sofort, teilte der Präsident am Mittwoch mit.

Trotzdem könnte sich diese zögerliche US-Strategie noch bitter rächen. Erste Fluggesellschaften denken laut über eine Stornierung des Flugzeugbestellungen nach. Vietjet etwa hatte erst Ende Februar bei Trumps Besuch in Vietnam bestätigt, dass man 200 der Flugzeuge abnehmen will – Wert: 25 Milliarden Dollar. Nun erklärt das Unternehmen, man werde über die Bestellung dann entscheiden, wenn die Ursache der Unglücke geklärt sei.

Kurz nach dem ersten Absturz Ende Oktober hatte auch die betroffene indonesische Lion Air erklärt, ihre 737-Max-Bestellung im Wert von 22 Milliarden Dollar zu überdenken. Hinzu kommen Überlegungen etwa von Kenya Airways, statt der avisierten 737 doch lieber das Modell A320 des Rivalen Airbus zu nehmen. Insgesamt wackeln damit Aufträge im Wert von 55 Milliarden Dollar.

Ob aus den Drohungen Realität wird, ist offen. „Ein Wechsel zu Airbus ist nicht trivial, ihn wird sich jeder Betreiber sehr gut überlegen. Airbus könnte so kurzfristig gar nicht Ersatz beschaffen“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting. Hinzu käme: „Die Airlines haben ein vitales Interesse daran, mindestens zwei Hersteller zur Auswahl zu haben. Sonst wäre man ja vollkommen von Airbus abhängig.“

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Der Fall 737 Max befeuert die Debatte, wie weit wir unsere Mobilität dem Computer anvertrauen können. Die Hersteller stehen vor großen Herausforderungen.

Fest steht: Das staatlich verordnete Parken der 737-Max-Flotte in weiten Teilen der Welt sorgt bei den Kunden von Boeing für wachsenden Unmut. Der Reisekonzern Tui muss durch den vorübergehenden Ausfall des Jets wohl mit Zusatzkosten von bis zu drei Millionen Euro pro Woche rechnen.

Ein Sprecher von Tuifly bestätigte eine entsprechende Berechnung von Berater Wissel und erklärte: „Natürlich haben wir jetzt zusätzliche Aufwendungen.“ Für Tui ist der Sonderaufwand verkraftbar. Der Konzern betreibt aktuell 15 Jets vom Typ 737 Max 8. Bei insgesamt 150 Flugzeugen der Tui-Flotte hat der Ausfall des Musters also eher kleinere Dimensionen.

Schadensersatzklagen drohen

Ob das Unternehmen Kompensationszahlungen von Boeing einfordern wird, wollte der Sprecher nicht sagen. Norwegian dagegen – mit 18 Stück der 737 Max der größte europäische Betreiber dieses Flugzeugtyps – will Schadensersatz einklagen.

Auch in den USA werden die Stimmen lauter, das umstrittene Modell am Boden zu lassen. Zwei Gewerkschaften der Flugbegleiter fordern das ebenso wie verschiedene Politiker beider Parteien. US-Präsident Donald Trump hatte auf Twitter am Dienstag die immer stärkere Automatisierung der Flugzeuge kritisiert.

„Flugzeuge werden viel zu kompliziert zu fliegen. Man braucht keine Piloten mehr, sondern Computerwissenschaftler vom MIT“, twitterte er. „Ich will nicht, dass Albert Einstein mein Pilot ist.“ Kurz darauf folgte ein Telefonat mit Boeing-CEO Dennis Muilenburg, der nach Medienberichten Trump von der Sicherheit der 737 Max überzeugte.

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Die US-Luftfahrtaufsicht FAA selbst hatte danach mitgeteilt, dass die Untersuchungen zwar weitergingen, die 737 Max jedoch weiterfliegen dürfe. „Bislang zeigt unsere Untersuchung keine systematischen Performance-Probleme, und es gibt daher keine Grundlage, das Grounding der Flugzeuge anzuordnen“, erklärte die FAA.

Nachdem Nachbar Kanada zunächst die Position der FAA gestützt hatte, teilte Verkehrsminister Marc Garneau am Mittwochnachmittag mit, dass auch sein Land aufgrund neuer Erkenntnisse den kanadischen Luftraum für 737-Max-Flugzeuge sperre.

Nähe von FAA und Boeing

Tatsächlich steht nicht nur Boeing, sondern auch die FAA immer stärker in der Kritik. Politiker und Experten stellen mittlerweile die Unabhängigkeit der Behörde infrage. Auch Ethiopian, deren 737 am Sonntag abgestürzt war, vertraut der FAA offensichtlich nicht so ganz. Die Airline schickt den Flugdatenschreiber des Unglücksjets anders als üblich nach Europa zur Auswertung.

Die US-Luftfahrtaufsicht FAA war 2005 dazu übergegangen, externe Experten zu nutzen, um die Sicherheit von neuen Modellen zu zertifizieren. Damit konnte Boeing selbst Experten benennen, die ihre Flugzeuge zulassen sollen. Hinzu kommt, dass die FAA Büros in den Boeing-Fabriken in Renton im Bundesstaat Washington und in South Carolina hat. In den Augen von Kritikern hat das eine gefährliche Nähe geschaffen.

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Der Vorsitzende des Transportausschusses des Repräsentantenhauses, Peter DeFazio, hatte dieses enge Verhältnis bereits in der Vergangenheit kritisiert. Er gehört ebenso wie die Demokratin Elisabeth Warren und der republikanische Gouverneur von Texas, Ted Cruz, zu den Politikern, die fordern, die Flugzeuge am Boden zu lassen.

Sara Nelson, Präsidentin der Flugbegleitergewerkschaft Association of Flight Attendants, hat in ihrem Kommentar ebenfalls die Behörde ins Visier genommen: „Die FAA muss das öffentliche Vertrauen wiederherstellen, indem sie die 737 Max so lange am Boden lässt, bis die notwendigen Änderungen durchgeführt worden sind und die Öffentlichkeit wieder sicher sein kann.“

Passagiere buchen Flüge um

Auch der ehemalige Transportminister und Republikaner Ray LaHood will den Jet parken. „Als wir beim Dreamliner Probleme mit den Batterien hatten, haben wir die Flugzeuge am Boden gelassen. Das hat Boeing nicht gefallen, aber wir haben es getan“, erinnert er sich. „Ich wäre besorgt, heute einen Flug mit diesem Modell anzutreten“, sagte LaHood mit Blick auf die 737 Max.

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Henry Harteveldt von Atmosphere Research glaubt aber nicht, dass die Sorgen der Passagiere den US-Airlines allzu sehr schaden werden. „Die 737 Max ist noch so neu, dass sie nur einen kleinen Teil der Flotte von American, Southwest und United ausmacht“, erklärte er.

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