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24.06.2022

18:02

Werk-Schließung

IG Metall zur Ford-Schließung in Saarlouis: „Wurden eiskalt in einen Dumpingwettbewerb gezwungen“

Von: Stefan Menzel

Der US-Konzern Ford gibt in drei Jahren die Autoproduktion in Saarlouis auf. Die Gewerkschaft IG Metall fordert ein Nutzungskonzept für den bedrohten Standort.

Demonstrationszug in Saarlouis: Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (vorne links) beteiligt sich am Protest von IG Metall und Ford-Beschäftigten. IMAGO/BeckerBredel

Mitarbeiterprotest gegen Ford

Demonstrationszug in Saarlouis: Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (vorne links) beteiligt sich am Protest von IG Metall und Ford-Beschäftigten.

Düsseldorf Rund 4600 Beschäftigte stehen vor einer ungewissen Zukunft, wenn Ford in drei Jahren die Autoproduktion in seinem Werk in Saarlouis einstellt. Die IG Metall verlangt deshalb vom US-Autokonzern, dass er bald ein neues Nutzungskonzept für den bedrohten Standort vorlegt und „damit auch soziales Verantwortungsbewusstsein für seine Belegschaft“ beweist.

„Wir erwarten jetzt, dass Ford endlich Verantwortung für die Beschäftigten übernimmt und gemeinsam mit dem Betriebsrat, der IG Metall und der Politik tragfähige Zukunftsperspektiven für den Standort Saarlouis schafft“, sagte der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. Der Gewerkschaftschef sprach davon, dass der US-Autokonzern „verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln“ zeigen müsse.

Am Mittwoch hatte Ford angekündigt, dass die Fahrzeugproduktion in dem saarländischen Autowerk in drei Jahren eingestellt wird. In einem konzerninternen Bieterwettbewerb hatte Saarlouis gegen die Ford-Fabrik im spanischen Valencia verloren. Auf der iberischen Halbinsel und nicht in Deutschland soll zum Ende des Jahrzehnts eine neue Generation von Elektromodellen gefertigt werden. Ford ist in Europa auf dem Rückzug und fährt die Zahl seiner Pkw-Werke zurück.

IG-Metall-Chef Hofmann warf dem US-Autokonzern unsoziales Verhalten vor. „Ford hat die Standorte Saarlouis und Valencia eiskalt in einen Dumpingwettbewerb gezwungen: Wer die geringsten Kosten, die niedrigsten Löhne, die geringsten Steuern und Abgaben, aber die meisten Subventionen anbietet, der gewinnt“, sagte Hofmann. Für die gesamte Region im Saarland sei die geplante Einstellung der Fahrzeugproduktion ein schwerer Schlag.

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Standort erkennen

    Ähnlich äußerte sich auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD). „Das Schaulaufen der europäischen Standorte war ein zynischer Prozess, der wohl nur dazu diente, die Arbeitnehmerschaft in Valencia und Saarlouis gegeneinander auszuspielen und beide Standorte auszupressen wie eine Zitrone“, sagte die Politikerin.

    Über Jahre Milliardenverluste

    Allein das Ford-Management habe die Turbulenzen zu verantworten, in die das Unternehmen in den vergangenen Jahren geraten sei und die jetzt zur Aufgabe von Pkw-Standorten führten. Die Führungskräfte von Ford hätten lange Zeit darauf gesetzt, dass die Elektromobilität nur eine vorübergehende Erscheinung sei und bald wieder verschwinde.

    „Wer die Zukunft der Mobilität verpasst, der wird von genau dieser Zukunft überrollt werden“, betonte Anke Rehlinger. Ford galt in Sachen Elektromobilität lange Zeit als Nachzügler. Die Europatochter des Konzerns hat über Jahre hinweg Milliardenverluste geschrieben.

    Wie die IG Metall verlangt auch die saarländische Landesregierung, dass sich Ford nun für die Mitarbeiter einsetzt, denen in drei Jahren nach Einstellung der Autoproduktion die Arbeitslosigkeit droht. „Trotz oder gerade wegen der getroffenen Entscheidungen bleibt Ford auch über 2025 hinaus in der Verantwortung für die Beschäftigten, die jahrzehntelang für den Erfolg dieses Standortes gearbeitet haben“, sagte die Ministerpräsidentin.

    Ford Europa hatte selbst in den vergangenen Tagen mehrfach betont, dass die geplante Einstellung der Fahrzeugproduktion nicht automatisch die komplette Aufgabe des Standortes bedeute. An einem „signifikanten Stellenabbau“ werde Saarlouis allerdings nicht herumkommen, betonte Ford-Europachef Stuart Rowley. Eine konkrete Zahl nannte er dabei nicht.

    In Unternehmenskreisen ist von mindestens 2000 der 4600 Arbeitsplätze die Rede. In einem benachbarten Zulieferpark sind bei anderen Unternehmen noch weitere 1300 Menschen von der Einstellung der Autoproduktion bei Ford betroffen. Auch für sie sollen neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.

    Wie wird es mit dem Gelände weitergehen?

    Was allerdings künftig auf dem Gelände der Ford-Autofabrik passieren soll, ist derzeit noch völlig unklar. Der Autokonzern könnte der Eigentümer von Immobilien und Flächen bleiben und dort Teile für die eigene Autoproduktion in anderen Werken fertigen lassen. Im Gespräch sind dabei insbesondere Teile für Elektroautos wie Batteriekomponenten und andere Zulieferungen für elektrische Antriebe. Ford könnte auch Teile des Werksgeländes verkaufen und dort andere Unternehmen produzieren lassen.

    Die größte Hoffnung besteht im Saarland darin, dass ein anderer Automobilhersteller die Ford-Fabrik komplett übernimmt. Konkrete Hinweise darauf gibt es bislang nicht. Allerdings drängen insbesondere asiatische Autohersteller neu auf den deutschen und den europäischen Markt. Unternehmen wie Vinfast (Vietnam) und Aiways (China) könnten am Aufbau einer eigenen Produktion in Europa interessiert sein – allerdings ebenfalls mit klar verkleinerter Belegschaft.

    Ein Teil der Ford-Belegschaft wird sich wahrscheinlich beruflich komplett neu orientieren müssen. Ford und die Landesregierung wollen Betroffenen über eine Transfergesellschaft bei Umschulung und Weiterbildung helfen.

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