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19.09.2018

17:30

VW-Skandal

Ex-VW-Chef Winterkorn soll Manipulation von Benzinern verlangt haben

Von: Jan Keuchel, René Bender

Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn soll schon 2011 illegale Tricks bei Benzin-Motoren befohlen haben. Er selbst schweigt zu den Vorwürfen.

VW: Winterkorn soll Manipulation von Benzinern verlangt haben dpa

Martin Winterkorn

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass Winterkorn schon früher als 2015 von Defeat Devices gewusst haben soll.

Braunschweig, WolfsburgSein Auftritt war steif, die Antworten fielen kurz aus. Als Martin Winterkorn am 19. Januar 2017 vor den Diesel-Untersuchungsausschuss trat, ließ er keinen Zweifel daran, dass er lange Zeit von den Vorgängen in seinem damaligen Konzern nichts wusste. Er verstehe bis heute nicht, warum er über die Probleme in den USA nicht frühzeitig informiert worden sei, ließ der Ex-VW-Boss die Abgeordneten wissen. „Ich hätte das nicht für möglich gehalten.“

Abschalteinrichtungen zur Abgasmanipulation? Für Winterkorn angeblich lange Zeit undenkbar. Den Begriff „Defeat Device“, so der 71-Jährige, habe er „sicher nicht vor September 2015“ gehört.

Schon länger gibt es Zweifel, ob diese Aussage zutreffend ist. Nun verrät ein Blick in die Akten der Staatsanwaltschaft Braunschweig, dass einer von Winterkorns engsten Mitarbeitern sich ganz anders erinnert. Sein Name: Jens Hadler, sein Job: Winterkorns Motorenchef bis 2011.

Er hat der Staatsanwaltschaft von einer längeren Sitzung mit seinem damaligen Chef berichtet – und davon, wie dieser auch vor dem Einsatz eines „Defeat Device“ nicht zurückschreckte. Auch damals ging es um die Steuerung von Abgasvorgängen. In diesem Fall jedoch beim Benzin-Motor. Eine Anfrage des Handelsblatts dazu bei Winterkorns Anwalt blieb unbeantwortet.

Die Strafverfolger in Braunschweig ermitteln wegen Betrug und Marktmanipulation gegen Winterkorn. Er selbst beharrt darauf, erst im September 2015, also kurz bevor der Betrug in den USA bekannt wurde, von den illegalen Abschalteinrichtungen in rund elf Millionen Dieselfahrzeugen erfahren zu haben. In den Unterlagen der Ankläger befinden sich allerdings Zeugenaussagen, nach denen Winterkorn womöglich schon im November 2007 über die Tricks informiert wurde. Er bestreitet das.

Knackpunkt Klimaanlage

Die Aussage des Chefs der Aggregateentwicklung Hadler, der selbst Beschuldigter ist, wirft nun ein neues Licht auf Winterkorns Haltung. Gleich an mehreren Tagen musste Hadler mit seinem Verteidiger bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig erscheinen, die ihn zusammen mit dem Landeskriminalamt Niedersachsen vernahm.

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Dort schilderte er Anfang 2018 auch detailreich ein Meeting aus dem Jahr 2011, bei dem Winterkorn und zahlreiche Manager anwesend waren. Einer der Tagungsordnungspunkte: die Abschaltung der Klimaanlage bei den US-Ottomotoren in den Fabrikaten Jetta und Passat.

Schon im Vorfeld, so Hadler, sei er darüber mit den „Klima-Leuten“ in Streit geraten. Denn das, was die Techniker vorhatten, stufte er als illegal ein. Offenbar wollten sie, dass die Klimaanlage erst dann ansprang, wenn der Katalysator auf Betriebstemperatur gebracht war. Da in den USA die Abgase gleich nach dem Start gemessen wurden, sollte der Katalysator so schnell wie möglich eine maximale Leistung, also Temperatur, erreichen.

Die Klimaanlage hätte aber Wärme abgezogen, die der Kat benötigt, um die eingeleiteten giftigen Abgase in unschädliche Stoffe umzuwandeln. Man könne dort doch „eine Funktion reinmachen“, hätten ihm die Techniker gesagt – und seien damit zu Winterkorn gegangen.

Warnung an den Chef

Als sie Winterkorn in dem Meeting ihren Plan vorstellten, sei der ganz begeistert gewesen, erzählt Hadler. „Mensch“, habe der VW-Boss gesagt, „das ist doch eine tolle Idee. Kann man ja so machen.“ Hadler jedoch habe Winterkorn gewarnt: „Nee, Chef, das geht nicht. Das wäre ein Defeat Device in den USA.“ Denn jegliche Software, die künstlich in Abgasvorgänge eingreift, ist dort verboten.

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Winterkorn habe trotzdem nicht lockergelassen, erst habe er gedrängt, dann sogar gedroht. „Na ja, jetzt hab dich mal nicht so und mach mal“, hat Winterkorn laut Hadler gesagt. Dann habe es geheißen: Und jetzt machst du das.

Ein Defeat Device, eine illegale Steuerung des Abgasvorgangs? Hadlers Schilderung legt nahe, dass Winterkorn der Begriff und seine Funktion sehr wohl bekannt waren, und zwar schon 2011. Und dass er sich davon offenbar nicht beirren ließ.

Im Gegenteil: Laut Aussage von Hadler hat Winterkorn ihm schließlich sogar mit Kündigung gedroht, sollte er das Defeat Device nicht einsetzen: „Dann such ich mir einen anderen, der das macht!“, soll Winterkorn erzürnt gerufen haben. Kurz darauf habe er laut Hadler sogar entschieden: „Jetzt schmeiß ich dich raus.“

Wurde der Plan am Ende umgesetzt? Jedenfalls nicht zu seiner Zeit, so Hadler, der noch im selben Jahr das Unternehmen verließ. Das Verhältnis zu Winterkorn war jedoch nach der Sitzung angeschlagen. Vier Wochen lang, berichtet Hadler, habe Winterkorn kein Wort mehr mit ihm gewechselt.

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