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"Wir sehen gerade auf der Welt einen nie da gewesenen Mix aus verschiedenen Krisen: Knappe Energie und Nahrungsmittel, steigende Rohstoffpreise, unterbrochene Lieferketten, China-Lockdowns, Ukrainekrieg. Keine Frage, die Unsicherheit ist groß. Und trotzdem gilt auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten: Je größer die Herausforderungen, desto größer die Innovationen! Deswegen dreht sich in unserer Innovation Week im Handelsblatt vom 10. bis zum 17. Juni in der Zeitung, digital und live alles um innovative und inspirierende Ideen und die Köpfe dahinter. Es geht um Geschäftsmodelle, Technologien, Trends und vieles mehr, mit denen wir auch dem beispiellosen Krisen-Mix begegnen können. Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft blicken.
Wir freuen uns auf Sie."

12.06.2022

10:31

Innovationsstandorte

Digitale Zukunft: In Singapur bringt der Roboter das Mittagessen

Von: Mathias Peer

PremiumInternationale Konzerne nutzen Singapur als Experimentierfläche. Zukunftstechnologien bekommen die Bewohner des Stadtstaats oft als Erste zu Gesicht.

Skyline von Singapur dpa

Singapur-Skyline

Das asiatische Land gilt mittlerweile als pulsierende Digital-Metropole.

Bangkok In seinem Labor in Singapur arbeitet Massimo Alberti daran, dass Tierversuche für Kosmetikprodukte keine Zukunft mehr haben. Mit seinem Start-up Revivo Biosystems hat der Gründer ein künstliches Modell der menschlichen Haut entwickelt, mit dem er testen kann, wie das Gewebe auf unterschiedliche Substanzen reagiert.

Auch der Blutfluss lässt sich mit dem System nachbilden, was deutlich realitätsnähere Analysen ermöglichen soll als bisher verwendete Verfahren. „Es geht mir nicht darum, jemanden moralisch zu verurteilen“, sagt Alberti. „Aus meiner Sicht gibt es aber einfach keinen Grund mehr, für Kosmetikprodukte auf Tierversuche zurückzugreifen.“

Dass Alberti, der ursprünglich aus Italien stammt, seine Entwicklung in Singapur zur Marktreife gebracht hat, ist kein Zufall. Seine Karriere als Start-up-Gründer in der südostasiatischen Metropole ist das Resultat einer gezielten Forschungs- und Wirtschaftsförderung, mit der sich der knapp sechs Millionen Einwohner große Stadtstaat als ein führendes Innovationszentrum Asiens etablieren konnte. Die Offenheit der lokalen Behörden für Neues sorgt dafür, dass die Einwohner der Großstadt Zukunftstechnologien oft als eine der Ersten zu Gesicht bekommen.

Die Liste der Experimente und Marktdebüts ist lang: Roboter kontrollieren Verhaltensregeln in öffentlichen Parks. Fahrerlose Fahrzeuge liefern Essen aus. Auf Speisekarten findet sich künstliches Fleisch aus Bioreaktoren. Und Flugtaxis bereiten sich in Singapur auf den Regelbetrieb vor.

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    Im „Global Innovation Index“ der UN-Organisation für geistiges Eigentum Wipo liegt Singapur seit Jahren unter den Top Ten der innovativsten Staaten der Welt – in Asien lässt das Land mit China und Japan die größten Volkswirtschaften des Kontinents hinter sich. Nur Südkorea schneidet in der Rangliste noch ein wenig besser ab.

    Deutsche Konzerne forschen in Singapur

    An Massimo Albertis Arbeitsort zeigt sich Singapurs Erfindergeist in hochkonzentrierter Form: Das Labor seines Unternehmens befindet sich im vierten Stock des Gebäudes „Nanos“ im Forschungscluster Biopolis.

    Die mehrere Hunderttausend Quadratmeter große Anlage in Singapurs Südwesten wurde vor fast zwei Jahrzehnten ins Leben gerufen und ist zu einem eigenen Stadtteil für die Biotechnologie-Branche herangewachsen. Die einzelnen Gebäude sind über gläserne Fußgängerüberführungen verbunden. Die Hoffnung, den Fortschritt durch Vernetzung voranzutreiben, schlägt sich hier auch in der Architektur nieder.

    In der Kantine von Biopolis, die mit malaiischen, japanischen oder vegetarischen Essensständen aufwartet, treffen zur Mittagspause Spitzenforscherinnen und -forscher unterschiedlichster Spezialgebiete aufeinander.

    Sie arbeiten in Einrichtungen wie dem Genom-Institut von Singapur, dem Labor des US-Pharmakonzerns Abbott oder gehören zu der Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die für den Konsumgüterkonzern Procter & Gamble neue Produkte für Marken wie Pantene und Febreze entwickeln – in der nach Unternehmensangaben größten privaten Forschungs- und Entwicklungseinrichtung der Metropole.

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    „Es fühlt sich hier ein bisschen an wie in einer Universitätsstadt“, sagt Ronny Sondjaja, der in Singapur das Forschungszentrum von Evonik leitet, das der Essener Spezialchemiekonzern 2018 im Biopolis-Cluster eröffnete.

    Auch andere deutsche Konzerne wie Bayer, SAP und Symrise sind mit Innovationszentren in Singapur vertreten. „Die Atmosphäre ist sehr jung – und geprägt vom gegenseitigen Austausch“, sagt Sondjaja über das Leben und Arbeiten in Biopolis.

    Auch mit Revivo-Gründer Alberti hat er sich bereits verbunden: Alberti war zu einer Networking-Veranstaltung von Evonik gekommen, erinnert sich Sondjaja. Weil die Arbeit des Gründers gut zu Evoniks Forschung zur Zukunft der Gewebezüchtung in Singapur passte, vertieften sich die Kontakte. Im vergangenen Jahr wurde Evonik dann Investor bei Albertis Firma und sieht sich seither als strategischer Partner.

    Für Alberti war die Evonik-Investition einer von mehreren entscheidenden Momenten seiner Unternehmerlaufbahn, in der er von der in Singapur engen Verzahnung von Start-ups mit Wissenschaft, Behörden und internationalen Konzernen profitierte. Der biomedizinische Ingenieur hatte nach seinem Studium in Mailand und Kopenhagen im Jahr 2014 eine Stelle in Singapurs Wissenschafts- und Forschungsagentur A-Star angeboten bekommen.

    Die staatliche Institution hat das Ziel, Singapurs Position als Innovationszentrum zu festigen – und will sich dabei ausdrücklich auf Entwicklungen konzentrieren, die das Wirtschaftswachstum in dem Land befeuern können.

    Alberti bekam in der Agentur die Freiheit, sich auf die Entwicklung seines Gewebemodells zu konzentrieren – und kam in Kontakt mit Wirtschaftsvertretern, um mit ihnen zu überprüfen, ob seine Arbeit für die Industrie auch tatsächlich einen praktischen Nutzen hat.

    Behörden unterstützen Innovationen

    Das Feedback der Unternehmen fiel laut Alberti so positiv aus, dass er sich im Plan bestätigt fühlte, aus seiner Forschung ein Unternehmen zu machen. Er einigte sich mit A-Star darauf, seine Arbeit als Spin-off weiterzuführen.

    Finanzielle Unterstützung erhielt er dabei von SG Innovate, einer Risikokapitalfirma der Regierung, die sich gezielt an Wissenschaftler bei der Unternehmensgründung wendet. „Man hat hier das Gefühl, dass das Land ein echtes Interesse daran zeigt, dass man als Unternehmer erfolgreich ist“, sagt Alberti.

    Die Gründerkultur des Stadtstaates ist unter anderem Resultat der Schwächen, die Singapur sich selbst attestiert. Der Inselstaat am Äquator verfügt über wenig Platz und so gut wie keine vermarktbaren, natürlichen Ressourcen.

    Den Aufstieg zu einer der wohlhabendsten Industrienationen der Welt schaffte das Land aber, indem es sich als eines der ersten Länder in Asien weitgehend für Investoren aus aller Welt öffnete und Branchen wie die Finanzindustrie mit vergleichsweise liberalen Rahmenbedingungen gedeihen ließ.

    Das allein reicht im internationalen Wettbewerb aber nicht mehr aus. „Wenn wir nicht innovativ sind, werden wir stagnieren“, warnte Zentralbankchef Ravi Menon im vergangenen Jahr. Eine der großen Stärken Singapurs sei die Fähigkeit, bewährte Ansätze aus anderen Ländern an die lokalen Gegebenheiten anzupassen. „Aber wir müssen es verstärkt wagen, selbst ein Vorreiter zu sein – wohl wissend, dass wir bei einigen unserer Bemühungen gelegentlich scheitern werden“, sagte Menon.

    Der Versuch, diese Pionierrolle einzunehmen, macht Singapur zunehmend zur Experimentierfläche für internationale Konzerne. Die Bewohner des Stadtteils Boon Keng bekamen in den vergangenen Monaten zur Mittagszeit regelmäßig einen orangefarbenen, kniehohen Roboter mit vier Rädern und langer Antenne zu sehen, der ohne menschliche Begleitung über Gehwege und Zebrastreifen rollte.

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    Bei dem Gefährt, das wie eine Mischung aus klobigem Rollkoffer und Science-Fiction-Charakter wirkt, handelt es sich um eine Entwicklung des deutschen Automobilzulieferers Continental, der sich in einem zehnmonatigen Pilotversuch von dem Roboter Essen in sein Singapurer Büro liefern ließ. Auch der Fahrdienstvermittler und Lieferdienst Grab startete vor wenigen Wochen in Singapur einen Test, bei dem Essen mit einem autonom fahrenden Wagen zugestellt wird.

    Die Behörden unterstützen die Experimente ausdrücklich – obwohl noch nicht bis ins letzte Detail geklärt ist, wie sich die Roboter im öffentlichen Leben zu verhalten haben, um Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer möglichst wenig zu stören. Die Regulierung innovativer Technologien folge in Singapur vielfach dem Prinzip „Einfach machen“, urteilt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

    Risiken würden erst diskutiert, wenn sie tatsächlich auftreten. „Diese Ex-post-Betrachtung steht im Gegensatz zu der oftmals in Deutschland praktizierten Herangehensweise, alle Eventualitäten bereits im Vorfeld zu bedenken und auszuschließen“, heißt es in der Stiftungsanalyse.

    Unternehmen schielen auf technische Talente

    Singapurs Bevölkerung ist es deshalb gewohnt, immer wieder auf futuristische Feldversuche zu stoßen. Auf dem Höhepunkt der Pandemie wurden sie in einem Park von einem Roboterhund des Herstellers Boston Dynamics daran erinnert, Abstand zu halten.

    Über der Marina Bay im Stadtzentrum konnten die Einwohner Testflüge des deutschen Flugtaxi-Start-ups Volocopter erleben, das ab 2024 regelmäßige Flüge in Singapur anbieten will. Und in den Restaurants der Metropole wird künstliches Geflügel des US-Start-ups Eat Just serviert, seitdem Singapur Ende 2020 als erstes Land der Welt den Verkauf für im Labor gezüchtetes Hühnerfleisch erlaubte.

    Neben der Flexibilität der Behörden sieht Evonik-Forschungsleiter Sondjaja die Vielfalt der Talente als wichtigsten Grund für die Erfolge von Singapurs Innovationslandschaft. „Die Arbeitssprache ist Englisch, das Umfeld ist ausgesprochen international“, sagt er. In seinem Team von rund 90 Mitarbeitern komme rund ein Drittel aus dem Ausland. Sondjaja selbst stammt ursprünglich aus Indonesien – vor 20 Jahren zog er zum Studium nach Singapur.

    Angesichts hoher Einkommensungleichheit und stark steigender Lebenshaltungskosten wuchs in Singapur zuletzt aber die Kritik am stetigen Zuzug von Ausländern. Die Regierung reagierte mit strengeren Auflagen für Visa und Arbeitsgenehmigungen, die im kommenden Jahr in Kraft treten.

    Sondjaja warnt davor, die Hürden zu hoch zu machen. „Wir benötigen hochspezialisierte Mitarbeiter, die wir in manchen Fällen eben nur im Ausland finden“, sagt er. „Am Ende profitiert auch Singapur davon, dass wir ihre Expertise ins Land bringen.“

    Mini-Serie Innovationsstandorte: Das Handelsblatt stellt im Rahmen der Innovation Week fünf international bedeutende, aber weniger bekannte Innovationsstandorte und ihre Stärken vor: Singapur und Seoul, Raleigh und Toronto sowie Helsinki.

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