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28.04.2020

15:09

US-Investor und Ex-Obama-Berater

Steven Rattner lehnt Hilfen für Autoindustrie ab: „Der Staat kann nicht alle Unternehmen retten“

Von: Astrid Dörner, Katharina Kort

In der Finanzkrise orchestrierte er für Obama die Rettung der US-Autokonzerne. Heute warnt Steven Rattner die Politik vor übereilten Hilfspaketen.

„Die Krise zu lösen ist natürlich zuerst die Aufgabe der Regierung, aber wir kommen an einen Punkt, an dem die Vermögenden in diesem Land mehr tun müssen.“ Kai Nedden für Handelsblatt

Steven Rattner

„Die Krise zu lösen ist natürlich zuerst die Aufgabe der Regierung, aber wir kommen an einen Punkt, an dem die Vermögenden in diesem Land mehr tun müssen.“

New York Steven Rattner hat die US-Autoindustrie schon einmal gerettet. Für den damaligen US-Präsidenten Barack Obama leitete er nach der Finanzkrise vor zehn Jahren die Task-Force zur Rettung von General Motors und Chrysler und verdiente sich damit den inoffiziellen Titel des „Auto-Zars“. Die Hilfsaktionen der Trump-Regierung in der Coronakrise verfolgt er derzeit genau. Eine erneute Rettung der Autoindustrie hält der heutige Vermögensverwalter von Michael Bloomberg jedoch nicht für nötig.

„Ich glaube nicht, dass es zur Rettung der Auto-Industrie kommt. Und ich sehe auch keinen Grund für eine Spezialbehandlung einer einzelnen Branche“, sagte Rattner im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Anders als nach der Finanzkrise sind derzeit alle Industrien gleichermaßen von der Coronakrise betroffen. Der Staat kann nicht alle Unternehmen retten“, ist er überzeugt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten auch die Fluggesellschaften kein Geld bekommen.

Anders als nach der Finanzkrise stünden die Autokonzerne derzeit auch nicht vor der Insolvenz. „Wir haben damals versucht, die Konzerne so aufzustellen, dass sie die nächste Krise überleben können“, sagt Rattner über seine Zeit als Auto-Zar. Heute hätten die Konzerne weniger Schulden und genug Liquidität, um auch bei deutlich niedrigeren Produktionszahlen profitabel zu sein.

Schon vor den durch Corona bedingten Werksschließungen waren die Autohersteller weltweit in einer schwierigen Umbruchphase. Themen wie Elektromobilität, autonomes Fahren und Ridesharing hätten sie schließlich schon vor dem Virus vor enorme Herausforderungen gestellt. „Sie werden die Virus-Rezession einigermaßen überstehen und dann vor den gleichen Herausforderungen stehen wie vorher“, gibt der Wirtschaftsexperte zu bedenken.

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    Tatsächlich sieht die Lage bei den amerikanischen Autoherstellern nicht mehr so rosig aus wie noch vor wenigen Jahren. Sie konnten zwar in den vergangenen Jahren dank der hohen Nachfrage nach margenstarken SUVs und Pickups immer noch satte Gewinne schreiben. Dabei haben es aber vor allem Ford und Fiat Chrysler verpasst, sich um wichtige Zukunftstechnologien zu kümmern.

    Bei Ford sieht es besonders düster aus. Unter der Führung von Jim Hackett arbeitet der Konzern seit zwei Jahren eher erfolglos an einer Restrukturierung. GM-Chefin Marry Barra dagegen hat schon 2018 angekündigt, die Produktion komplett auf Elektroautos umzustellen. Da ihr Plan auch Werksschließungen und Entlassungen vorsah, bekam sie den Zorn von Trump zu spüren. In diesen Tagen stellen die US-Autokonzerne vor allem Beatmungsmaschinen, Masken und Schutzanzüge her.

    Rattner hält nichts von Abwrackprämien

    Von Verschrottungsprämien, wie sie deutsche Autobauer derzeit fordern, hält Rattner nichts. „Wir haben sie damals in den USA auch angewendet. Aber wahrscheinlich haben wir damit nur den Zeitpunkt des Autokaufs beeinflusst und nicht die Nachfrage an sich“, blickt er heute zurück. Er glaubt, dass den Amerikanern angesichts der Arbeitslosigkeit die Lust auf neue Autos auch auf längere Zeit vergangen ist.

    Rattner leitet heute das Family Office Willet Advisors, das sowohl das private Vermögen des Medien-Unternehmers und ehemaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Bloomberg als auch die Gelder der Bloomberg-Stiftung anlegt. Für die nächste Zeit stellt er sich auf eine lange Schwächephase der US-Wirtschaft ein. „Unternehmen in allen Branchen fahren ihre Investitionen zurück und versuchen gerade abzuschätzen, wie viele Mitarbeiter sie nach dem Shutdown wirklich noch brauchen“, sagt er. Die Arbeitslosigkeit werde daher eine lange Zeit sehr hoch bleiben.

    Auch das sei eine Lehre aus der Finanzkrise: Es geht deutlich schneller abwärts als aufwärts. Die Erholung braucht Zeit. 2008 dauerte es 25 Monate bis zum Tiefpunkt und 51 Monate, bis die Wirtschaft vom Tief wieder auf das Vorkrisenniveau kletterte.

    Die Coronakrise führte angesichts des verordneten Stillstands zu einem deutlich schnelleren Einbruch. Das zeigen auch die Arbeitslosenzahlen: Seit Mitte März stellten rund 22 Millionen Amerikaner Anträge auf Arbeitslosengeld. Damit hat die Shutdown-Rezession in nur vier Wochen die gleiche Anzahl an Jobs vernichtet, die seit 2009 wieder aufgebaut wurden.

    Immerhin: Die Trump-Regierung war darauf bedacht, dass ein großer Teil des 2,2 Billionen Dollar schweren Hilfspaketes nicht bei Banken und Großkonzernen versackt, sondern Arbeitsplätze sichert oder Arbeitslosen zu Gute kommt. Das Arbeitslosengeld wurde für die kommenden vier Monate deutlich aufgestockt, so dass einige Geringverdiener nun sogar mehr Geld bekommen als zuvor. 350 Milliarden Dollar gingen an kleine und mittelständische Unternehmen.

    Doch das Paket hat seine Schwächen: Bei den Anträgen auf Arbeitslosigkeit gibt es große Verzögerungen. Und berechtigt sind nur diejenigen, die auch eine Sozialversicherungsnummer haben. Die vielen illegalen Einwanderer, die die Krise besonders stark trifft, haben darauf keinen Anspruch. Die Kredite für den Mittelstand haben zu chaotischen Zuständen bei den Banken geführt, die die von der Regierung gedeckten Gelder verteilen.

    Weitere Hilfen im Gespräch

    Rattner geht fest davon aus, dass es weitere Hilfsprogramme geben wird. „Die Regierung wird alles tun was nötig ist, um die Wirtschaft zu stützen“, ist er überzeugt. Im Gespräch sind unter anderem weitere Hilfen für kleine und mittelständische Unternehmen in Höhe von 310 Milliarden Dollar sowie Zuschüsse für Krankenhäuser, die schon am Dienstag verabschiedet werden könnten.

    Doch die Programme werden längst nicht allen Menschen helfen. Die demokratische Senatorin und ehemalige Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren fordert höhere Löhne für Krankenschwestern, Supermarktmitarbeiter und andere Berufe, in denen Menschen ihre Gesundheit riskieren, um das Land am Laufen zu halten. Ob es dafür genügend politische Unterstützung im republikanisch geführten Senat gibt, ist unklar.

    Rattner, dessen Frau Maureen White eine einflussreiche Geldbeschafferin für die demokratische Partei ist, warnt jedoch davor, zu hohe Erwartungen in die Stimuluspakete zu setzen. „Wir wollen alle, dass die Löhne von Geringverdienern steigen. Doch man sollte nicht versuchen, mit diesen Regierungshilfen zu viele Probleme auf einmal zu lösen“, gibt er zu bedenken. Das würde die Entscheidungsprozesse in der Politik nur noch weiter verzögern.

    Gerade unter Demokraten regt sich die Hoffnung, dass die Krise die Bereitschaft für langfristige Veränderungen in der US-Wirtschaft schaffen könnte. Allen voran Warren und Sanders plädieren für ein stärkeres soziales Netz mit einer gesetzlichen Krankenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und höheren Mindestlöhnen und verweisen auf die vergleichsweise starken sozialen Netze in vielen europäischen Ländern. 

    Die Pandemie zeigt die Spaltung zwischen Armen und Reichen im Land besonders deutlich. Wer seinen Job verliert, verliert damit auch seine Krankenversicherung. Millionen von Amerikanern sind zudem gar nicht versichert, weil sie in Teilzeit arbeiten oder als Teil der sogenannten „Gig Economy“ als Uber-Fahrer oder Lieferboten auf eigene Rechnung arbeiten und damit nicht genug Geld für eine Krankenversicherung haben. Aus Angst vor hohen Kosten trauen sich viele Amerikaner nicht zum Arzt – was in einer Pandemie besonders gefährlich ist.

    Zurückhaltend bei Investments

    Ob der Appetit auf große Veränderungen stark genug ist, wird sich bei der Präsidentschaftswahl im November zeigen. Der Demokrat Rattner ist „nicht allzu optimistisch.“ Der Fokus im Moment liege dabei, die schwersten wirtschaftlichen Schäden zu verhindern. „Sich auf große strukturelle Veränderungen zu einigen, ist extrem schwer. Vor allem, wenn der Senat und das Repräsentantenhaus nicht mehrheitlich von der gleichen Partei geführt werden“, sagt er.

    Als Vermögensverwalter eines der reichsten Männer des Landes ist er derzeit eher zurückhaltend, was Investments angeht. „Im März gab es ein paar gute Gelegenheiten an den Aktienmärkten, doch die Kurse haben sich erstaunlich schnell wieder erholt, man könnte fast sagen schneller als gerechtfertigt“, so Rattner. Bei Private-Equity-Investments seien die Preise noch nicht tief genug gefallen. „Die Verkäufer verlangen noch die Preise von vor der Krise, die Käufer wollen aber einen deutlichen Abschlag.“

    Michael Bloomberg, der den Großteil seines 54 Milliarden Dollar schweren Vermögens für gemeinnützige Zwecke einsetzen wird, gab bereits 40 Millionen Dollar für den Kampf gegen das Virus. Auch andere Milliardäre wie Microsoft-Gründer Bill Gates und Twitter-Chef Jack Dorsey spendeten. Doch das werde erst Anfang sein. „Die Krise zu lösen ist natürlich zuerst die Aufgabe der Regierung, aber wir kommen an einen Punkt, an dem die Vermögenden in diesem Land mehr tun müssen“, meint Rattner.

    Auch sollten sie sich darauf einstellen, dass die Debatte um eine Vermögenssteuer, die die linken Präsidentschaftskandidaten Warren und Bernie Sanders gefordert haben, zurückkehren wird. „Das Staatsdefizit wird so gewaltig werden, dass wir neue Steuereinnahmen finden werden müssen. Doch zunächst einmal müssen wir durch die Krise kommen.“

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