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06.10.2022

12:11

Zulieferer

Höchste Energieintensität in der Autobranche bringt Reifenhersteller Continental, Michelin und Pirelli in Bredoullie

Von: Roman Tyborski

Contis Erfolg hängt vom Reifengeschäft ab. Eine Studie zeigt, dass insbesondere die Pneuhersteller unter den hohen Energiekosten leiden. Bei Michelin und Pirelli ist die Lage noch kritischer.

Reifenhersteller sind auf Prozesswärme angewiesen und haben dadurch einen erhöhten Gas- und Stromverbrauch. dpa

Reifenproduktion

Reifenhersteller sind auf Prozesswärme angewiesen und haben dadurch einen erhöhten Gas- und Stromverbrauch.

Düsseldorf In der Autoindustrie sind die Lasten beim Energieverbrauch sehr ungleich verteilt. Zu diesem Ergebnis kommt die Ratingagentur S&P. In einer aktuellen Studie setzt S&P den Strom- und Gasverbrauch in Megawattstunden ins Verhältnis zum Gesamtumsatz, um die Energieintensität der Unternehmen zu ermitteln. Dabei kommt heraus, dass Autozulieferer eine dreimal höhere Energieintensität haben als Autobauer.

Reifenhersteller stechen besonders hervor. Der französische Konzern Michelin und der italienische Konkurrent Pirelli, die einen Großteil ihres Umsatzes mit Reifenprodukten erzielen, haben die mit Abstand höchste Energieintensität unter den Zulieferern. Continental folgt auf Platz drei. Bei Bosch, ZF und dem französischen Zulieferer Faurecia fällt die Energieintensität deutlich niedriger aus.

Die Reifenproduktion sei besonders energieintensiv und die hohen Energiekosten in Deutschland würden die gesamte Branche stark belasten, teilte eine Sprecherin von Michelin mit. Konkurrent Continental hat im vergangenen Jahr insgesamt rund neun Terawattstunden Energie verbraucht, wobei ein Großteil davon auf Strom und Gas entfiel. Gemessen an den variablen Kosten verursacht die Reifensparte die höchsten Energiekosten bei Continental. Der Anteil liegt bei etwa fünf Prozent. Die Autokomponentensparte hingegen habe einen geringeren Energiekostenanteil im Unternehmen.

Continental rechnet deswegen im laufenden Geschäftsjahr mit zusätzlichen Kosten in Höhe von 3,5 Milliarden Euro aufgrund der massiven Preissteigerungen bei Rohmaterialien, Vorprodukten, Energie und Logistik. Davon entfallen allein fast zwei Milliarden Euro auf das Reifengeschäft.

Die höheren Energiekosten bringen den Dax-Konzern zwar nicht in Bedrängnis. Doch dass ausgerechnet die energiehungrige Reifensparte wegen der steigenden Kosten einer höheren Belastung ausgesetzt ist, drückt die Gesamterträge des Konzerns. Denn die Autokomponentensparte schreibt derzeit Verluste und ist wegen der Transformation auf hohe Investitionen angewiesen. Diese werden unter anderem auch durch die Erträge der Reifensparte finanziert.

Autoindustrie arbeitet Rekordauftragsbestände ab

Laut dem deutschen Kautschukverband wdk haben sich die herstellungsrelevanten Kosten in den wesentlichen Produktgruppen von Kautschukartikeln seit 2019 um mehr als 60 Prozent erhöht. „Dem steht im ersten Halbjahr 2022 ein Umsatzzuwachs von lediglich einem Prozent gegenüber – bei einem Mengenabsatz in etwa auf Vorjahresniveau“, sagt wdk-Chefvolkswirt Michael Berthel. Diese Diskrepanz verdeutliche, dass die Unternehmen der Branche die Mehrkosten größtenteils selbst verkraften müssten – eine Situation, die nicht mehr lange durchzuhalten sei.

S&P schätzt die Lage nicht ganz so pessimistisch ein. Kurzfristig würden sich die Effekte in Grenzen halten, da Autobauer und Zulieferer in der Folge der Coronakrise und des Halbleitermangels noch rekordhohe Auftragsbestände abarbeiten müssen. Diese Aufträge dürften die Branche durch das Jahr 2022 und auch noch im ersten Halbjahr 2023 über Wasser halten, so die Ratingagentur.

Es sei zudem unwahrscheinlich, dass Autobauer in Europa wegen möglicher Energieknappheiten und höherer Preise ihre Produktion unterbrechen müssen, weil die Energiekosten bei Autoherstellern in Schnitt gerade einmal ein bis zwei Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen.

Dennoch besteht wegen der höheren Energieabhängigkeit der Zulieferer eine mögliche Gefährdung der europäischen Autoproduktion. „Auch wenn die Energieverfügbarkeit für Autohersteller kein direktes Problem darstellt, könnte sie dennoch über die Lieferkette ein Risiko für die europäische Autoproduktion darstellen“, berichtet S&P in der Studie.

Autobauer beginnen daher bereits, Komponenten von ihren Zulieferern aus Ländern zu beziehen, die weniger stark von möglichen Energieengpässen bedroht sind. Für große Unternehmen wie Continental, Bosch oder ZF mit ihrem weltweiten Produktionsnetzwerk stellt das kein Problem dar. Für stark regionalisierte Zulieferer allerdings ist das ein Risiko, da sie nur wenige oder gar keine Werke außerhalb Europas betreiben.

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