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02.11.2016

13:47 Uhr

VCI-Prognose

Chemie in Deutschland hinkt hinterher

VonSiegfried Hofmann

Die börsennotierten Chemiekonzerne überraschten zuletzt mit unerwartet guten Zahlen. Doch der Branchenverband zeichnet ein verhaltenes Bild. Rückläufige Preise und eine schwache Inlandsnachfrage bremsen die Industrie.

Der Branchenverband VCI meldete am Mittwoch für das dritte Quartal einen Produktionsrückgang. dpa

Chemieindustrie

Der Branchenverband VCI meldete am Mittwoch für das dritte Quartal einen Produktionsrückgang.

FrankfurtDie Chemieindustrie in Deutschland entwickelt sich derzeit schwächer als die börsennotierten deutschen Chemieunternehmen. Das ist die Schlussfolgerung, die man aus den jüngsten Daten von Unternehmen und dem Branchenverband VCI ziehen kann. Der VCI meldete am Mittwoch für das dritte Quartal einen Produktionsrückgang in der Branche um 0,5 Prozent sowohl gegenüber dem Vorquartal als auch im Jahresvergleich. Klammert man den Pharmabereich aus, ist die eigentliche Chemieproduktion sogar um 1,5 Prozent geschrumpft.

Für das Gesamtjahr stellt der Verband weiterhin ein leichtes Produktionsplus von 0,5 Prozent (inklusive Pharma) in Aussicht. Der Umsatz dagegen dürfte um drei Prozent auf 183 Milliarden Euro schrumpfen, und damit etwas stärker noch als bisher angenommen. VCI-Präsident Kurt Bock, im Hauptberuf Chef der BASF, verwies auf ein gemischtes Bild für die Branche. „Leider bekommen wir zur Zeit wenig Rückenwind durch das politische und wirtschaftliche Umfeld, so dass wir kaum Indizien für eine nachhaltige Belebung im Chemiegeschäft sehen“, wird er in der Mitteilung des Verbandes zitiert.

Die ersten Quartalszahlen aus dem Kreis der führenden deutschen Chemiekonzerne hatten dagegen in den vergangenen Wochen ein deutlich freundlicheres Bild vermittelt. Branchenführer BASF und der Kunststoffhersteller Covestro meldeten für das dritte Quartal immerhin jeweils sechs Prozent Absatzsteigerung im Chemiegeschäft und hatten mit ihren Ertragszahlen insgesamt die Erwartungen des Marktes übertroffen. Covestro bewegt sich derzeit auf Rekordniveau. BASF wurde zwar durch Gewinneinbußen bei Grundchemikalien sowie Öl und Gas gebremst, erzielte aber in den übrigen Chemiebereichen durchweg kräftige Ertragssteigerungen und höhere Absatzmengen. Die Mehrzahl der börsennotierten Chemiefirmen verbuchte seit Jahresbeginn kräftige Kursgewinne.

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

Covestro (Deutschland)
Der Werkstoffhersteller aus Leverkusen verweist den letztjährigen Zehntplatzierten, das US-Unternehmen PPG Industries, in seine Schranken und gehört nun mit einem Verdienst in Höhe von 16,94 Milliarden US-Dollar selbst zu den zehn umsatzstärksten Chemieunternehmen der Welt. Covestro firmierte bis 2015 als Bayer Material Science, spaltete sich dann aber vom Chemiekonzern ab – mit Erfolg.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2018 / Gesamtjahr 2017, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Akzo Nobel (Niederlande)

In der Branche der Farben und Lacke hat der Hersteller mit Sitz in Amsterdam eine marktführende Position inne. Unter allen Chemieunternehmen kann sich Akzo Nobel mit einem Umsatz von 17,46 Milliarden US-Dollar immerhin auf dem neunten Rang positionieren.

Platz 8

Linde (Deutschland)
Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 20,5 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den achten Platz im Unternehmensranking.

Platz 7

Henkel (Deutschland)
Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmittel, Schönheitspflege und Klebstoffe. 2017 fuhr das Unternehmen einen Jahresumsatz von 23,99 Milliarden US-Dollar ein. Damit konnte Henkel seinen Verdienst zwar im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Fünftel steigern, wird im Ranking aber dennoch von einer anderen Firma überholt.

Platz 6

Air Liquide (Frankreich)
Nach einem Umsatzplus von mehr als einem Viertel ist das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz der neue Sechstplatzierte. 24,38 Milliarden US-Dollar konnten 2017 eingenommen werden. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegaseherstellern der Welt.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)
Im Mittelfeld des Rankings und mit 34,48 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabische Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 35,41 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reicht es für den Hersteller von Methanol, Ethanol und Düngemittel weiter nicht für den Sprung unter die Top 3 – gerade in Anbetracht des gesunkenen Verdienstes (minus 11,55 Prozent) rückt das Podium nun auch in weitere Ferne.

Platz 3

Bayer (Deutschland)
Der deutsche Konzern muss seinen zweiten Platz an zwei fusionierte Konkurrenten abtreten. Auch der Umsatz geht auf 41,95 Milliarden US-Dollar zurück (minus 17,28 Prozent). Das Unternehmen mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutischen Industrie plant allerdings weiter selbst eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sind Bayer und Monsanto bereit, milliardenschwere Firmenteile zu verkaufen.

Platz 2

Dow Dupont (USA)
Zum 1. September des vergangenen Jahres wurde die Fusion der beiden US-Unternehmen Dupont und Dow Chemical vollzogen. Das neugeschaffene Unternehmen sichert sich mit einem gemeinsamen Umsatz in Höhe von 62,48 Milliarden US-Dollar zunächst mit weitem Abstand den zweiten Rang im Unternehmensranking. Es ist weiterhin geplant, das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufzuspalten.

Platz 1

BASF (Deutschland)
Unveränderter Spitzenreiter mit 77,24 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder als an Größe an sich gelegt werden.

Die Diskrepanz zwischen Unternehmensdaten und Branchentrend ergibt sich aus der unterschiedlichen Abgrenzung. Während die Verbandsstatistiker die Entwicklung der Chemie- und Pharmabetriebe im Inland verfolgen, sind in den Daten der Großkonzerne deren weltweite Aktivitäten inklusive der umfangreichen Auslandswerke enthalten. Mit diesen profitierten sie von moderatem Nachfragewachstum in Europa und Nordamerika sowie von einem unerwartet kräftigen Wachstum in China, wo das Geschäft im Vorjahr besonders schwach ausgefallen war.

Auch die Chemieunternehmen in Deutschland konnten mit ihrem Exportgeschäft zwar teilweise von der positiveren Auslandsentwicklung profitieren, im Inland ging der Absatz dagegen zurück. Zusammen mit rückläufigen Preisen ergab sich damit für die Branche in Umsatzrückgang von 4,5 Prozent im Inlandsgeschäft, während die Exporterlöse nur um zwei Prozent schrumpften. Deutliche Einbußen verbuchten dabei vor allem die Produzenten von Petrochemikalien (minus elf Prozent) sowie und Wasch-Körperpflegemittel (minus fünf Prozent). Moderater waren die Umsatzeinbußen dagegen in den anderen Chemiebereichen.

Die Pharmabranche, die etwa 30 Prozent der chemisch-pharmazeutischen Industrie repräsentiert, steigerte die Erlöse dagegen um 3,5 Prozent und konnte damit als einziger Teilbereich unter dem Dach des VCI im dritten Quartal zulegen. Das Gewicht der Arzneimittelhersteller innerhalb des VCI nimmt damit weiter zu.

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